Ein paar Schritte hinter dem Eingang ist München plötzlich weit weg: Bienen summen, Holunder duftet, Lindenblätter rascheln, aus dem Biergarten wehen Stimmen und das leise Klirren der Krüge herüber. In der Kleingartenanlage Nord-West I im Münchner Westen taucht man an diesem Pfingstwochenende in eine andere Welt ein – mitten in der Stadt und doch weit weg von ihr.8700 Parzellen verwaltet der Kleingartenverband München in 85 Anlagen, die meisten auf städtischem Grund, sagt Verbandsvorsitzender Alexander Reissl. Die Nachfrage ist enorm – das war nicht immer so. „Ich bin 1987 vom damaligen Vorsitzenden angesprochen worden, ob ich mich nicht engagieren will“, sagt Reissl. „Das war damals nicht besonders begehrt.“ Heute sind Kleingärten attraktiv, seit einigen Jahren ist der Run besonders groß. „Wir haben eine Fluktuation von vier bis fünf Prozent im Jahr“, sagt Reissl. „Da kann man sich ausrechnen, dass es zwanzig Jahre dauert, bis man einen Garten bekommt.“Thomas ist Münchner Stadtkind durch und durch, kein geborener Gärtner. Auf die Idee, einen Kleingarten zu pachten, wäre er nie gekommen. „Das war schon die Manuela“, sagt er und nickt zu seiner Frau hinüber, die gerade mit einer Brotzeit auftaucht. Die beiden stellen sich nur mit Vornamen vor. Manuela ist auf dem Land aufgewachsen, hatte lange einen Garten – bis die Eltern starben und sie das Haus aufgaben. „Doch ohne Garten ging es nicht“, sagt Thomas. Zehn Jahre Wartezeit wurden ihnen prophezeit. Es wurden zwei.Der Vormieter hinterließ „komische Steine und viel Beton“, sagt Thomas und lacht. Einige Platten sind noch drin, viele haben sie schon herausgeholt. Dazwischen: ein kleiner Teich mit Molchen, Rosenkohlpflänzchen, Kräuter und Gemüse, das sich selbst überlassen bleibt, bis die Schnecken kommen. „Ich pflanze das und wenn es was wird, ist es gut. Ob ich es esse, ist nochmal ein ganz anderes Thema“, sagt Thomas. Selbstversorgung? „Nee, ehrlich gesagt ist das eher ein Experiment.“ Was ihn wirklich begeistert: „Man sitzt hier und hat sofort das Gefühl von Erholung. Wahnsinn.“Dass diese kleine Welt funktioniert, dafür sorgt Thomas Jochmann, erster Vorsitzender der Anlage. Er organisiert Feste, vermittelt bei Nachbarschaftsstreitigkeiten und erklärt bei Bedarf das Bundeskleingartengesetz. Er kennt fast jeden Pächter – auch Thomas und seine Frau.Für viele Münchner ist der Schrebergarten im Sommer ein grüner Rückzugsort - für Thomas Jochmann bedeutet er vor allem Arbeit: Er leitet ehrenamtlich die Kleingartenanlage Nord-West I. Catherina HessAnna-Maria Geisler genießt den Garten – während ihr Mann Herbert fürs Gemüse zuständig ist: „Der Bauer ist mein Mann, das ist der Chef.“ Catherina HessEin paar Gärten weiter haben Herbert und Anna-Maria Geisler gerade den siebzigsten Geburtstag von Anna-Maria gefeiert. 25 Gäste saßen zwischen verwilderten Apfelbäumen und der Laube, der Wirt des Biergartens lieferte Getränke. „Also das geht schon auch mal, dass man feiert in seinem Garten“, sagt Herbert Geisler noch ein wenig erschöpft vom Aufräumen.Seit 1994 haben die Geislers ihren Garten, drei- bis viermal die Woche kommen sie aus Schwabing mit dem Radl herüber. „Dann ist das unsere Oase, unser Stück Grün, was nur uns gehört“, sagt Anna-Maria. Die Rollenverteilung ist klar: „Der Bauer ist mein Mann, das ist der Chef. Ich mach die niedrigen Arbeiten.“ Pause. „Aber der ganze Blumenschmuck ist meins. Meine Blumen, die sind mir heilig.“Herbert Geisler kümmert sich ums Gemüse: Zucchini, Gurken, Tomaten, Kohlrabi, Fenchel, Salat. Vergangenes Jahr zog er aus vier Gurkenpflanzen hundert Gurken. „Hundert Stück, ohne Schmarrn!“, sagt er stolz. Einer Freundin, die in der ganzen Saison gerade mal drei Gurken geerntet hatte, gab er zehn davon mit.Hans-Joachim Schwarz an der Sonnenwachsschmelze: Aus alten Waben wird goldgelbes Bienenwachs – es riecht süß und malzig. Catherina HessNoch ein Stück weiter steht Hans-Joachim Schwarz neben einer Infotafel über Honigbienen. Er arbeitet am Sonnenwachsschmelzer, in dem goldgelbes Wachs aus alten Waben schmilzt. Es riecht süß und malzig. Schwarz ist seit mehr als zwanzig Jahren Imker. Überzeugt habe ihn einst ein Mann, der damals schon über 80 war. „Ich hatte erst kein Interesse. Der Langnese-Honig hat mir vollkommen gereicht“, sagt Schwarz. Dann schaute er zu – und war fasziniert.Zwanzig Bienenvölker hielt er zeitweise in der Anlage, bis ein Bescheid der unteren Naturschutzbehörde alles änderte. In München gibt es inzwischen sehr viele Honigbienen, die Behörde befürchtet Konkurrenz für Wildbienen. Dazu kam Streit um eine Weide: wertvoll als Futterquelle, aber problematisch, weil sie zu hoch werden kann. Die Weide musste weichen, eigene Bienenvölker darf Schwarz vorerst nicht mehr halten. Er arbeitet daran, das Problem zu lösen, und weiß: Das braucht Geduld.Marlene Murphy arbeitet am Hochbeet: Vor zwei Jahren war hier noch Brache – jetzt wächst im großen Garten schon fast alles. Catherina HessEinen kleinen Spaziergang entfernt steht Marlene Murphy in ihrem Garten und strahlt. Zwei kleine Kinder toben um sie herum, manchmal auch der Hund. Viele Pächter in Nord-West I sind seit Jahrzehnten dabei, die Murphys seit zwei Jahren. Dass sie und ihr Mann eine Brache übernahmen, die sie erst zum Garten machen mussten, bereuen sie nicht. Es war die Chance, alles neu zu gestalten. Zuerst errichteten sie ein Gartenhaus – groß, solide, schön. „So etwas kostet schnell mal 30 000 Euro“, sagt Vereinsvorsitzender Jochmann. Dann kamen Mais, Tomaten, Kohlrabi, Kräuter, Beeren und Obstbäume. „Wir haben eigentlich alles, was bei uns heimisch ist“, sagt Murphy. Vom Vorgänger blieben nur Pfingstrosen und ein Blauregen, der „wie Unkraut“ wiederkam, „aber schön“. Mit kleinen Kindern müsse man nur eines akzeptieren: „Was man pflanzt, wird wieder entpflanzt.“ Sie sagt das ohne Groll. Es wird. Nach und nach.Was treibt die Menschen in die Gärten? Alexander Reissl hat darauf eine nüchterne und eine romantische Antwort. Die nüchterne: Der Kleingarten wurde erfunden, damit Menschen mit wenig Einkommen einen Teil ihrer Versorgung selbst sichern konnten – besonders nach dem Zweiten Weltkrieg hatte das große Bedeutung. Die Pacht ist bis heute niedrig: 42 Cent pro Quadratmeter und Jahr, dazu kommen Grundsteuer, Versicherungen und Vereinsbeiträge. Insgesamt liegen die Kosten meist zwischen 250 und 500 Euro jährlich.Und die romantische Antwort? „Viele betrachten den Garten als Hobby“, sagt Reissl. „Die wollen eigene Tomaten im Sommer ernten und haben vielleicht das Einmachen und Fermentieren entdeckt.“ Wer gut wirtschaftet, könne viel daraus ziehen: Äpfel, Kartoffeln und Zwiebeln lagern, Kirschen einmachen, Sauerkraut herstellen. Aus 100 Quadratmetern Anbaufläche komme „schon einiges raus“.Aber das eigentliche Angebot des Kleingartens ist ein anderes – und die Geislers, Hans-Joachim Schwarz, Marlene Murphy und Thomas haben es an diesem Pfingstnachmittag alle auf ihre Weise beschrieben: ein Stück Erde, das einem gehört. Mitten in der Stadt, und doch weit weg von ihr.
Gemüse pflanzen mitten in München
Glück oder Geduld braucht es, dann hat man selbst in München ein Stück Land für sich. Wer mag, zieht Tomatenpflänzchen, sät Radieschen oder erntet Äpfel. Oder liegt in der Hängematte.








