Unwiderstehlich kühl: Miles Davis’ wichtigste LektionMiles Davis’ 100. Geburtstag ist eine gute Gelegenheit, sich an das Grundprinzip des grossen Jazzmusikers zu erinnern: Stay cool!24.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEr hat das ganze wilde, irre Treiben der Zeit versilbert, verklärt und überwunden im Ton einer Trompete: Miles Davis bei einem Auftritt in Los Angeles, 1980.Aaron Rapoport / Corbis / GettyOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wenn dir der Kopf schwirrt, weil alles auf dich einprasselt, die News, die Katastrophenmeldungen, Krieg hier und Krise dort; wenn die Welt aus tausend Medienkanälen kräht und zetert, dann leg dieses Stück auf. Hör zu, wie Piano und Bass ein einfaches, aus wenigen Tönen bestehendes Motiv anstimmen. Zart, leicht, pointiert. Nach ein paar Takten schon bist du entspannter, denn dieser Sound ist wie Meditation und Espresso zusammen, wenn das gehen würde, entspannt sein und zugleich hellwach. Jetzt die Trompete: Sie tupft ein knappes Signal dazu, und dann schwingt sie sich auf zu einem Gesang, der so lässig über dem Beat schwebt, dass das Krakeelen der Welt in einem Wurmloch des Trivialen verpufft.Das Stück heisst «So What». Neun Minuten und ein paar Sekunden. Mehr braucht es nicht, um eine überhitzte, explosive Welt herunterzukühlen auf eine Temperatur, in der sich alles klar, frisch und gut anfühlt. In der die Dinge an ihrem Platz sind, geordnet nach dem Prinzip der Schönheit und Eleganz und nicht durcheinandergewirbelt von Machtinteressen, Gier und Bosheit. Miles Davis, der am 26. Mai hundert Jahre alt geworden wäre, hat diesen Song im Jahr 1959 eingespielt, und auch wenn Coolness damals schon als Haltung und ästhetische Idee in Umlauf war: So eine gelassene Kühle hatte es noch nie gegeben, im Jazz nicht und auch nicht in der Welt. Das ganze wilde, irre Treiben der Zeit versilbert, verklärt und überwunden im Ton einer Trompete.Abgesehen davon, dass man ihm, dem grössten Trompeter des Jazz, zum Hundertsten noch einmal alle möglichen Verdienste anrechnen kann – Revolution eines Genres, x Alben mit Klassikerstatus, Förderung und Prägung eines Dutzends weiterer stilprägender Musiker –, ist Miles Davis vor allem eine Mahnung in Künstlergestalt: Bleib cool.Das Strahlen seiner TrompeteCoolness, wie er sie vorlebte und in eine klangliche Ästhetik übertrug, ist nicht Abgebrühtheit. Sie bedeutet nicht Indifferenz. Coolness ist die perfekt austarierte Mischung aus Leidenschaft und Contenance, Energie und Ökonomie. Er hat das gewusst und 1957 sein erstes Album «Birth of the Cool» genannt. Der Titel ergibt auf mehreren Ebenen Sinn.Zum einen muss man schon ein bisschen kaltblütig sein, um sich mit einer neuen Spielweise gegen die Ziehväter zu stellen: Dizzy Gillespie und Charlie Parker, zwei geniale Bebop-Hitzköpfe, die in den Klubs den Leuten aberwitzige Soli um die Ohren bliesen, während Davis, erst 27 Jahre alt, mit Gil Evans in einem Apartment sass und über Partituren brütete. Der Arrangeur Evans war geschult in europäischer Klassik, und das war cool. Mit so einem konnte man den Jazz aufmischen, den Sound sinfonisch und komplexer machen. Dass Evans ein Weisser war: So what? Coolness schert sich nicht um ethnische, ideologische oder kulturelle Grenzen. Sie geht darüber selbstbewusst hinweg.«Moon Dreams» zum Beispiel, das dritte Stück auf «Birth of the Cool»: Da klingt Debussy an, vielleicht sogar Strawinsky. Und dazu die melodischen Spaziergänge von Miles mit dem charakteristischen Ton ohne Vibrato. Jede Note ein Statement in Sachen Contenance. Wenn man wieder einmal agitiert ist vom Weltgeschehen, von den politischen Strohfeuern und Flächenbränden, aber auch bei persönlicher Überhitzungsgefahr (Liebeskummer, Eifersucht usw.), dann hilft das kühle, mondhelle Strahlen von Miles’ Trompete, und schon ist die Glut gelöscht.Und natürlich sein Look. Immer cool, weil frei von Koketterie, Ranschmeissertum, Gefallsucht. In den Vierzigern und Fünfzigern die perfekt sitzenden Anzüge von Brooks Brothers, in den Sechzigern die flamboyanten Hippie-Outfits, wenn Hippies einen Sinn für Eleganz gehabt hätten. Später dann Gewänder im Ethno-Stil, als sei er ein Schamane, den sich Versace ausgedacht hat.Eine Konstante im Erscheinungsbild: Sonnenbrillen. Am Anfang seiner Karriere die schwarze, den Blick schützende Ray-Ban, später alles, was gross ist und das halbe Gesicht verdeckt. Sonnenbrillen sind Insignien der Coolness, weil sie das Gesicht zur Maske machen und der Welt den Spiegel vorhalten. In seinem Gesicht lesen und seine Persönlichkeit erforschen? Vergiss es. Miles betrachten heisst, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein.Coolness ist niemals gemeinDas hat auch historische Gründe: Afroamerikaner riskierten ihr Leben, wenn sie die falschen Leute zu lange anschauten. Miles Davis hat es selber erlebt, trotz Prominenz und Ruhm: In New York wurde er 1959 auf offener Strasse von einem Cop zusammengeprügelt. Er stand einfach da und rauchte eine Zigarette. Dass an der Tür des Klubs ein Miles-Davis-Plakat hing, hielt den Polizisten nicht von der rassistischen Entgleisung ab.Auch ohne Sonnenbrille gibt es deshalb diesen coolen, das Innere verbergenden Blick. Ein Blick, gepanzert mit Kälte, weil man eigentlich explodieren müsste vor Zorn. So gesehen hat die Unrechts- und Leidensgeschichte von Afroamerika in Miles Davis ein Emblem gefunden – und einen mächtigen Widerpart. Man muss nur das legendäre Cover des Albums «Tutu» (1986) anschauen: das im Dunkel schwebende Antlitz, eine Skulptur der Stärke und Souveränität.Cover des Albums «Tutu» von Miles Davis.PDSouverän- und Coolsein gehören zusammen, und vielleicht ist dies eine der wichtigsten Lektionen, die wir heute von ihm lernen können, unabhängig von Hautfarbe, Herkunft oder kultureller Prägung. So ungebunden wie er war, was Interessen und Allianzen betrifft – er spielte mit weissen Nerds genauso wie mit Funk- und Hip-Hop-Musikern –, so frei und souverän sollten auch wir sein. Nicht auf ideologische oder ästhetische Reinheitsgebote achten, sondern nur schauen, ob das cool ist, was da als Idee und Programm angeboten wird.Denn Coolness ist niemals gemein, ordinär oder brutal. Coolness ist diszipliniert und besonnen; sie basiert auf Können und Kompetenz. Und sie verpflichtet zur Diskretion. Ein Miles-Davis-Stück drängt sich nicht auf, es überzeugt mit souveräner Beherrschung des Materials. Es spricht für sich. Damit steht seine Kunst in direktem Widerspruch zu den gegenwärtig kursierenden Gesten des Zeitgeists: Lautsein, Auftrumpfen, Grosstun.Noch ein Stück auf «Birth of the Cool». Einsatz der Bläser, die Band etabliert das Hauptmotiv. Elegant sich verschränkende Stimmen, bis ein Gewebe aus Eleganz und Anmut entsteht. Das Schlagzeug: Man nimmt es zunächst gar nicht wahr, es taucht einfach auf mit lakonisch zischelnder Hi-Hat. Und auf einmal ist da der Groove. Über dieses Schlendern der Band: die Trompete von Miles Davis. Nüchtern, beherrscht, leicht. Souverän.Wie cool ist es, dass dieses Stück «Rocker» heisst?Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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