Esther und Hendrik Pfeiffer sind Deutschlands erfolgreichstes Läuferpaar –und ein beeindruckendes Team, das sich gegenseitig unterstützt. Mit einem großen Ziel und einer Vision. Leicht aber war und ist ihr Weg nicht immer. Ein Gespräch.Sie zählen zu den Stars der deutschen Laufszene – und werden immer stärker, seit sie gemeinsam durchs Leben gehen: Esther und Hendrik Pfeiffer treibt ein gemeinsamer sportlicher Traum, aber auch eine Vorstellung vom Leben und dem Laufen.Da ist also Esther Pfeiffer, 28, geborene Jacobitz. Ihr Masterstudium in Psychologie stellt sie aktuell dem Laufsport hintan. Pfeiffer, die 2024 mit dem Team EM-Silber in der Halbmarathonwertung holte, gewann 2025 weltweit den Wings for Life World Run der Frauen mit 59,03 absolvierten Kilometern. 2026 schaffte sie 60,33 km und wurde Zweite. Aktuell ist sie deutsche Meisterin im 10-km-Straßenlauf und zum dritten Mal in Folge im Halbmarathon. Ihre Bestleistung darin: 67:25 Minuten. Seit Januar 2024 ist sie mit Hendrik Pfeiffer, 33, verheiratet. Das Paar lebt in seiner Heimatstadt Düsseldorf. Bei seinem Marathondebüt 2016 qualifizierte sich Pfeiffer für die Olympischen Spiele in Rio, konnte aber verletzungsbedingt nicht antreten. 2021 in Tokio startete er nach einer Covid-Erkrankung geschwächt. Seine Marathon-Bestzeit: 2:06:34 Stunden, aufgestellt kürzlich in Boston. Größte Erfolge: EM-Silber 2022 in der Teamwertung, Achter 2025 in Berlin. Er studiert Journalismus.WELT: Laufen ist Ihr Leben, auch Ihr gemeinsames Leben. Wie viel hat das noch zu tun mit einer gewissen romantischen Vorstellung von Laufen als Lebenselixier?Hendrik Pfeiffer: Wir legen immer noch großen Wert darauf, uns genau das zu erhalten und dass uns Laufen mehr zurückgibt, als wir reinstecken. Auch wenn wir Profisport betreiben. Natürlich ist nicht jeder Tag schön und auch Drucksituationen können manchmal ungesund sein, aber unterm Strich sollte es mich mehr erfüllen, als dass ich mich aufopfere. Ich finde es auch wichtig, das so vorzuleben, weil Profisport ja auch eine Daseinsberechtigung aufgrund einer Vorbildfunktion hat, damit Menschen motiviert werden, auf eine gesunde Art Sport zu treiben und nicht in einer Leistungsmühle feststecken. Lesen Sie auchWELT: Für manch einen ist Laufen auch Stressabbau. Was bedeutet es Ihnen? Hendrik: Es ist eine Form, sich selbst zu verwirklichen. Und wenn man viel investiert, sieht man Resultate. Das hat uns beide früh fasziniert. Esther Pfeiffer: Ich finde diesen Progress einfach motivierend. Diesen Fortschritt. Laufen ist eine sehr ehrliche Arbeit, ein sehr ehrlicher Sport.Hendrik: Weil du Schwarz auf Weiß schnell Erfolge siehst, aber auch schnell abgestraft wirst, wenn du mal weniger diszipliniert bist. Dementsprechend ist es auch ein harter Sport, aber am Ende ist es sehr erfüllend, wenn man sieht, dass man sich entwickelt und sich etwas aufbauen kann. Wir haben im Training aber auch Momente, in denen wir einfach genießen, dass wir draußen sind und ein Hobby als Beruf ausüben. Dass man sich bewegt und etwas Gutes tut für den Körper. Und man kommt natürlich viel herum auf der Welt. WELT: Die normalen Trainingseinheiten und Regeneration, dazu Social Media, Kooperationen, Podcasts, Coaching-Programme für Hobbyläufer: Sie sind vielbeschäftigt. Besteht nicht die Gefahr, sich zu verzetteln und den Fokus zu verlieren?Hendrik: Das Training, der Leistungssport ist und bleibt der Kern des Ganzen. Bei allem, was wir machen, muss man aber natürlich mit seinen Kräften haushalten. Esther: Was nicht immer leicht ist. Manchmal habe ich in einer Pause, in der ich mich eigentlich erholen sollte, recht viel zu tun. Zum Beispiel bei Talks und Vorträgen, bei denen ich dann zudem ziemlich nervös bin. Es besteht schon die Gefahr, zu viel zu machen, weil es einfach Spaß bringt.Hendrik: Uns ist es zum Beispiel auch bei Wettkämpfen wichtig, nahbar zu sein, weil wir Menschen motivieren möchten. Das ist aber kein Stress, sondern ein schöner Austausch. Ich finde, man muss sich nicht nur als Sportler definieren. WELT: Als was definieren Sie sich denn?Hendrik: Vielleicht sogar als kleines Startup mit dem Spitzensport als Kern. WELT: Notwendig in der heutigen Zeit? Oder notwendig, um unabhängig zu sein?Hendrik: Wir haben uns drumherum viel aufgebaut, weil wir es spannend und schön finden. Und man lernt viel. Wenn ich plötzlich Geschäftspartnern gegenübersitze und Sachen aushandle, sind das Fähigkeiten, die im späteren Leben helfen. Man wird durch den Sport in vielen Bereichen indirekt oder direkt geschult. Ich finde, es gibt eigentlich keine bessere Vorbereitung auf das Leben danach als eine Sportkarriere. Wir beide haben natürlich auch den Riesenvorteil, dass wir uns gegenseitig auch mal abpuffern können. Lesen Sie auchWELT: Sie sprechen es gerade an. Wie profitieren Sie voneinander?Esther: Wir haben unterschiedliche Stärken, was sehr wertvoll ist. Ich habe viel von Hendrik gelernt, auch trainingstechnisch und was die Regeneration, das ganze Drumherum betrifft, und mich an ihm orientiert. Ich bin außerdem ein nervöser Typ – Hendrik ist mein Ruhepol. Vor allem bei Wettkämpfen ist das sehr wertvoll. Andersherum würde ich sagen, dass ich kreativer bin und ihn dahingehend ein bisschen pushe. Hendrik: Es ist vor allem auch wichtig zu wissen, was der andere braucht. Und das Verständnis zu haben, und das haben wir, da wir beide Spitzensport betreiben. Ich kann Esther ja sogar im Wettkampf helfen, was ein wichtiges Plus sein kann – ich kann ihr jedes Rennen pacen. Wir können uns einfach perfekt ineinander hineinversetzen, Ratgeber des anderen sein. Auch motivationstechnisch, denn meistens sind nicht beide am Boden. Und wenn einer extrem motiviert ist, färbt das auf den anderen ab. Esther: Der Zuspruch und die Unterstützung, die wir uns gegenseitig geben, ist extrem wichtig.WELT: Aber es birgt auch Herausforderungen, mit dem Partner Wohnung, Arbeitsplatz und dieselbe Leidenschaft zu teilen. Das kann auch mal auf die Nerven gehen, oder? Hendrik: Finde ich gar nicht. Ich sehe es komplett positiv und als großen Vorteil. Das ist alles sehr angenehm. Natürlich streiten wir mal, gerade in Stresssituationen. Aber wenn wir zum Beispiel unterschiedliche Wettkampfreise haben, freut man sich, wenn man wieder zusammen ist. Nach jetzt sechs Jahren ist es auf jeden Fall noch nicht weniger, sondern eher mehr geworden. Esther: (lacht) Aber das siebte Jahr kommt ja erst noch. WELT: Wie oft trainieren Sie denn zusammen? Esther: Dadurch, dass wir zwei Laufbänder nebeneinander haben, oft zeitgleich, aber nicht zusammen. Hendrik: Wir machen dann beide unser Ding, aber oft genug absolvieren wir auch einen Dauerlauf zusammen. Esther kann bei mir mitlaufen, ohne dass ich mich extrem verlangsamen muss. Wenn es bei ihr ein schnellerer Dauerlauf ist und bei mir ein normaler, dann passt es gut. Oder wenn einer von uns einen Longrun macht, begleitet ihn der andere die letzten zehn Kilometer mit dem E-Bike. Esther: Ich muss sagen, dass ich durch Hendrik viel härter trainiere und im Wettkampf auch auf längere Distanzen gegangen bin. Hendrik: Esther wiederum ist deutlich intensiver als ich unterwegs, was Risikobereitschaft angeht. Ich versuche tendenziell auch mal, ein Rennen abzusichern. Ihr Ansatz ist anders. Sie wagt etwas – das kann schiefgehen, hat sie aber in die europäische Spitze gebracht. Ich habe dadurch gelernt, mehr zu riskieren, auch wenn es nicht ganz einfach ist, weil wir im Marathon nur wenige Chancen im Jahr haben. Wenn ein Rennen schiefgeht, sind die Konsequenzen oft groß. Lesen Sie auchWELT: Stichwort Wagnis. Esther, wann geht es auf die Marathon-Distanz? Esther: Ich werde jetzt die ersten Vorbereitungen angehen. Im Herbst wird es dann so weit sein, wann und wo steht aber noch nicht fest. Ich habe beim Halbmarathon in Düsseldorf letztens gemerkt, dass ich 68 Minuten laufen kann und es mich nicht mehr komplett fordert. Deswegen glaube ich, dass ich von der Basis und Schnelligkeit gut aufgestellt bin. Jetzt muss ich vor allem auf Longruns setzen, damit ich das hinten raus gut stehen kann. WELT: Was reizt Sie am Marathon? Der Mythos? Olympia? Die Majors? Esther: Die Halbmarathon-Distanz ist nicht olympisch – und ich möchte gemeinsam mit Hendrik 2028 zu den Olympischen Spielen. Es ist zudem die Königsstrecke. Das macht es natürlich verlockend, sie zu früh anzugehen, ohne die Unterdistanzen gut genug entwickelt zu haben. Dann kann man aber nicht das Maximale herausholen. Von meinen Leistungen auf den Unterdistanzen bin ich jetzt aber so aufgestellt, dass ich mir im Marathon mit entsprechendem Training viel zutraue. Ich muss den Umstieg jetzt auch machen, weil der Qualifikationszeitraum für Olympia anderthalb Jahre vorher beginnt. Und ich kann ja nicht davon ausgehen, dass mein Debüt gleich top funktioniert. Man braucht ein bisschen Übung – ich habe wirklich Respekt. Ich bin ja mal einen Marathon halbwegs unvorbereitet gelaufen, und das ging nach hinten los.WELT: Gewonnen haben Sie in 2:37:00 Minuten damals, 2023 bei den Deutschen Meisterschaften in Köln, dennoch. Warum sind Sie angetreten?Esther: Weil das Feld nicht so stark besetzt war und ich eine Chance sah zu gewinnen. Es gab zudem 6000 Euro Preisgeld. Und zu dem Zeitpunkt habe ich um meine Existenz gekämpft. Mit dem Preisgeld, dachte ich, kann ich nach Kenia fliegen, um meine nächsten Entwicklungsschritte zu machen. Ich wollte gewinnen, um mich sportlich weiterfinanzieren zu können, aber der Marathon war viel zu früh. WELT: Mittlerweile sind Sie durch Ihr kleines Start-Up unabhängig von Verband und Sportförderung, richtig?Esther: Ja, ich bin unabhängig. Da hat sich bei mir in den letzten ein, zwei Jahren viel verändert, weil ich jetzt auch auf einem ganz anderen Level laufe. Sportförderung ist ja zudem gedeckelt, sodass man ab einem gewissen Verdienst keine bekommt. Hendrik: Als Esther den Verband gebraucht hätte, war er nicht da. Jetzt ist es eine andere Situation. Sie ist weite Wege gegangen, um dahin zu kommen, wo sie jetzt ist, weil sie nie im Fördersystem war. Ich kann jeden verstehen, der in einer ähnlichen Situation aufgehört hätte. WELT: Das müssen Sie kurz erklären. Hendrik: In Esthers Fall war es so, dass der Schritt vom Halbmarathon zum Marathon im deutschen Fördersystem nicht vorgesehen ist. Esther: Aber man läuft nicht erst 3000, 5000, 10.000 Meter und ein Jahr später dann Marathon auf Top-Niveau, sondern arbeitet sich vor über den Halbmarathon.Hendrik: Dieser Entwicklungsschritt wurde mal gestrichen und ist im System nicht mehr vorgesehen. So kam es dazu, dass Esther vom DLV als „Läuferin des Jahres“ geehrt wurde, aber gleichzeitig nicht vom Verband gefördert wird. Das hat aber nicht dazu geführt, das System anzupassen.WELT: Esther, warum sind Sie drangeblieben? Esther: Ich liebe diesen Sport und war fest davon überzeugt, dass ich mein Potenzial noch nicht ansatzweise ausgereizt hatte. Deswegen habe ich natürlich mit allem was ich habe, dafür gekämpft. Meinen ersten Halbmarathon bin ich 2022 mit zwei wirklich harten Arbeitstagen auf der Messe des Köln Marathons in den Beinen gelaufen, da ich damals ohne diese kleinen Jobs den Sport nicht mehr finanzieren konnte.WELT: Hendrik, Sie hatten im vergangenen Jahr einen Disput mit dem DLV und auch aktuell. Kurz gesagt geht es um Kaderrichtlinien, Nominierungen und Unterstützung. 2025 ging es um die WM-Teilnahme. Sie hatten die internationale Norm erfüllt, nicht aber die interne des DLV. Ein Platz wurde frei, blieb aber unbesetzt. Hat Sie das demotiviert oder angetrieben?Hendrik: Ich lasse mich bei solchen Sachen nicht von Emotionen leiten. Mir geht es um die Sache, nämlich dass ein System den Athleten dienen soll. Und in meinem Fall hatte ich gravierende Konsequenzen dadurch, dass es nicht so ist. Jeder Athlet träumt davon, mal bei Olympia und einer WM zu starten. Und der WM-Traum wurde mir genommen, ohne Not. WELT: Sie gelten manchen als unbequem im Verband. Zuletzt gab es gegenseitige öffentliche Vorwürfe. Wie ist die Situation?Hendrik: Aktuell werde ich komplett vom Verband ignoriert. Ich schreibe, und es kommt keine Antwort. Aus meiner Sicht wird nicht im Sinne der Athleten gehandelt. Für mich ist das eine schwierige Situation und auch mental eine massive Herausforderung. Du arbeitest, aber eigentlich ist dein Verband gegen dich. Ich sehe am eigenen Leib, was es für Konsequenzen hat, Sachen anzusprechen. Ich werde ignoriert, als Querulant hingestellt und als würde ich nur für meine persönlichen Vorteile kämpfen. Aber das ist nicht der Fall. WELT: Sondern?Hendrik: Es geht mir darum, ein System zu verbessern, in dem wir uns bewegen. Es ist doch sinnvoll, mündige Athleten zu haben. Uns ist es wichtig, in solchen Fällen Rückgrat zu haben. Ich bin keiner, der gerne öffentlich Kritik äußert, aber wenn etwas grob schiefläuft, ich keinen Reformwillen sehe und der interne Weg abgeblockt wird, bleibt mir keine Wahl. Natürlich ist das anstrengend, aber wir haben ja darüber gesprochen, wofür man als Athlet stehen will. Und ich stehe auch dafür, Dinge zu benennen, die falsch laufen, und dafür zu kämpfen, dass es sich ändert.