Sie haben die Streitkräfte, Parteien und Medien infiltriert. Ziel ist es, Chaos zu schüren und Angst zu verbreiten, bevor ein Schuss fällt. Taiwan sei das Testlabor für eine Unterwanderung, die auch dem Westen drohe, mahnt ein taiwanischer Politiker.Jürgen Kremb, Taipeh25.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIm Hafen von Keelung sind Schiffe der taiwanischen Marine vor Anker.Annabelle Chih / GettyDie Ereignisse um die Oppositionspolitikerin Li Zhenxiu klingen so abenteuerlich, dass man sie kaum glauben will – wie so viele Geschichten aus der Schattenwelt von Spionage und hybrider Kriegsführung, die Taiwans Demokratie fast schon tagtäglich erschüttern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Li, in China geboren und mit einem taiwanischen Mediziner verheiratet, wurde im Januar von der Taiwan People’s Party (TPP) auf einen freien Parlamentssitz gehoben, als Stimme für die knapp 400 000 in Taiwan lebenden Festlandchinesen. Im Parlament fiel sie vor allem dadurch auf, dass sie den gesetzlich vorgeschriebenen Nachweis schuldig blieb, ihre chinesische Staatsbürgerschaft aufgegeben zu haben. Als die TPP ihr im April den Sitz wieder entzog, meldete sich Taiwans Geheimdienst, das Nationale Sicherheitsbüro, zu Wort: Man habe Chat-Protokolle der vorgesehenen Ersatzkandidatin Xu Chunying sichergestellt – und darin klare Instruktionen aus Schanghaier Geheimdienstkreisen gefunden.Xu sollte, wie ihre Vorgängerin wahrscheinlich auch, Taiwans Parteienlandschaft infiltrieren: bei der TPP, auch bei der oppositionellen Kuomintang (KMT) oder der regierenden «Demokratischen Fortschrittspartei» (DPP) von Präsident Lai Ching-te. China betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz, die es notfalls militärisch zurückzuholen gedenkt. Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft Taipeh Anklage gegen Xu wegen Spionage erhoben.China unter Xi Jinping: ein GeheimdienstregimeDiese Episode steht exemplarisch für eine unterschätzte Realität: Chinas Krieg gegen Taiwan hat längst begonnen. Taiwan ist für die Kommunistische Partei Chinas zu einem Labor für einen Krieg der Spione mutiert. Hier wird die Manipulation des Bewusstseins einer ganzen Gesellschaft erprobt. Peking testet auf Taiwan, wie man eine Demokratie durch Unterwanderung zur Implosion bringen kann, ohne dass ein Schuss fällt.«Oberstes Ziel Pekings ist es, Chaos zu stiften und unsere Gesellschaft zu spalten», sagt Liu Wen-ping, der mehr als ein Jahrzehnt die Forschungsabteilung der Spionageabwehrbehörde MJIB leitete und der meistzitierte Experte für chinesische Einflussnahme auf Taiwan ist. «Die Geheimdienste spielen dabei die zentrale Rolle.» Der Aufstieg der Kommunistischen Partei wäre ohne deren Geheimdienste undenkbar. Gegründet 1927 vom späteren Langzeit-Premierminister Zhou Enlai und, wie die Armee auch, direkt der Partei und nicht dem Staat unterstellt, bilden sie bis heute die operative Grundlage des Machterhalts. Doch erst mit Xi Jinping verwandelte sich China von einer kommunistischen Überwachungs- und Spitzeldiktatur in ein autokratisches Geheimdienstregime.Unter dem Parteichef Xi hat Peking die jahrzehntelange Praxis der Geheimhaltung in ein engmaschiges Rechtssystem gegossen, das jeden Chinesen weltweit zur Kooperation und Spionage zwingen kann. Den Grundstein für diesen repressiven Apparat legte 2015 das Nationale Sicherheitsgesetz, das den Herrschaftsanspruch über Taiwan festschreibt und jeglichen Widerstand als kriminell einstuft. 2017 folgte das Nationale Geheimdienstgesetz, dessen Artikel 7 und 14 Chinas Bürger sowie Unternehmen zur aktiven Spionagehilfe verpflichten. Seit der Verschärfung des Spionageabwehrgesetzes im Jahr 2023 reicht schliesslich bereits der blosse Verdacht einer chinafeindlichen Gesinnung aus, um Taiwaner oder Ausländer willkürlich festzusetzen.Unter Xi Jinping wurde ein Rechtssystem geschaffen, das jeden Chinesen weltweit zur Kooperation und Spionage zwingen kann.Alexander Kazakov / Sputnik via ReutesTäglich Millionen von CyberangriffenWas das chinesische System fundamental von westlichen Diensten unterscheidet, ist die schiere Masse. Das Ministerium für Staatssicherheit, der chinesische Geheimdienst, beschäftigt geschätzt bis zu 800 000 Mitarbeiter. Zum Vergleich: Die CIA zählt 20 000 Angestellte, der britische Geheimdienst MI6 3500, der deutsche Bundesnachrichtendienst 6500.Rund 180 000 Agenten des chinesischen Sicherheitsapparats arbeiten – intern und extern – allein am Thema Taiwan. Wie viele davon bereits in Taiwan ansässig sind, ist umstritten: Das taiwanische Büro für Staatssicherheit nennt 5000, Li Te-liang, der frühere stellvertretende Leiter des Militärischen Abschirmdienstes, hält 30 000 für plausibler. Der DPP-Abgeordnete Puma Shen, Kriminologe und erbitterter Gegner einer Annäherung an Peking, meint, die Zahl tendiere gegen 100 000. Er ist vor zwei Jahren wohl knapp einem Anschlag entgangen. Ein Schneider aus Taipeh, der ihm eine kugelsichere Weste anpassen sollte, entpuppte sich als chinesischer Agent.Doch Chinas Spionagearmee ist noch viel umfassender. Zu ihr gehört auch die Einheitsfront, ein Geheimdienstarm. Die Einheitsfront operiert nicht verborgen wie klassische Spionage, sondern über offen agierende Organisationen, wie Wirtschaftsverbände, Kulturvereine oder religiöse Gruppen.Die Zahl der jährlich verurteilten Spione hat sich zwischen 2022 und 2024 versechsfacht, von 28 auf 168 Fälle. Die Mehrheit der rekrutierten Spione sind aktive oder pensionierte Militärs. Zu den Verurteilten zählen auch ehemalige Assistenten des Parlamentssprechers und Berater des Präsidialamtes. Im Januar 2026 verurteilte der Oberste Gerichtshof den früheren Politiker Chu Hung-i zu zehn Jahren Haft: Er hatte im Auftrag der Volksbefreiungsarmee pensionierte Offiziere rekrutiert, um eine «innere Streitmacht» zu formieren.Auf dem digitalen Schlachtfeld ergänzen chinesische Hackergruppen diese Strategie. Die Volksbefreiungsarmee hat bis zu 250 000 Cyberkrieger für die digitale Infiltration im Ausland. Allein auf Taiwan registrierte das taiwanische Büro für Staatssicherheit 2025 täglich 2,63 Millionen chinesische Cyberangriffe.Hacker der Gruppe Volt Typhoon infiltrieren systematisch Wasserversorgungsanlagen, Stromnetze und Transportsysteme in den USA, auf der Militärbasis Guam und in Taiwan. Im Falle eines Konflikts sollen diese schlafenden Schadprogramme aktiviert werden, um die westliche Versorgungsinfrastruktur zu lähmen und durch gezielte Blackouts Panik in der Zivilbevölkerung zu erzeugen.Medien als SchlachtfeldBereits 2008 erwarb der durch Lebensmittelproduktion auf dem Festland reich gewordene Milliardär Tsai Engmeng die «China Times Group» – bestehend aus dem Massenblatt «China Times», der «Commercial Times», dem Magazin «China Times Weekly» sowie den Fernsehsendern «CTi TV» und «China Television» – für geschätzte 620 Millionen Dollar. Die daraus hervorgegangene «Want Want China Times Media Group» ist der grösste Medienkonzern der Insel, Peking-nahe und der KMT eng verbunden. Laut Berichten der «Financial Times» geben Zensoren der Einheitsfront täglich vor, welche Themen und Überschriften in Produkten des Want-Want-Konzerns erscheinen müssen.Im Süden der Volksrepublik betreibt der Staat Zentren für Propaganda und Desinformation. Kompanien von Kommentatoren fluten die sozialen Netzwerke im Minutentakt mit Fehlinformationen über vermeintliche Korruption, Verbrechen und Behördenversagen in Taiwan. Das NSB identifizierte 2025 allein über vier Millionen verdächtige Posts. Wie weit das gehen kann, zeigt der im April 2026 aufgeflogene Moderator Lin Chen-you, alias «Ma De». Laut der Anklageschrift bezahlte ihn das chinesische Vereinigungsministerium mit 200 000 Taiwandollar (umgerechnet etwa 5450 Franken) pro Sendung. Zugleich habe er Kryptowährung in Taiwandollar gewaschen und Peking Geheimnisse über Drohnen und Spezialkräfte verkauft.Immer wieder tauchen zudem im Internet Clips auf, in denen Soldaten der taiwanischen Armee erklären, sie würden sich widerstandslos ergeben, wenn China die Insel angreifen würde. Gerichtsakten belegen, sie wurden dafür aus Peking entlohnt oder mit kompromittierenden Sexfotos aus Bordellen und Nachtbars erpresst. Nach Ansicht der Geheimdienste ist Taiwans Unterwelt von Pekings Agenten weitgehend unterwandert.Politik: infiltriertNicht viel anders geht es in der Politik zu. Die Kommunistische Partei Chinas betrachtet Taiwan und seine Parteien – besonders die KMT – nicht als diplomatische Partner, sondern als Ziele weitreichender Infiltration. Vor Wahlen versammeln Beamte der Einheitsfront laut Zeugenaussagen taiwanische Geschäftsleute, die in der Volksrepublik leben, und fordern sie auf, «patriotisch zu wählen». Anschliessend geben sie vor, wie viel Geld an welche Kandidaten zu transferieren sei.Der renommierte Chinakenner Willy Lam, ehemaliger China-Redakteur der Hongkonger «South China Morning Post», kommt zu einem vernichtenden Urteil: «Die KMT wird sich keiner Besetzung Taiwans widersetzen. Weite Teile der Partei scheinen bereits von der Kommunistischen Partei kontrolliert zu werden.» Die KMT-Vorsitzende Zheng Li-wun besuchte im April 2026 als erste KMT-Chefin seit vielen Jahren Peking und traf Xi Jinping. Nach ihrer Rückkehr erklärte sie: «Wir sollten auch hier mehr chinesische Schulbücher benutzen.»Nach jüngsten Umfragen des taiwanischen Festlandrats vom April 2025 lehnen aber 84,4 Prozent der Taiwaner das Modell «Ein Land, zwei Systeme» ab, nach dem Hongkong 1997 an China transferiert worden war. Die Mehrheit der Taiwaner möchte am liebsten den derzeitigen Status quo erhalten. Mit der Idee, als Provinz in der Volksrepublik China aufzugehen, können sich nur knapp 3 Prozent der Inselbewohner anfreunden.Das kümmert die KMT-Chefin nicht. Zusammen mit der TPP blockiert sie seit Monaten im Parlament den Verteidigungsetat von Präsident Lai. Für 31 Milliarden Franken sollen im Zeitraum von fünf Jahren dringend benötigte Waffen aus den USA gekauft werden, darunter durch künstliche Intelligenz gestützte Abwehrsysteme nach dem Vorbild des israelischen Iron Dome. «Die Zerstörung der taiwanischen Demokratie ist nur der Anfang des chinesischen Expansionismus», mahnt Puma Shen. «Eigentlich haben die chinesischen Geheimdienste der gesamten westlichen Demokratie- und Wertegemeinschaft den Krieg erklärt.»Jürgen Kremb ist Sinologe und ehemaliger Bürochef des «Spiegels» in Peking, Singapur und Wien. Er forscht derzeit als Gastwissenschafter am Institut für Menschenrechte der «Soochow University» in Taipeh zu chinesischen Geheimdiensten.