Als der FC Bayern München das letzte Mal im größten Spiel des europäischen Klubfußballs angetreten ist, hat er Leon Goretzka gebraucht. Damals, im Corona-Sommer 2020, musste Joshua Kimmich im Finalturnier der Champions League nochmal als Außenverteidiger aushelfen, sodass in der Mittelfeldmitte der Platz neben Thiago Alcántara frei war. Dort stellte der Trainer Hansi Flick also Goretzka auf, der in den Wochen davor so gut gespielt hatte wie noch nie, seit er im Sommer 2018 nach München gekommen war.Die Bayern haben dann mit ihm das Finale gegen Paris Saint-Germain gewonnen und im Jahr danach mit ihm vorzeitig den Vertrag verlängert, bis Sommer 2026. Der damalige Sportvorstand Hasan Salihamidžić sagte sogar, dass Goretzka mit Kimmich „das Herz unserer Mannschaft“ sei. Und gab ihm ein Gehalt, als wäre er wirklich ein Organ, ohne das der Klub nicht könne.In diesen Monaten durfte sich Leon Goretzka in München nicht nur gebraucht, sondern auch gewollt fühlen.Das gute Gefühl ist nicht gebliebenSo schön wie in den anderthalb Flick-Saisons, das konnte man ihm in den darauffolgenden Spielzeiten immer wieder ansehen, ist das Gefühl dann aber nicht geblieben. Die Trainer, die folgten, haben ihn schon noch gebraucht, aber schon auch mit ihm gehadert (Thomas Tuchel). Das Gefühl war dann wohl endgültig weg, als der neue Sportvorstand Max Eberl im Sommer 2024 andeutete, dass es für Goretzka womöglich keinen Platz mehr im Team gebe und der neue Trainer Vincent Kompany ihm in der ersten Runde des DFB-Pokals nicht mal einen Platz im Kader gab.In den nächsten zwei Saisons ist Goretzka dann immer dran- und deswegen nicht ganz draußen geblieben. Doch wenn der FC Bayern an diesem Samstag (20 Uhr, ARD und im F.A.Z.-Liveticker zum DFB-Pokal) im größten Spiel des deutschen Klubfußballs antritt, dem DFB-Pokalfinale, wird er höchstens als Einwechselspieler gebraucht werden und danach nicht mal mehr als solcher gewollt sein.311 Spiele, 51 ToreDas Endspiel in Berlin wird für ihn auch ein Endspiel für den Klub sein, den er, der Junge aus Bochum, im Klubmagazin gerade „zu Hause“ genannt hat. Danach wird er aus München weggehen. Wohin? Das hat er noch nicht gesagt, weil er es selbst wohl noch nicht weiß.Was sich aber sagen lässt: Leon Goretzka und der FC Bayern, der FC Bayern und Leon Goretzka – das ist trotz 311 Spielen, 51 Toren und all der Titel nicht die gemeinsame Geschichte geworden, die es hätte werden sollen.Man kann nicht sagen, wem das zuzuschreiben ist. Schaut man sich die Entwicklung von Goretzka und den Bayern seit dem Corona-Sommer 2020 an, sieht man nämlich sowohl einen Spieler als auch einen Klub, die aus sportlicher Sicht stagniert sind.Vor der Ankunft von Vincent Kompany war in der Champions League aus einem Halbfinalklub wieder ein Viertelfinalklub geworden. Und Goretzka nicht der Spieler gewesen, der in einem der vielen Viertelfinalspiele mit einem Schuss oder einem Kopfball den Unterschied gemacht hat. Das alles soll den Champions-League-Sieg im Corona-Sommer nicht schmälern, aber wenn man nun nochmal auf das große Goretzka-Bayern-Bild schaut, muss man sagen, dass er die Anomalie war.Keiner für die Strategen-RolleWer im Team Goretzka ist und diese Entwicklung erklären will, wird sagen, dass seine Trainer nie die richtige Rolle für ihn gefunden haben. Und es könnte schon so kommen, dass er, wo auch immer er in der nächsten Saison spielen wird, nochmal einen großen Einfluss haben wird. Doch wer nicht in seinem Team ist, und in München sind das über die Jahre mehr geworden, wird entgegnen, dass er nicht gut genug war, damit seine Trainer eine Rolle für ihn finden mussten.Er hat seinen Drang zum Tor behalten, aber ist nie der Stratege geworden, der man als Mittelfeldspieler im modernen Fußball sein muss. In der Mitte des Spiels macht er vieles gut, manches sehr gut, aber nichts sehr, sehr gut. Er kann den Ball etwa nicht so gut passen wie Joshua Kimmich und Aleksandar Pavlović.Sie haben ihn in München mögen gelerntUnd wenn man genau hinschaut, sieht man, wie Kimmich und Pavlović im Spielaufbau immer sofort hinter ihren Gegenspielern hervorkommen und den Ball haben wollen, während Goretzka manchmal seine Sekunde länger hinter seinem Gegenspieler bleibt.In dieser Saison hat der Trainer Vincent Kompany ihn auch deswegen in dem für den FC Bayern wichtigsten Wettbewerb, in der Champions League, einmal in die Startformation gestellt. Das war im Achtelfinal-Rückspiel gegen Atalanta Bergamo, in dem Spiel also, in dem die Bayern eigentlich nicht verlieren konnten, weil sie das Hinspiel 6:1 gewonnen hatten.Man kann nun mit Blick auf die bevorstehende Trennung sagen, dass sie Goretzka in München nicht mehr brauchen und nicht mehr wollen, aber das heißt nicht, dass sie ihn dort nicht mögen. Sowohl der Trainer als auch alle anderen haben nie schlecht über Goretzka geredet, im Gegenteil. Zu seiner Abschiedsfeier sollen alle Vorstandsmitglieder gekommen sein, was angeblich längst nicht bei allen Abschiedsfeiern vorkommt. Genauso wenig wie die Überlieferung, dass die Rede des Gastgebers sehr bewegend gewesen sein soll.Am Sonntag, wenn das letzte Spiel gespielt, die letzte Rede gehalten und vielleicht der letzte Titel gefeiert worden ist, wird die gemeinsame Geschichte von Leon Gorektza und dem FC Bayern zu Ende sein. Doch das Faszinierende ist, dass sie in diesem Sommer bei der Weltmeisterschaft noch einen Epilog bekommen könnte.Denn der Spieler, der für den FC Bayern in den wichtigsten Spielen wenig bis gar nicht gespielt hat, weil man ihm nicht zutraute, den Unterschied zu machen, soll für die Nationalmannschaft in den wichtigsten Spielen genau das machen: den Unterschied.