Die Sittiche flattern wie immer durch die alten Bäume des Biebricher Schlossparks. Den Bauzaun haben sie noch nicht als Sitzstange entdeckt. Er fasst den gesamten Springplatz vor dem Turnierbüro des Wiesbadener Reit- und Fahr-Clubs (WRFC) ein. Geritten wird an Pfingsten dort nicht. Das ist seit Ende des Zweiten Weltkriegs selten vorgekommen.Seitdem das Internationale Wiesbadener Pfingst-Reitturnier auf den Wiesen vor dem Schloss am Rheinufer stattfindet, seit 1949 also, musste es nur wegen Seuchen abgesagt oder verschoben werden: 2001 wurde aus dem Pfingstturnier nach dem Ausbruch der Maul- und Klauenseuche ein Herbstturnier, während der Corona-Pandemie fiel es aus. In diesem Jahr sind Bauarbeiten schuld, dass nicht der Applaus der Zuschauer und die Musik zu den Siegerehrungen die lautesten Geräusche im Schlosspark verursachen, sondern die Sittiche – und bald die Maschinen.Seit 1992 ist Kristina Dyckerhoff Präsidentin des Wiesbadener Reit- und Fahr-Clubs und damit Chefin des Pfingstturniers.Frank RöthDer traditionsreiche Springplatz unter den Bäumen, auf dem stets Olympiasieger und Weltmeister um den Großen Preis von Wiesbaden ritten, braucht einen neuen Boden. Eine Fläche von 9000 Quadratmetern wird bearbeitet. „Zunächst wird der Rasen abgetragen, eine neue Tragschicht aufgetragen und dann der neue Rasen eingesät“, erklärt WRFC-Präsidentin Kristina Dyckerhoff.„Bevor wir uns entschieden haben, das Pfingstturnier in diesem Jahr abzusagen, haben wir natürlich alle Optionen einer Verschiebung abgewogen. Wir mussten schon einmal in den September verlegen, das war aber damals nicht so erfolgreich. Es ist dann einfach nicht das Pfingstturnier. Außerdem gibt es im Turnierkalender so viele andere Veranstaltungen, da noch eine passende Lücke zu finden, ist kaum machbar.“Dem ehrenamtlich organisierten WRFC steht eine große Aufgabe bevor – finanziell und organisatorisch. Schon in den vergangenen Jahren litt die Beschaffenheit des Grüns unter starkem Regen. „Der Boden hat sich im Lauf der Jahre natürlich abgenutzt und ist gealtert, er wurde weich und rutschig – das war für Pferde und Reiter nicht mehr optimal“, sagt Dyckerhoff.„Die letzte Sanierung hat vor 20 Jahren stattgefunden. Das musste jetzt einfach gemacht werden. Die Sanierung kostet uns fast eine halbe Million Euro. Das ist sehr viel Geld für einen Verein als Veranstalter. Die Stadt Wiesbaden, das Land Hessen sowie der Ortsbeirat Biebrich unterstützen uns, das freut uns sehr.“Die zweijährige Corona-Pause hat das Turnier damals gut überstanden, 2022 kamen über die Turniertage hinweg wieder rund 60.000 Menschen in den Schlosspark. Und Kristina Dyckerhoff ist zuversichtlich, dass es so auch im kommenden Jahr weitergeht: „Da bin ich ganz sicher. Wir haben nächstes Jahr unser 100-jähriges Vereinsjubiläum, das 88. Turnier und die 30. Pferdenacht – all das werden wir mit einem sehr schönen Pfingstturnier feiern.“Ort des Geschehens: Eine Fläche von 9000 Quadrater muss im Schlosspark saniert werden.Frank RöthWelche Reiter dann dabei sein werden, steht auf einem anderen Blatt Papier. Die Elite der Dressur, des Vielseitigkeitsreitens und des Voltigierens hält dem Turnier seit Langem die Stange. Deutschlands erfolgreichste Olympionikin Isabell Werth, Olympiasieger wie Michael Jung und Julia Krajewski oder Allrounderin Ingrid Klimke kamen stets zuverlässig. Im Springen ist das anders. Das Turnierangebot ist weltweit groß, mit den Preisgeldern, die vielerorts im Ausland ausgeschüttet werden, kann Wiesbaden nicht mithalten.Potentielle Geldgeber zögern, in den Sport zu investieren„So ehrlich muss man sein“, sagt Dyckerhoff: „Wir bewegen uns diesbezüglich eher am unteren Level, weil wir uns das Turnier sonst einfach nicht leisten könnten. Im Grunde ist das überall in Deutschland so, dass den Veranstaltern die Mittel fehlen. In Amerika, den Arabischen Emiraten oder anderen Ländern werden Gelder ausgeschüttet, bei denen man sich nur wundern kann. Da scheinen die Sponsoren- und die wirtschaftliche Lage eine andere zu sein.“In Deutschland ist das derzeit anders, wie Menschen aus der Pferdebranche berichten. Das hat zwei Gründe: die wirtschaftliche Lage und das öffentliche Image des Pferdesports. Beides lässt potentielle Geldgeber zögern, in den Sport zu investieren. Die großen deutschen Traditionsturniere leiden nicht unter Zuschauermangel, finden aber immer weniger Förderer. Auch der Dachverband sucht noch immer einen neuen Hauptsponsor. Derweil entbrennen vor allem auf Facebook oder Instagram unter Video-Ausschnitten immer wieder Diskussionen darüber, welcher Umgang mit den Pferden nun im Sinne des Tierwohls ist.„Wir denken sofort ans nächste Jahr“Menschen kommen gezielt zu Turnieren, um mögliche Regelverstöße zu dokumentieren. „In den sozialen Medien wird angegriffen – nicht nur, aber auch im Pferdesport“, sagt Kristina Dyckerhoff. „Viele dieser Angriffe beruhen auf Unwissenheit oder Unverständnis, andere wollen gezielt für Unruhe sorgen. Es sind auch längst nicht immer Regelverstöße, die dokumentiert und dann breitgetreten werden. Bei alldem will und kann ich natürlich nicht bestreiten, dass es auch Szenen gibt, die wir nicht tolerieren dürfen, für die die Stewards aber auch die Ausbildung und Handhabe haben, einzugreifen.“Seit 1992 ist Kristina Dyckerhoff Präsidentin des WRFC. Was treibt sie trotz aller Herausforderungen an, das Turnier jedes Jahr wieder zu organisieren? „Spaß!“, sagt sie. „Es macht uns alle jedes Jahr wieder stolz, wenn das Turnier läuft. Wenn Freitagmittag das erste Pferd in den Parcours geht, machen wir immer einen kleinen Umtrunk mit dem Vorstand und freuen uns, dass es endlich losgeht – nach einem Jahr Arbeit und Stress. Montagabend sind alle traurig, wenn es vorbei ist, und wir denken sofort ans nächste Jahr.“Im Herbst 2028 stehen die nächsten Vorstandswahlen des WRFC an. „Dann werden wir den Vorstand jünger aufstellen, das ist überhaupt keine Frage“, sagt Kristina Dyckerhoff. „Auch das Ehrenamt wird tendenziell älter, auch da müssen wir uns um Nachwuchs kümmern. Jeder Verein braucht junge Kräfte und Ideen. Wir haben gerade im Vorstand Gott sei Dank einige Jüngere, die immer wieder innovative Ideen einbringen.“ Erst einmal aber will die Präsidentin an Pfingsten, wie in jedem Jahr, im Schlosspark sein – auch ohne Turniertrubel. Am Sonntag feiert sie ihren 78. Geburtstag.