Er ist Tierarzt, Fünfkämpfer und beteuert seine Unschuld – seine Frau ist zwanzig Jahre jünger, hat einen Liebhaber und verschwindet spurlosVor 30 Jahren wird Heike Bilkei getötet. Wie, darüber rätselt die ganze Schweiz.25.05.2026, 05.04 Uhr7 LeseminutenEiner der grössten Indizienprozesse des Landes: Gabor Bilkei vor dem Zürcher Geschworenengericht.Ullstein / GettyEin Wohnhaus in Dübendorf. Es wirkt gewöhnlich. Wer heute daran vorbeigeht, ahnt nicht, dass sich hier vor 30 Jahren ein Fall abspielte, der die Schweiz über Jahre beschäftigte und zu einem der grössten Indizienprozesse des Landes führte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Damals befindet sich im Erdgeschoss die Tierarztpraxis von Gabor Bilkei, darüber lebt der Tierarzt mit seiner Frau Heike und zwei Kindern. Die Familie ist beliebt, nach aussen gilt sie als unauffällig. Bis im Mai 1996 eine Freundin Heike als vermisst meldet.Kapitel 1: Das Leben davorÜber den Täter Gabor Bilkei wurde jahrelang geschrieben.Über sein Leben vor der Tat fast nie.1944 kommt er in Ungarn zur Welt, als Sohn eines Kavallerieoffiziers und, wie er später vor Gericht sagt, einer «liebevollen Mutter». Er ist ehrgeizig, sportlich begabt, wird Fünfkämpfer. Um an die Weltspitze zu gelangen, dopt er sich mit Amphetaminen und Anabolika.Mit 22 heiratet er eine ungarische Turmspringerin. Wenige Jahre später verlässt er seine Heimat zu Fuss über Jugoslawien und Italien Richtung Schweiz. Warum genau, bleibt auch in den späteren Berichten vage.In Dübendorf eröffnet Bilkei eine Tierarztpraxis. Er beginnt ein neues Leben und heiratet eine Witwe, Mutter zweier Kinder. Das Paar bekommt zwei gemeinsame Söhne. Später wird Bilkei diese Frau vor Gericht die «grosse Liebe meines Lebens» nennen.Beim Sport lernt er die zwanzig Jahre jüngere Heike kennen. Er trainiert sie im Modernen Fünfkampf – erfolgreich: 1985 wird sie Schweizer Meisterin. Vier Jahre später, Bilkei ist inzwischen von seiner ersten Frau geschieden, heiraten die beiden.Nach aussen wirkt das Leben geordnet: angesehener Tierarzt, Kinder, Eigenheim, Ferienwohnungen im Kanton Luzern und in Südafrika. Heike arbeitet in der Praxis ihres Mannes, erledigt Büroarbeiten, putzt.Doch hinter der bürgerlichen Fassade zeigen sich Abgründe.Freundinnen erzählen später vor Gericht, Bilkei sei eifersüchtig gewesen, habe seine Frau kontrolliert und sie teilweise nicht einmal allein aus dem Haus gelassen.Als Heike eine kurze Liaison mit einem Reitkollegen beginnt, wächst ihre Angst. Zu einer Freundin sagt sie: «Wenn Gabor davon erfährt, werde ich im Sarg herausgetragen.»Kurz darauf zieht sie mit den Kindern vorübergehend in die Ferienwohnung der Familie nach Emmetten, um sich über die Zukunft klar zu werden. Von dort ruft sie eine Freundin an. Sie müsse etwas erzählen, sagt Heike. Aber sie könne nicht laut sprechen – Gabor sei da.Die beiden Frauen verabreden sich zum Reiten.Es ist der 29. April 1996.Heike Bilkei verschwand spurlos. Dann macht ein Spaziergänger in einem Wald eine grausige Entdeckung.Kantonspolizei Zürich / KeystoneKapitel 2: Wer hat Heike Bilkei gesehen?Am 24. Juli 1996 wird aus einem privaten Drama ein öffentlicher Fall. Die Kantonspolizei Zürich veröffentlicht eine Vermisstmeldung:«Wer hat Heike Bilkei seit dem 29. April gesehen?»Für Hinweise, die zur Klärung beitragen, werden 10 000 Franken Belohnung ausgesetzt.Nun greifen die Medien den Fall auf. Schlagzeilen erscheinen, Fernsehteams berichten. Die Vorgeschichte wird aufgerollt.Bereits am 17. Mai hat die Freundin Heike Bilkei als vermisst gemeldet. Sie sei nicht wie verabredet zum Reiten erschienen und sei auch nicht erreichbar, erzählt sie der Polizei. Heikes Mann habe gesagt, sie habe sich nach Südafrika abgesetzt und ihn und die Kinder zurückgelassen. Die Freundin glaubt ihm nicht.Die Polizei beginnt verdeckt gegen Bilkei zu ermitteln. Offiziell gilt er zunächst als Zeuge. Er versichert den Ermittlern, Heike gehe es gut, er stehe mit ihr in Kontakt.Am 12. Juni treffen bei Freunden und Familienangehörigen Briefe aus Südafrika ein. Getippt auf einer Schreibmaschine. Handschriftlich unterschrieben mit «Heike».«Mein Entschluss, vorläufig weder zurückzukommen noch mich weiter manipulieren zu lassen, steht fest.» Weiter heisst es, Gabor solle in Ruhe gelassen werden.Die NZZ schreibt:«Ob die Briefe allerdings echt sind, muss angezweifelt werden, da alle mit einer Schreibmaschine verfasst und nur von Hand unterschrieben wurden.»Der «Blick» titelt:«Alles nur Märchen, Herr Doktor?»Und weiter:«Heike Bilkei ist in den letzten drei Monaten nicht auf dem Luftweg nach Südafrika eingereist.»Trotz den Widersprüchen können die Ermittler zunächst nicht ausschliessen, dass Heike Bilkei tatsächlich freiwillig verschwunden ist.Gleichzeitig durchsuchen sie die Ferienwohnung des Paares in Emmetten.Die Wohnung wirkt leer geräumt und sorgfältig geputzt. An einer Sockelleiste entdecken Ermittler Blutspuren. Mit der Luminol-Methode machen sie Blutspuren sichtbar, die weggewischt wurden: auf dem Wohnzimmerboden, an der WC-Tür, im Lavabo.Wenig später versucht Bilkei, mit 60 000 Franken Bargeld in der Tasche die Schweiz zu verlassen. An der Grenze zu Österreich wird er verhaftet.Der «Tages-Anzeiger» schreibt:«Rätsel um Blutfleck.»Und der «Blick» berichtet über die Briefe:«Die Polizei hat das Schreiben untersucht. Ergebnis: keine Fingerabdrücke der vermissten Heike – aber solche von Gabor Bilkei!»Die Aufmerksamkeit rund um den Fall wächst weiter. Selbst ein Tierkrematorium wird nach Leichenteilen durchsucht – ohne Ergebnis. Die «Sonntags-Zeitung» schreibt dazu:«Fünf Monate nach dem letzten Lebenszeichen fehlt noch immer jede Spur von Heike Bilkei.»Im Februar 1997 wird Gabor Bilkei gegen eine Kaution von 1,5 Millionen Franken aus der Untersuchungshaft entlassen.Zwei Monate später entdeckt ein Spaziergänger in einem Waldstück bei Hinwil einen menschlichen Schädel.Er hat vier Einschusslöcher.Lieferten sich über Wochen ein Duell: Gabor Bilkei (links) und Staatsanwalt Pius Schmid 1999 am Geschworenengericht Zürich.Linda Graedel / KeystoneKapitel 3: Vor GerichtAm 15. November 1999 werden die Akten zum Fall Bilkei auf einem Handwagen in den Gerichtssaal gekarrt. Journalisten stehen Schlange, um einen der Plätze im Gerichtssaal zu ergattern. Als Bilkei, in grauem Anzug und weissem Hemd, von der Polizei ins Gericht gebracht wird, blickt er freundlich in die Fernsehkameras.Tele Züri fasst die Ausgangslage so zusammen:«Für die einen ist er ein Leugner, für die anderen ein Justizopfer.»Die «Solothurner Zeitung» schreibt:«Direkte Tatzeugen oder eindeutige Beweise gibt es nicht.»Das öffentliche Interesse ist enorm. Eine heutige Suche in der Schweizer Mediendatenbank liefert 594 Artikel zum Fall Bilkei.Der «Blick» titelt:«Zeugen treiben den Tierarzt in die Enge».Die «Neue Luzerner Zeitung» zitiert einen Nachbarn aus Emmetten. Er will Bilkei gesehen haben, wie er am 30. April morgens um 5 Uhr 30 etwa Schweres in seinen Volvo Kombi lud.Die NZZ zitiert die Hauswartin des Wohnhauses. Anfang Mai habe sie rote Flecken im Treppenhaus entdeckt. Sie habe zunächst an verschütteten Rotwein gedacht. Vor Gericht sagt sie, es könnten auch Blutflecken gewesen sein. Sie habe sie weggeputzt.Andere Schlagzeilen werden persönlicher. Der Blick etwa schreibt:«Bilkeis Ehefrauen klagen an. Der ersten brach er das Nasenbein. Der zweiten drohte er mit dem Tod.»Der «Tages-Anzeiger» berichtet, Heike Bilkei habe im Fall einer Scheidung womöglich «einen Trumpf in der Hand» gehabt.Die «Solothurner Zeitung» fragt:«Wer glaubt Bilkei noch?»Mehr als einen Monat dauert der Prozess. Über 130 Zeuginnen und Zeugen werden befragt. Am 16. Dezember 1999 wird das Urteil gefällt. Die Nachrichtenagentur AP meldet:«Bilkei der vorsätzlichen Tötung schuldig gesprochen.»Nach dem Urteil: Gabor Bilkei wird von Polizisten abgeführt. Er wurde zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt.Walter Bieri / KeystoneKapitel 4: Das Leben danachDas Zürcher Geschworenengericht verurteilt Bilkei zu 14 Jahren Zuchthaus. Doch er wehrt sich: Jahrelang prozessiert er gegen das Urteil und wechselt mehrmals den Verteidiger. Zuletzt versucht Lorenz Erni ihn herauszuboxen. Der damals junge Verteidiger wird später in Zürich als Staranwalt der Reichen und Mächtigen Karriere machen. 2002 scheitert Erni aber vor Bundesgericht: Bilkei bleibt im Gefängnis.Die Freiheitsstrafe verbüsst er in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf. Er ist ein umtriebiger Häftling: Nach dem Frühstück macht er jeden Morgen 300 Liegestützen. Danach arbeitet er in der Gefängnis-Druckerei. Über seine Mitinsassen sagt er einmal in einem Interview im «Sonntags-Blick», es sei traurig anzusehen, wie die Schwachen im Gefängnis noch schwächer würden. Er selbst sieht sich nicht so: Nach der Zellenschliessung um 20 Uhr beantwortet er Post oder schreibt an einer wissenschaftlichen Arbeit über Schweinezucht und einem Buch über sich: «Ich arbeite die Nächte durch.»In der Post, die der prominente Häftling bekommt, ist auch ein Brief einer Zürcher Tierpsychologin. Bilkei kennt sie seit 25 Jahren. Die Expertin für Kampfhunde ist von seiner Unschuld überzeugt. Die beiden finden zusammen, später heiraten sie. Gegenüber Medien klagt sie, sie werde als «Mörderbraut» beschimpft. Dabei sei «Gabor so lieb und sensibel».2006 wird Bilkei wegen guter Führung nach zwei Dritteln der Freiheitsstrafe entlassen. Seine neue Partnerin vermittelt ihm eine Praxis – wieder in Dübendorf, diesmal mitten im Dorfzentrum. Der «Sonntags-Blick» ist bei der Eröffnung dabei und schreibt:«Bilkei dökterlet wieder. Visite beim Kopfabschneider.»Viele Patienten kennen ihn von früher. Andere kommen aus Neugier vorbei, um den «Mörder» zu sehen. Bilkei sagt: «Solche Kunden brauche ich nicht.» Er gibt weiter Interviews, empfängt Reporter in seiner Praxis:«Ich bin stolz, Gabor Bilkei zu sein.»Und er wird nicht müde, seine Unschuld zu betonen. In der «Schweizer Illustrierten» behauptet er:«Es war nicht Heikes Schädel.»Er nennt sich «Opfer eines Justizirrtums» und macht bei einem Dok-Film des Schweizer Fernsehens mit, der den Fall nochmals aufrollen soll. Als Bilkei erfährt, dass im Film auch sein damaliger Gegenspieler, der Staatsanwalt Pius Schmid, zu Wort kommen wird, steigt er aus dem Projekt aus und zieht alle Aussagen zurück.In Dübendorf wird es ruhiger um den Tierarzt. Im Dezember 2015 stirbt Gabor Bilkei mit 71 Jahren an Krebs. Zur Beerdigung ist die Kirche voll, Freunde und Fangemeinde verewigen sich im Gästebuch der Tierarztpraxis:«Ein ausgesprochen guter Tierarzt, und auch als Mensch wird er uns sehr fehlen.»Mit seinem Tod schliesst auch seine Praxis in Dübendorf. Heute schneidet dort ein Coiffeur Haare und Bärte. Den Vormieter Bilkei kennt im Salon niemand mehr.Gegenüber, im Reformhaus, sind die Erinnerungen noch da. Eine Frau sagt, ihre Tochter sei bis heute überzeugt, Bilkei habe einst ihr Meerschweinchen nicht behandeln wollen und es somit getötet. Ob das stimmt, lässt sich nicht überprüfen.Eine andere Kundin sagt, Bilkei sei früher charmant gewesen, später zunehmend still.Auch Jahre nach dem Fall bleibt Skepsis spürbar. Als Bilkei in Dübendorf eine Wohnung habe mieten wollen, habe es Widerstand gegeben von den Mietern im Mehrfamilienhaus. Einen wie Gabor Bilkei wollte man nicht als Nachbarn.Passend zum Artikel