Willkommen in der neuen Gründerdiktatur: Mit SpaceX, Anthropic und Co. verliert das Prinzip «eine Aktie, eine Stimme» an BodenZudem dürften die Mega-Börsengänge dieses Jahr viel Liquidität aufsaugen, die dann womöglich den Aktien anderer Unternehmen fehlt.24.05.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenDie neuen Tech-Gründer wollen bloss Geldgeber und keine Miteigentümer.Charlie Riedel / APMega-Börsengänge hat es schon früher gegeben. Zum Beispiel 2014, als der chinesische Technologiekonzern Alibaba sein IPO machte. Oder 2019, in dem Jahr, in dem sich der Erdölriese Saudi Aramco für Publikumsaktionäre öffnete. 2026 aber stehen mit SpaceX, Anthropic und Open AI gleich drei Börsengänge der Extraklasse an.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das wird die Finanzmärkte verändern. Die unsägliche Struktur, die Google und Meta bei ihren Börsengängen eingeführt hatten, dürfte sich verfestigen: dass es zwei Arten von Aktionären gibt. Die Gründer, die über ein ungleich höheres Stimmrecht verfügen, und die normalen Aktionäre, die de facto nichts zu sagen haben. Die Aktien von Elon Musk bei SpaceX zum Beispiel sind mit dem zehnfachen Stimmrecht ausgestattet. Das Prinzip «eine Aktie, eine Stimme» ist tot.Die Gründer wollen die absolute Macht behalten. Das Kapital der Masse, die zu einfältig ist, um ihre grosse Vision zu verstehen, sammeln sie aber gerne ein. Willkommen in der Gründerdiktatur.Es gibt aber auch kurzfristige Effekte der drei grossen Börsengänge. Diese IPO wirken wie ein Liquiditätsstaubsauger. Normalo-Firmen, die dieses Jahr ebenfalls frisches Kapital aufnehmen wollen, haben einen schweren Stand. Beim Börsengang von Alibaba hatte es ein Börsenanalyst (ungefähr) so formuliert: Es sei, als ob eine High-School-Coverband nach den Beatles die Bühne betrete.Dazu kommt der Index-Effekt. Als neue Mega-Caps werden die drei Unternehmen ungewöhnlich rasch in Börsenindizes aufgenommen und dürften dort ein hohes Gewicht erhalten. Da in den USA mittlerweile ein Grossteil der Anleger passiv investiert, werden diese sich mit der Index-Inklusion von Anthropic, Open AI und SpaceX automatisch von anderen Aktien trennen, die entweder ganz aus einem Index fliegen oder in diesem fortan ein kleineres Gewicht haben.Auch andere Anleger, die auf das alles dominierende KI-Thema setzen wollen, werden sich wohl von gewissen Aktien oder ganzen Branchen trennen, um bei SpaceX oder Anthropic investieren zu können.Wer über die Klinge springen wird, ist dabei schwer zu sagen: Bisherige KI-Gewinner wie Google oder Nvidia? Die Aktien von Techfirmen, die gemeinhin als KI-Verlierer gelten wie zum Beispiel Software-Firmen? Oder Titel aus ganz anderen Branchen?Dieses Crowding-out, der Verdrängungseffekt, findet auch bei Anleihen statt. Insbesondere die US-Regierung fährt in wirtschaftlich guten Zeiten enorme Haushaltsdefizite ein und muss Hunderte von Milliarden an neuen Schulden aufnehmen.Wenn Giganten wie SpaceX oder Open AI an die Börse gehen, stellen sie für ein paar Monate alle anderen Aktien in ihren Schatten. Flutet aber die US-Regierung den Anleihemarkt mit zusätzlichen Schulden, verteuert sie die Kredite für Unternehmen.Wenn schon die USA 4,6 Prozent Zinsen für ihre Anleihen bezahlen, was ein klares Misstrauensvotum ist, müssen private Schuldner noch viel tiefer in die Tasche greifen. Ich fürchte mich nicht vor dem Platzen der KI-Blase. Ich habe Angst, dass uns der Bondmarkt um die Ohren fliegt.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel