PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenBaumberger KalksandsteinDer Kampf um ein westfälisches KulturgutStand: 08:47 UhrLesedauer: 9 MinutenHaus Stapel, eines der größten Wasserschlösser in Westfalen, gemauert aus Baumberger KalksandsteinQuelle: picture alliance/Zoonar/Stefan ZieseDer Baumberger Kalksandstein verleiht dem Münsterland ein unverwechselbares Antlitz. Doch er ist anfällig für Verwitterung. Und die Mittel, mit denen man ihn schützen wollte, schädigen ihn nur. Eine Reise zu den Menschen, die den Verfall aufhalten wollen.Es ist nur Stein, tote Materie, die ihre Existenz einer Laune der Erdgeschichte verdankt, jenen Zeiten vor mehr als 70 Millionen Jahren, als ein flaches Meer das jetzige Münsterland bedeckte, in dem Schlamm und Schlick zu Boden sank. Und dort, wo heute die Baumberge liegen, eine Hügellandschaft zwischen Nottuln, Billerbeck und Havixbeck, wurde diese Schicht zu einem festen Material zusammengepresst, das man den Baumberger Kalksandstein nennt. Die Menschen, die Millionen Jahre später diese Gegend besiedelten, schätzten dessen Eigenschaften. Sie bauten Häuser daraus. Sie fanden Gefallen an der Farbe – und sie lernten, dass dieser weiche Stein gut geeignet war, um schöne Dinge daraus zu formen.Im Mittelalter wurde dieser Rohstoff weithin gerühmt, Baumeister und Bildhauer in ganz Norddeutschland und in den Niederlanden ließen ihn auf den Handelswegen der Hanse herbeischaffen. Doch zu Hause, im Münsterland, ist der Stein mehr als nur ein Material. Er prägt die Region. Er gibt ihr ein Gesicht. Der Tourismus profitiert davon. Schlösser und Kirchen, die frommen Bildstöcke an den Wegekreuzungen und die Inschriftentafeln der Bauernhöfe – alles, was von bleibendem Wert sein sollte, ist daraus gehauen. Die Münsterländer lieben ihren „Baumberger“, wie sie ihn kurz und knapp nennen. Und sie machen sich Sorgen. Denn dieser Stein ist zwar tote Materie. Aber zugleich ist er sensibel wie ein Lebewesen. Anfällig für Verwitterung. Er kann zerbröseln wie Blätterteig. Man muss sich darum kümmern. Und dabei kann man eine Menge falsch machen. Von den Menschen, die versuchen, die Vergänglichkeit des Steins aufzuhalten oder zumindest zu bremsen, soll dieser Bericht handeln. Wir haben Steinmetze, Steinhauer und Steinrestauratoren besucht, außerdem eine Museumschefin und eine Schlossherrin. Bei ihr beginnt die Reise.Haus Stapel leuchtet schon von Weitem durch das Frühlingsgrün. Ein Schloss wie gemalt – in goldgelben Farben. Das Anwesen in Havixbeck gilt als drittgrößtes Wasserschloss des an Wasserschlössern reichen Münsterlandes. Ein Onkel der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff ließ es in den 1820er-Jahren bauen – natürlich aus Baumberger Kalksandstein. Heute ist Haus Stapel im Besitz von Mechthild Freifrau Raitz von Frentz, es ist ihr Familienerbe. Sie ist dort aufgewachsen und weiß von klein auf, was es heißt, ein Schloss zu besitzen: ein ständiger Kampf gegen den Verfall, Reparaturen von undichten Dächern, Austausch von morschen Hölzern. Doch die größte Dauerbaustelle, sagt sie, sei das Mauerwerk selbst. Was von der Ferne aussieht wie eine makellose Fassade, ist bei näherer Betrachtung ein Gefüge aus feinen Rissen und sich lösenden Steinschuppen. Vor drei Jahren ließ sie die Schäden an dem 62 Meter langen Hauptgebäude ausbessern und restaurieren, manche Steine wurden ersetzt. „Doch es bröselt immer weiter“, sagt sie. Welche Folgen das haben kann, zeigt sie auf der Rückseite. Dort ragt der große Balkon des Festsaals über die Terrasse. Von den geschwungenen Steinkonsolen unter dem Balkon sind bereits Stücke abgeplatzt und zu Boden gefallen. „Das müsste als Nächstes gemacht werden“, sagt Raitz von Frentz, Kosten: rund 160.000 Euro. Und dann erwähnt sie noch etwas: In den 1970er-Jahren sei die gesamte Fassade des Schlosses „hydrophobiert worden“, mit einer wasserabweisenden Lösung eingestrichen. Dies sei damals von Fachleuten empfohlen worden. Doch damit habe das Problem erst so richtig angefangen.Wo auch immer man im Münsterland Baudenkmäler und Skulpturen aus Baumberger Kalksandstein besichtigt und ihre Eigentümer befragt – stets kommt dieses Thema auf: Hydrophobierung. Man spricht darüber wie über ein schlimmes Virus, das irgendwann in die Region eingeschleppt wurde und das man nun nicht mehr loswird. Dabei handelt es sich um eine Methode, die den Baumberger eigentlich schützen sollte.Der Baumberger Stein zeichnet sich durch seine Weichheit aus. Er wird zwar als Sandstein bezeichnet, weil er ähnlich wie andere Sandsteinarten viele Quarzkörner enthält. Doch anders als bei anderen Sandsteinen ist für die Bindung der Körner eine labile Struktur aus Kalzitplättchen zuständig – daher verhält er sich wie ein Kalkstein. Das Schöne daran: Bildhauer können damit so fein arbeiten, als würden sie Holz schnitzen. Der Nachteil: Der Baumberger saugt sich regelrecht mit Wasser voll – und das kann bei Frost im Inneren des Steins zerstörerische Kräfte freisetzen. Dem wollten die Restauratoren in den 60er- bis 90er-Jahren entgegenwirken, indem sie Bauwerke und Denkmale des Münsterlandes nahezu flächendeckend mit hydrophobierenden Mitteln behandelten. Wenn kein Wasser in den Stein kommt, kann es auch keinen Schaden anrichten. Soweit ihre Logik. Doch die erwies sich als tückisch.„Das Wasser findet immer einen Weg in den Stein, und wenn er es über den Boden aufsaugt“, erklärt Birte Graue. Wenn allerdings der Stein zuvor hydrophobiert worden sei, sagt sie, könne das Wasser nicht mehr verdunsten. Graue, Leiterin des Referats Restaurierung beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), zeigt in ihrem Büro in Münster Mikroskop-Aufnahmen aus dem Inneren des Steins, die erklären, warum er so anfällig ist. Von Natur aus sei dem Baumberger eine Elastizität gegeben, er könne sich je nach Temperatur ausdehnen oder zusammenziehen. Doch Hydrophobierung mache diese Eigenschaft zunichte.Vor einigen Jahren habe es in ihrer Dienststelle einen regelrechten Baumberger-Alarm gegeben, sagt Graue. Allerorten gab es Schäden zu beklagen. Das Kulturgut der Region stand auf dem Spiel. Graue blieb besonnen – und startete ein Projekt, dem sie den Titel „Erkennen, Handeln, Pflegen“ gab. Gefördert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, trug sie vier Jahre lang alles zusammen, was man über die Kalksandsteine weiß. Welche Schadensbilder gibt es? Welchen Einfluss hat die Umgebung? Wie kann man Verwitterungen stoppen? Welche Maßnahmen sind hilfreich und welche nicht? Graue übersetzte die Erkenntnisse der Wissenschaft in verständliche Handreichungen – für Schlossherren genauso wie für Hofbesitzer, „die jeden Tag an ihrem Bildstock aus Baumberger vorbeilaufen“. Manchmal reiche es schon, ein solches Steindenkmal über den Winter durch eine Holzbehausung zu schützen. Doch manchmal müssen Restauratoren Hand anlegen.Dann landen die geschädigten Stücke in einer Werkstatt wie der von Robert Wennemer in Münster. Der Restaurator hat schon als Kind im Steinbildhauer-Betrieb der Eltern gespielt – dort bekam er auch mit, wie der Vater sich mit den Herstellern von hydrophobierenden Mitteln anlegte. Es gab also auch schon damals Menschen mit Sachverstand, die sich gegen den Mainstream jener Experten stellten, die die Hydrophierung zum Allheilmittel erklärten. Allerdings nur wenige.Zur Anschauung hat Wennemer eine alte Steintafel bereitgelegt, deren Inschrift schon lange unleserlich ist. Er kratzt mit dem Fingernagel an der obersten Schicht herum, wie Papier löst sie sich von der Tafel. Solche Abrisse, die parallel zur Oberfläche und gegen die natürliche Schichtung des Steins verlaufen, erklärt Wennemer, seien eine Folge der Hydrophobierung. In stundenlanger Feinarbeit, mit Injektionsspritzen und Spachteln im Miniaturformat, trägt nun seine Mitarbeiterin Tanja Schwarten Spezialmörtel auf, kittet Risse und klebt lose Stellen an. Vereinzelt formt sie bereits verlorene Profile nach. Opferschichten, so nennen Restauratoren solche Ergänzungen, die bei einer neuerlichen Verwitterung als Erstes dran glauben müssen. Oberste Priorität bei allen Maßnahmen, sagt Schwarten: Sie müssten reversibel sein – also jederzeit wieder entfernt werden können. Die Behandlung mit den wasserabweisenden Lösungen erfüllte diese Bedingung nicht. Sie sind tief in die Steine eingedrungen – und nicht herauszubekommen. Wer eine Vorstellung davon bekommen will, welche Pracht der Stein in seinem ursprünglichen Zustand zu entfalten vermag, sollte dem Sandstein-Museum der Gemeinde Havixbeck einen Besuch abstatten. Dort erfährt man alles über Abbau und Verbreitung. Über die Anfänge im Mittelalter – und den zweiten Baumberger-Boom, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Bau des neogotischen Doms in Billerbeck einsetzte. Im Museum sind Figuren, Friese und Fialen zu sehen, die nie der Witterung ausgesetzt waren – und keine Hydrophobierung über sich ergehen lassen mussten. Feinste Konturen sind in diesen Kunstwerken zu erkennen. Die großen Meister verstanden sich sogar darauf, filigrane Hohlräume aus dem Stein herauszuschnitzen – als wäre es Elfenbein.Seit zweieinhalb Jahren leitet Angela Heinemann das Museum. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, die Erzählungen und Geschichten hinter den Exponaten zugänglich zu machen. Das kulturelle, wirtschaftliche und soziale Gefüge aufzuzeigen, das der Stein in der Region geschaffen hat – und das bis heute Bestand hat. Sie zeigt ein altes Schwarz-Weiß-Foto. In einem Steinbruch stehen Steinhauer und Steinmetze standesbewusst beieinander. „Fast jeder Besucher aus der Umgebung deutet auf einen dieser Männer und erzählt, dass dies der Opa, der Ur-Onkel oder sonst jemand aus der Familie ist.“Dutzende kleine Steinbrüche gab es einst in den Baumbergen. Heute sind es noch zwei. Einer davon, der letzte private Abbaubetrieb, wird von der Familie Fark geführt. Mit einem Besuch in ihrem Steinbruch geht diese Recherche-Reise zu Ende. Es ist zugleich der Anfang von allem, weil hier die Liaison zwischen Mensch und Stein ihren Ursprung hat. Schon die Fahrt vermittelt das Gefühl, man tauche in die ocker-gelbgoldene Farbe dieses Gesteins ein. Sie schimmert aus jeder Ackerfurche. Und noch der primitivste Schuppen ist hier aus Baumberger gemauert. Im Steinbruch stehen zwei Gestalten wie aus einer anderen Zeit, von Staub überzogen: Georg und Thomas Fark, Onkel und Neffe. Lange müssen die beiden nachdenken, bis sie die Abfolge der Farks zusammenbringen, die hier seit acht Generationen arbeiten. Leichter fällt es ihnen, die Erdschichten aufzuzählen, durch die sie sich graben müssen, bis 20 Meter unter der Grasnarbe das Material ans Licht kommt, das die nötige Qualität hat. Bis vor wenigen Jahren schlugen sie noch Keile in den Stein, mit einer rhythmischen Abfolge von Hammerschlägen, damit er nicht an der falschen Stelle reißt. Jetzt sind sie stolze Besitzer eines zweieinhalb Meter hohen Sägeblatts, das sie an einem Bagger befestigen. Doch die Grundregeln ihrer Arbeit gelten wie eh und je. Abgebaut wird nur in den Monaten ohne r, damit Nässe und Frost den frisch geschnittenen Quadern nichts anhaben können.In den 1970er-Jahren habe man den Baumberger für tot erklärt, erzählt Thomas Fark. Doch es kommen noch immer genügend Aufträge. Steine für die Ausbesserung von Gebäuden werden dringender gebraucht denn je. Eigentümer von Bildstöcken und Inschriftentafeln, deren Verfall schon zu weit fortgeschritten ist, um sie noch zu restaurieren, lassen bei den Farks gleich komplette Replikate fertigen. Der Antrag auf eine Erweiterung des Steinbruchs warte auf Genehmigung, sagt Fark. Der Baumberger hat nicht nur eine große Vergangenheit. Seine Geschichte geht weiter. afa