„Bäume begleiten einen ein ganzes Leben.“ Heinz Sedlmeier, Geschäftsführer des Landesbundes für Vogel- und Naturschutz (LBV), sieht darin einen Grund für die „starke emotionale Beziehung“. Alles ändere sich, nur Bäume, die seien immer da. Zimmermann vergleicht das Verhältnis zum Baum mit dem in der Ostsee gestrandeten Wal, dessen Schicksal die Republik bewegt. Auch an einen Baum „hängen die Menschen ihr Herz dran“.Die Röthlinde, unmittelbar neben dem Gut Nederling. Robert Haas200 Bäume stehen in München, die in den Rang von Naturdenkmälern erhoben wurden. Eine davon ist die Röthlinde am Westfriedhof, benannt nach dem Maler Philipp Röth, der in ihrem Schatten gerne malte. Sie ist einer der ältesten Bäume der Stadt, ihre Äste müssen mit viel Holz gestützt werden.Münchens Bäume: In einer kleinen Serie wirft die SZ Schlaglichter auf besondere und gewöhnliche Exemplare, mal umkämpft, mal bestaunt. Baumfreunde berichten von ihrem Engagement und geben Tipps fürs Pflanzen. In einem geplanten Wohnquartier lässt sich der Konflikt zwischen zwei Grundbedürfnissen betrachten, zwischen Baum und Bau.BürgerprotestUm die Bäume in einem Hinterhof an der Lindenschmitstraße 25 gibt es erbitterten Streit. Robert HaasVor allem, wenn ein Baum weg soll, bewegt er. Davon berichtet auch Rudolf Nützel, Naturschutz-Chef im städtischen Klimareferat. Wenn in Waldgebieten umfangreich gefällt werde, meldeten sich viele Anwohner in der Verwaltung, besorgt und wütend. Zuletzt sei das geschehen, als in der Allacher Lohe viele Eschen gefällt wurden. Notgedrungen, sagt Nützel, ein Pilz habe in der ganzen Stadt viele Exemplare befallen. Weil sie irgendwann nicht mehr standsicher seien, müssten nach und nach wohl fast alle Eschen in München entfernt werden, sagt Nützel. Man versuche, das Beste daraus zu machen, und pflanze in der Allacher Lohe Eichen. Diese bräuchten viel Platz und Licht und freuten sich über die freie Fläche.Medienwirksam flogen zuletzt fünf Bäumen im Garten der Lindenschmitstraße 25 in Untersendling viele Herzen zu. Sie sollen für einen Neubau weichen, ein Gericht hat das vorerst gestoppt. Dorit Zimmermann nennt solche umkämpften Exemplare „Stellvertreterbäume“.Für den Erhalt alter Bäume geschehe zu wenig, sagen Zimmermann und Sedlmeier. Große Bäume seien es, die wirklich wirken und im Sommer die Umgebung kühlen.Verbesserter SchutzDen Schutz größerer Bäume hat die Stadt spürbar verbessert, seit diesem Jahr gilt eine neue Baumschutzverordnung. Nun sind Bäume mit einem Stammumfang von mindestens 60 Zentimetern (bisher 80, gemessen in einem Meter Höhe) geschützt, ebenso alle Obstbäume sowie mehrstämmige Gewächse, wenn sie groß genug sind.SZ Good News:Gute Nachrichten aus München – jetzt auf Whatsapp abonnierenMehr positive Neuigkeiten im Alltag: Die Süddeutsche Zeitung verbreitet jeden Tag auf Whatsapp ausschließlich schöne und heitere Nachrichten aus München und der Region. So können Sie ihn abonnieren.Die verschärfte Verordnung schützt aber nur bedingt. Unter bestimmten Voraussetzungen dürfen Bäume trotzdem gefällt werden. Aus Sicherheitsgründen, wenn sie nicht mehr standsicher sind. Aber auch, wenn gebaut wird, sei es eine U-Bahn oder ein Gebäude. Baurecht schlägt Baumrecht, meistens zumindest.Für einen gefällten geschützten Baum verlangt die Stadt eine Ersatzpflanzung oder eine Ausgleichszahlung. Deren Höhe ist deutlich gestiegen, von bisher pauschal 750 Euro auf 5000 bis 10 000 bei Bauprojekten, je nach ökologischem Wert des gefällten Exemplars.Immer wenigerDie Stadt München lobt sich gerne für ihre positive Baumbilanz. Das Baureferat pflanze deutlich mehr Bäume, als es fälle. Insgesamt aber nimmt die Zahl der Bäume in München vermutlich ab, auf privaten Grundstücken wird mehr gefällt als gepflanzt.Jedes Jahr veröffentlicht das Planungsreferat eine Baumstatistik; allerdings stammen die jüngsten Zahlen von 2023, wegen „technischer Umstellungen“ seien die Folgejahre bisher nicht ausgewertet. Der BN hat die Daten über die Jahre gesammelt, heraus kommt: Von 2011 bis 2023 wurden knapp 22 000 mehr Bäume gefällt als gepflanzt. Rein auf Privatflächen ergibt sich sogar ein Minus von gut 35 000. SZ-GrafikIn dieser Bilanz fehlen aber zahlreiche Bäume. Wer in seinem Garten ein Bäumchen pflanzt, wird das kaum der Stadt mitteilen. Und bei den gefällten sind nur jene erfasst, für die die städtische Baumschutzverordnung gilt. In der sind Grünanlagen und Parks ausgenommen, ebenfalls bis 2024 Bäume, die weniger als 80 Zentimeter Stammumfang haben sowie Obstbäume. Noch relevanter ist der Klimaeffekt, den die Bilanz nicht erfasst. Wird gefällt und gepflanzt, ist zwar die Statistik ausgeglichen. Es vergehen aber Jahrzehnte, bis ein junger Baum dieselbe Wirkung hat wie ein großer, alter, bei der Produktion von Sauerstoff, beim Kühlen der Umgebung.HabitateDorit Zimmermann vor einem Habitatbaum in der Tessiner Straße, in der Hand hält sie den Habitatbaum-Fächer. Florian PeljakUm wertvolle Altbäume besser zu schützen, hat der BN ein Projekt gestartet, für den Erhalt von Habitatbäumen. So nennen Fachleute große Bäume, die Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten bieten und damit die Biodiversität fördern. Der BN will das Bewusstsein für diese Ökosysteme schärfen und appelliert an Grundstückseigentümer, sie nicht zu fällen. Der BN biete ihnen an, sie dabei zu unterstützen, sagt Projektleiterin Dorit Zimmermann. Sie versuche zudem, Behörden und die Bezirksausschüsse zu sensibilisieren.Helfen soll dabei ein neu konzipierter Habitatbaum-Fächer: Mithilfe von Infokarten, die sich auffächern lassen, können sich Eigentümer kurz und knapp informieren, was an einem Baum wertvoll sein könnte: Asthöhlen, Spalten, Risse, Rindentaschen als Wohn- und Ruheplatz für Insekten, Vögel, Säugetiere.Der Habitatbaum-Fächer soll informieren, bevor Bäume gefällt werden. Florian PeljakIm Blick hat Zimmermann nicht allein komplett erhaltenswerte Bäume, sondern auch jene, die stark zurückgeschnitten werden müssen, weil sie sonst nicht mehr standsicher wären. Auch Torsi seien ökologisch wertvoll. In der Tessiner Straße in Fürstenried-West hätten sich Eigentümer nach Beratung bereit erklärt, zwei Bäume trotz Fällgenehmigung stehenzulassen. Der eine stark eingekürzt, der andere als Ökotorso. An beiden Bäumen hängt nun ein kleines, grünes Schild: „Habitatbaum“.Teure ProgrammeDie Stadt ist sich des Werts der Bäume bewusst und investiert Millionen Euro in Programme zur Neupflanzung. Das eine umfasst 3500 Exemplare, verteilt über die ganze Stadt. Mehr als die Hälfte davon sei bereits in der Erde, so das Baureferat. 1500 sollen in bisher asphaltiertem Straßenraum wachsen.Kontroverser wird das Programm für etwa 150 neue Bäume in der Altstadt diskutiert – weil sie so teuer sind. Weil in und um die Fußgängerzone die Stadt fast komplett versiegelt und der Untergrund oft belegt ist von Rohren, Leitungen und Bahntunneln, ist das Ausheben einer Baumgrube meist nur mit großem Aufwand möglich. Deshalb sieht die Stadt für die ersten 24 Bäume etwa zwei Millionen Euro vor, dabei sollen diese vergleichsweise einfach zu pflanzen sein. Für einzelne Bäume sind das Kosten bis zu 100 000 Euro. An vielen Stellen in der Fußgängerzone stehen bereits Pflanztröge mit großen Sträuchern. So sollen die Münchner sehen und spüren, wie später echte Bäume wirken.Hitzewelle:Wo München am kühlsten istMehr als 30 Grad im Schatten brachten die