PfadnavigationHomeRegionalesHamburgInnovationWie ein autonomes Drohnenkonzept die Polizeiarbeit in Hamburg revolutionieren sollVon Denis FenglerRedakteur WELT/WELT AM SONNTAG HamburgStand: 08:43 UhrLesedauer: 8 MinutenBeamte des Luftkompetenzzentrums der Polizei Hamburg auf dem Parkplatz des Stage Theater „König der Löwen“ am RohrwegQuelle: Bertold FabriciusNoch ist es ein Pilotprojekt, doch autonom startende Drohnen aus festen Stationen könnten langfristig Teil des Polizeialltags werden: Sie sollen Einsätzen vorausfliegen und Bilder live in die Leitstelle senden. Damit könnten Reaktionszeiten verkürzt und Kräfte gezielter eingesetzt werden.Die Szene wirkt wie aus einem Science-Fiction-Film. Mechanisch surrend öffnen sich die Seitenteile eines großen grauen Kastens, klappen wie die Flügel eines Insekts auf und geben den Blick auf eine gar nicht so kleine Drohne frei. Ihre Kamera hängt unter dem Rumpf wie ein Auge. Innerhalb weniger Sekunden startet das Fluggerät, löst sich aus seinem Dock und steigt unvermittelt knapp 20 Meter in den Himmel. Dort verharrt es kurz, dann fliegt es davon, über den Hafen, über die Elbe, bis es mit bloßem Auge kaum noch zu sehen ist.Das Drohnendock ist etwa so hoch wie ein Koffer, aber deutlich breiter. Es ist Teil eines Pilotprojekts, das die Hamburger Polizei derzeit erprobt. Sollte es einmal in den Regelbetrieb überführt werden, könnte es die Vorstellung vom polizeilichen Drohneneinsatz grundlegend verändern. Dahinter steht die Idee autonomer Drohnenstationen: Die Drohnen lagern dauerhaft einsatzbereit in kleinen Hangars, können automatisiert starten und aus einem Leitstand gesteuert werden. Irgendwann womöglich aus dem Polizeipräsidium heraus. WELT AM SONNTAG erhielt exklusiv Einblick in ein Pilotprojekt, mit dem die Polizei ihren Drohneneinsatz deutlich erweitern will.Zum Hafengeburtstag steht die Drohneneinheit auf dem Parkplatz des Stage Theaters im Hafen. Die „Cap San Diego“ schiebt sich auf der Elbe vorbei. Auf dem Sandplatz kämpfen die Beamten mit den letzten Tücken der Technik. Und mit der Sonne, die sich auf den Monitoren des provisorischen Leitstandes spiegelt. Zwei Drohnendocks haben die Polizisten auf den Aludeckel eines Pkw-Anhängers geschraubt. Der Anhänger selbst ist mit Technik, Kabeln und Akkus vollgestopft. Von hier aus starten die Testflüge.Lesen Sie auch„Der Einsatz von Drohnen ist für uns eigentlich schon Alltag“, sagt Sebastian Krause. Der 43-Jährige leitet die Grundsatzabteilung der Hamburger Schutzpolizei. Ihr ist auch das Luftkompetenzzentrum zugeordnet, in dem die Polizei ihre Drohnenprojekte bündelt. Neu sei an diesem Tag deshalb nicht die Drohne selbst, sondern die Art, wie sie geflogen werde. Nicht mehr klassisch auf Sicht, sondern außerhalb der Sichtweite des Piloten. BVLOS nennt sich das, Beyond Visual Line of Sight. „Das ist die Besonderheit, die wir hier haben“, sagt Krause.Dass Hamburg ausgerechnet dieses Verfahren erprobt, ist kein Zufall. Die Stadt zählt beim behördlichen Einsatz von Drohnen zu den Vorreitern in Deutschland. Erst vor wenigen Wochen veröffentlichte Hamburg weitgehend unbemerkt eine eigene Strategie für Urban Air Mobility. Ziel ist es, die Stadt bis 2030 als Leitstandort für urbane Luftmobilität aufzubauen. Im Fokus stehen nicht Passagierdrohnen, sondern Transport, Inspektion, Vermessung, Überwachung und die Unterstützung von Einsatzkräften.Schwieriges Pflaster für DrohnenflügeGleichzeitig ist Hamburg ein schwieriges Pflaster für Drohnenflüge. Durch den Flughafen Hamburg und den Airbus-Flugplatz in Finkenwerder liegt nahezu die gesamte Stadt in kontrolliertem Luftraum. Wer hier fliegen will, muss die bemannte Luftfahrt, die Deutsche Flugsicherung, die Kontrollzonen und zahlreiche Sicherheitsvorgaben mitdenken. Deshalb will Hamburg den unteren Luftraum schrittweise geordnet erschließen.Lesen Sie auchTrotzdem nutzen schon heute mehr Hamburger Behörden Drohnen, als den meisten Hamburgern bekannt sein dürfte. Der Landesbetrieb Geoinformation und Vermessung setzt sie für Kartierungen und Vermessungen ein. Der Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer nutzt sie zur Inspektion öffentlicher Infrastruktur. Die HPA setzt sie für Brücken, Kräne, Anlagen und Hafenflächen ein. Auch die Feuerwehr setzt Drohnen ein, wie Feuerwehrchef Jörg Sauermann jüngst erläuterte.Im Juni 2024 eröffnete Hamburg im Hafen zudem den dronePORT am Niedernfelder Ufer. Es ist eine Art Versuchsfeld und Betriebsstandort für unbemannte Systeme. Dort sollen Flugdrohnen, Roboterhunde sowie Schwimm- und Unterwasserdrohnen getestet und perspektivisch in den Regelbetrieb überführt werden.Die Hamburger Polizei gilt in diesem Umfeld als eine der treibenden Kräfte. Seit 2021 nutzt sie Drohnen, besonderen Schub gab insbesondere die Fußball-Europameisterschaft vor zwei Jahren, mit fünf Spielen auch in Hamburg. Zunächst wurden sie für Verkehrsunfallaufnahmen und Tatortrekonstruktionen eingesetzt. Dann kamen Gewässerverunreinigungen, Verkehrsbeobachtung, Aufklärung und Personensuchen hinzu. Drohnen werden etwa bei Fußballspielen eingesetzt, um Fanströme zu beobachten. Heute sind vereinzelt bereits Streifenwagen mit Drohnen ausgestattet. Laut Krause sind insgesamt rund 40 Drohnensysteme verschiedener Art im Einsatz. Etwa 150 Drohnenführer hat die Polizei bereits selbst ausgebildet. Die Polizei betont, dass solche Einsätze offen kommuniziert und gekennzeichnet würden.Lesen Sie auchBislang allerdings werden Drohnen üblicherweise per Hand und auf Sicht geflogen. Der Drohnenführer steht am Boden und verfolgt das Fluggerät mit den Augen. Gleichzeitig sieht er die Bilder aus dem Kameraauge auf einem Bildschirm. VLOS nennt sich diese Art des Drohnenflugs, Visual Line of Sight. Betrieb in direkter Sichtweite. Mit dem neuen System will die Polizei einen Schritt weitergehen. Das Kürzel heißt hier BVLOS: Beyond Visual Line of Sight, also Betrieb außerhalb der direkten Sichtweite. Solche Flüge finden über Instrumente und Kameras statt. In Deutschland und der EU sind sie streng reguliert. In Hamburg sind sie wegen des kontrollierten Luftraums besonders anspruchsvoll.„Wir testen hier ein System, bei dem die Drohne nicht mehr klassisch auf Sicht geflogen wird, sondern außerhalb der Sichtweite, gewissermaßen aus der Ferne“, erklärt Krause. Der Pilot müsse nicht mehr direkt an der Drohne stehen. Er könne sie auch von einem anderen Ort aus steuern, etwa aus dem Führungsstab der Polizei. Technisch basiere das auf Drohnendocks, kleinen Hangars, in denen die Drohne geladen, klimatisiert und dauerhaft einsatzbereit vorgehalten werde: „Diese Systeme können auch über längere Zeit autark betrieben werden und sind jederzeit abrufbar.“Drohnendocks verteilt in der StadtDer mobile Leitstand auf dem Anhänger ist dafür nur die erste Stufe. In der Zukunft könnten solche Docks dezentral in der Stadt stehen, etwa auf Dächern oder an strategisch wichtigen Punkten. „Die Idee dahinter ist, die Drohne viel stärker in den polizeilichen Alltag zu integrieren“, sagt Krause. Ziel sei es, sie perspektivisch direkt an die Einsatzzentrale anzubinden, damit sie Streifenwagen oder Einsatzkräfte unterstützt und ihnen vorausfliegt. Wird ein Einsatz gemeldet, könnte die nächstgelegene Drohne starten, noch vor den ersten Kräften am Ort sein und Bilder live an die Einsatzzentrale, den Einsatzleiter oder anfahrende Streifenwagen übertragen.Lesen Sie auchDas bringe klare Vorteile, sagt Krause. Schnellere Übersicht, bessere Lageeinschätzung, effizienterer Mitteleinsatz. „Die Drohne ist innerhalb von Sekunden in der Luft und kann innerhalb weniger Minuten am Einsatzort sein“, sagt er. Gleichzeitig könnten Ressourcen geschont werden, weil nicht mehr für jede erste Lageerkundung Kräfte anfahren müssten. Anfangs würden die Drohnen noch von einem Piloten gesteuert. Auf lange Sicht allerdings sollen die Drohnen automatisch starten und zum Einsatzort fliegen. „Man muss aber klar sagen: Das ist aktuell noch eine Zukunftsvision“, sagt Krause. „Wir testen die Technik, sammeln Erfahrungen und schauen, wie sich das System im realen Einsatz bewährt.“ Vollautonome Flüge seien rechtlich derzeit noch nicht im Regelbetrieb möglich. Technisch seien solche Szenarien aber bereits denkbar.Drohne der Matrice-BaureiheDas System, das die Hamburger Polizei testet, stammt von DJI aus China, dem weltweit bekanntesten Hersteller ziviler Kameradrohnen. Am Anhänger steht „Dock 3“, im Inneren liegt eine Drohne der Matrice-Baureihe. Solche Systeme sind im Handel für rund 20.000 Euro aufwärts erhältlich. Sebastian Krause sagt, man habe technisch sichergestellt, dass keine Einsatzbilder über versteckte Verbindungen nach China abfließen.Lesen Sie auchDenn Drohnen sind für Sicherheitsbehörden längst beides. Einsatzmittel und Bedrohung. Während die Polizei sie zur Lageaufklärung, Suche und Dokumentation nutzt, beschäftigen sich Bund und Länder zunehmend mit illegalen oder unkooperativen Drohnen. Nach zahlreichen Sichtungen über militärisch sensiblen Standorten, kritischer Infrastruktur und Industrieanlagen rüsten Sicherheitsbehörden auf. Im Dezember 2025 nahm die Bundespolizei eine Spezialeinheit zur Drohnenabwehr in Dienst, kurz darauf folgte ein gemeinsames Drohnenabwehrzentrum von Bund und Ländern.Auch Hamburg treibt das Thema voran. Unter Federführung der Innenbehörde wurde eine Task Force Drohnenabwehr eingerichtet. Beteiligt sind unter anderem Polizei, Verfassungsschutz, Wirtschaftsbehörde, Senatskanzlei, Bundespolizei, Landeskommando Hamburg, Hamburg Airport, HPA und Deutsche Flugsicherung. Zudem lud Hamburg Vertreter aus Behörden, Militär, Wissenschaft und Wirtschaft zu einem norddeutschen Kompetenzcluster ein. Ziel ist es, die fünf Küstenländer enger zu vernetzen, ein gemeinsames Lagebild zu entwickeln und technische Standards zu diskutieren. Hamburg will sich als Knotenpunkt für eine koordinierte Drohnenabwehr positionieren.Kooperation mit RheinmetallParallel baut die Polizei Hamburg ihre technischen Fähigkeiten aus und kooperiert dabei mit dem Rüstungskonzern Rheinmetall. Ziel ist es, neue Verfahren zur Erkennung und Abwehr zu entwickeln und zu testen, operative Details sind bisher nicht bekannt. Rheinmetall setzt dabei auf ein vernetztes System: Sensoren wie Radar, Funkaufklärung und Kameras werden kombiniert, ihre Daten in einer Software zusammengeführt. Erst daraus entsteht ein Lagebild, auf dessen Basis Gegenmaßnahmen greifen – von Störsignalen bis hin zu Abfangsystemen.Lesen Sie auchAuf dem Parkplatz am Stage Theater ist von diesen großen Sicherheitsfragen erst einmal wenig zu sehen. Dort muss die Drohneneinheit warten, bis der Tower die Flüge freigibt. Zum Hafengeburtstag sind mehrere Überflüge von Flugzeugen angesetzt, die nicht gestört werden dürfen. Jede Drohne kann etwas mehr als eine halbe Stunde in der Luft bleiben, dann übernimmt die andere. Zwei Docks stehen auf dem Anhänger, während eine Drohne fliegt, lädt die andere.Krause ist von der Technik überzeugt. Ende 2025, erzählt er, sei ein älterer Mann in Neuwiedenthal verschwunden, bei Frost, für mehrere Stunden. Schließlich wurde er mithilfe einer Drohne mit Wärmebildkamera gefunden, an einem Ort, an dem ihn niemand vermutet hatte. Auf einem Friedhof, an einem Hang. Wahrscheinlich habe ihm der Drohneneinsatz das Leben gerettet, sagt Krause. Selbst eine Hundertschaft hätte ihn dort womöglich nicht entdeckt.