Seit Jahren fühlt sich Janek Zimmer wie in einer Zeitschleife. Immer wenn der Frühling ins Land zieht, hört der Regen auf. Wochenlang fällt kaum ein Tropfen. Dicke, schwere Wolken verirren sich nur noch selten in die Leipziger Tieflandbucht, wo er lebt. Pünktlich zum Frühjahr verwandelt sich seine Heimat in eine Trockeninsel. Es ist, als lebte er unter einer Glocke, die den Regen abschirmt. Zimmer ist Meteorologe von Beruf, beim privaten Anbieter kachelmannwetter.com ist er für die Wissenschaft und die Wettermodelle zuständig. Er liebt es, wenn es schifft, prasselt, schneit und graupelt. Doch mittlerweile sieht er immer nur Blau am Himmel, die Luft ist warm. Und auf den Feldern verdorren die Pflänzchen. Zwar gehört die Leipziger Tieflandbucht zu den trockensten Regionen Deutschlands, aber so trocken war es früher nicht. Da musste man im Frühjahr nie lange auf Regen warten, erinnert sich Zimmer. Der April machte, was er wollte, das Frühjahr war launisch und nass. Trockene Jahre waren die Ausnahme. Zimmer wuchs am Rand Leipzigs auf, der Vater war Rinderzüchter. Im Frühling wurden die Rinder auf die Weide gebracht, das Gras wuchs schneller, als das Vieh fraß.
Irgendwann zu Beginn des neuen Jahrhunderts merkte Zimmer, dass sich etwas änderte. Der Regen setzte häufiger aus, das Gras verdorrte, Vater und Sohn mussten für die Rinder Gras aus dem Umland heranschaffen, Zufüttern wurde allmählich zur Regel. Es war der Beginn eines Trends, der sich weiter verschärfte. „Alle paar Jahre gibt es eine neue Eskalationsstufe“, sagt Zimmer. Heute sei das Land manchmal schon im Mai völlig ausgetrocknet, Trockenrisse breiten sich im Boden aus. Seine Heimat staubt und flimmert, und manchmal brennt sie sogar. „Es ist krass, das alles mitzuerleben.“In Mitteleuropa wird der Frühling trockenerDie Frühjahrstrockenheit trifft aber nicht nur Sachsen, in ganz Mitteleuropa herrscht Regenarmut. Der Frühling wird sonniger, wärmer, trockener, staubiger. Bauern und Gärtner müssen schauen, wie sie ihre Pflanzen bewässern. Tümpel und Pfützen bilden sich immer seltener – zum Schrecken von Amphibienforschern. Viele Arten sind stark gefährdet, manche stehen wegen der Trockenheit kurz vor dem Aussterben, vor allem die Frühlaicher leiden, sagt Hans-Joachim Bek vom Naturschutzbund. Menschen hingegen bekommen vom trockenen, warmen Wetter nach dem langen Winter nicht genug.Unter Meteorologen und Klimaforschern wird der neue Trockentrend heiß diskutiert. Sie fragen sich, ob die Regenarmut Zufall, also eine Laune des Wetters ist. Oder ob die Frühjahrsdürre der Anfang eines Klimatrends ist, der Europa in den kommenden Jahrzehnten immer heftiger treffen wird. Ist dieser Frühling das neue Normal? Wird es schlimmer?Janek Zimmer glaubt nicht an eine Laune des Wetters. „Zufall ist auszuschließen“, sagt er. Das bisherige Jahr scheint ihm recht zu geben. Zwar hat es zuletzt vielerorts Regen gebracht, doch es reichte keineswegs, um das Defizit im Boden auszugleichen. Die Wasserbilanz des Jahres fällt weiterhin mager aus: Es ist landauf, landab viel zu trocken. An der Oberfläche ist die Krume jetzt feucht, aber weiter unten fehlt Wasser, viel Wasser. In der Osthälfte herrscht im tiefen Boden sogar eine außergewöhnliche Dürre. Und auch die Grundwasserstände sind niedrig.Die Karte des Deutschen Wetterdiensts zeigt das Ausmaß der Trockenheit, vor allem in den Mittelgebirgen. Teilweise fehlen dort mehr als 250 Liter Regen pro Quadratmeter. Es müsste ein, zwei Monate durchregnen, um das Defizit auszugleichen, sagen Meteorologen.Seit mehreren Jahren hält dieser Trockentrend an. Das liegt daran, dass es im Nordatlantik sehr ruhig ist. Normalerweise schickt er uns ein Tief nach dem anderen und löst jene Weststaulagen aus, die im Mittelgebirge die großen Regenfälle bringen. Stattdessen dominiert Hochdruck vor den Toren Europas. Diese Großwetterlage entspricht exakt dem Muster, das Klimaforscher seit mehr als zwanzig Jahren im Frühling beobachten. Die Tiefs biegen über dem Atlantik weit nach Süden ab. Und über Europa baut sich ein Hochdruckgebiet auf, das wie ein Sperrriegel wirkt. Wetter ist ChaosIst dies das neue Normal? Genau sagen lässt sich das nicht. Denn die Atmosphäre kann solche Trends in der Großwetterlage auch von allein hervorbringen, dazu braucht es keinen Klimawandel. Das liegt an der großen Eigendynamik der Höhenströmung, dem Jetstream. In manchen Jahrzehnten ist er schwächer, dann wieder stärker, mal rumst es mehr über dem Atlantik, mal rumst es weniger: Wetter ist Chaos. Deshalb ist es so schwierig, das wilde Hin und Her dem Klimawandels oder dem Wetter zuzuordnen. Die entscheidenden Fragen für die Forscher sind: Verändert der Klimawandel die Dynamik der Atmosphäre im Frühjahr in Europa? Schubst er die Hoch- und Tiefdruckgebiete an ungewöhnliche Orte? Versiegt der Feuchttransport vom Atlantik? Bislang ist nicht gut verstanden, wie sich die höheren Temperaturen auf die Luft- und Meeresströmungen auswirken, die unser Wetter und damit die Regen- und Wolkenverteilung steuern. Meteorologe Zimmer macht ein Klimaphänomen für die Frühjahrstrockenheit verantwortlich: die Kälteblase südlich von Grönland, auch Cold Blob genannt. Das Meer im subpolaren Nordatlantik ist die einzige Region weltweit, die sich abkühlt. Um ein halbes bis ein ganzes Grad ist die Region in den vergangenen 120 Jahren kälter geworden, Forscher sehen darin ein Anzeichen für eine Abschwächung der atlantischen Umwälzzirkulation AMOC, die unser Wetter in Europa prägt. Der Wärmetransport aus dem Golf von Mexiko hat sich seit den Fünfzigerjahren um 15 Prozent abgeschwächt, zeigt eine aktuelle Studie. Unklar ist, was das mit der Atmosphäre macht.Tiefdruckgebiete bis zu den AzorenZimmer geht davon aus, dass die Kälteblase über dem Meer die Zirkulation der Atmosphäre verändert. Das kältere Wasser sorge für eine stabilere Schichtung der Atmosphäre, wodurch sich Wärmeaustausch und Reibung verringerten. Die Folge: Kalte Polarluft kann über dem Atlantik weiter nach Süden ausbrechen, Tiefdruckgebiete dringen bis zu den Azoren vor, wo normalerweise ein Hoch liegt, das Azorenhoch. In der Gegenbewegung strömt warme Luft aus den Subtropen nach Europa. Hier bildet sich nun das stabile Hochdruckgebiet, das Tiefdruckgebiete vom Kontinent fernhält – und für die Trockenheit verantwortlich ist. Klimamodelle sind bislang keine große Hilfe, um diese Wechselwirkung zwischen Ozean und Atmosphäre zu verstehen, einzelne gekoppelte Ozean-Atmosphäre-Modelle sehen allerdings bereits jetzt das Muster, das Janek Zimmer meint. „Am Ende ist es wie in einem Kriminalprozess“, sagt Zimmer. „Alle Indizien sprechen dafür, dass das Klima die Ursache ist, aber der Beweis steht noch aus.“Ein Indiz sind die Wetterdaten der vergangenen zwanzig Jahre: Die Wolkenbedeckung über Europa hat im Frühling um bis zu zehn Prozent abgenommen, Regen fällt seltener. Der Luftdruck in mittelhohen und hohen Luftschichten über Europa ist zudem gestiegen, während er über dem Nordatlantik fiel. Laut den Daten des Deutschen Wetterdienstes scheint die Sonne heute um ein Viertel häufiger als in früheren Jahrzehnten, die Niederschläge haben seit dem Jahr 2010 um ein Fünftel abgenommen. Besonders trocken und sonnig ist heute der früher so launische und oft feuchte April.Klimaforscher bleiben trotzdem skeptisch. „Es ist verdammt schwer, den Trend klar zu attribuieren“, sagt Karsten Haustein, Klimatologe an der Universität Leipzig. Damit meint er, dass es im natürlichen Chaos der Atmosphäre schwierig ist, ein klares Signal des Klimawandels zu erkennen. Neben der Schwächung der Golfstromsystems, die wohl tatsächlich einen großen Einfluss auf die Zirkulation hat, weist er auf den zunehmenden Land-Ozean-Kontrast und die Abnahme der Schwefelaerosole hin, die den Dürretrend erklären könnten. Da sich Europa im Frühjahr sehr viel schneller erwärmt als der Atlantik, komme es zu einem Feuchtedefizit über dem Kontinent. Über dem Land gibt es weniger Wasserdampf, Schauer und Gewitter bilden sich seltener. Erst im Sommer, wenn sich der Atlantik aufwärmt, springt der Transfer von Wasserdampf zum Kontinent an. Ähnlich wirkt der Rückgang der Aerosole: Das Land erwärmt sich stärker als das Meer, zudem könnten weniger Aerosole über dem Nordatlantik die Umwälzpumpe weiter schwächen.„Wir sehen eine Veränderung, aber verstehen noch nicht, warum“Der Dürretrend im Frühjahr könnte also eine Folge des schwächer werdenden Golfstromsystems werden. Da der schwächelnde Jetstream weiter nach Süden ausbuchtet, kommt es vor allem im Sommerhalbjahr häufiger zu blockierenden Hochdruckwetterlagen. In einer kürzlich in Science Advances erschienenen Studie weisen französische Forscher darauf hin, dass sich der Golfstrom schneller abschwächen und früher zusammenbrechen könnte, als die Klimamodelle es bislang prognostiziert haben. Passiert das, würden die Winter kälter, die Sommer noch heißer und trockener. Die Dürre im Sommerhalbjahr würde sich deutlich verschärfen.Der Weltklimarat IPCC bleibt jedoch skeptisch. In seinem jüngsten, fünf Jahre alten Sachstandsbericht bezeichnete er einen abrupten Kollaps als unwahrscheinlich, ausgeschlossen sei der Zusammenbruch nicht. Zum Schwächeln des Jetstreams hieß es vom IPCC damals: Es gebe wenig Gewissheit, dass das heute oder in Zukunft passiere. „Solange ich nicht weiß, wie stark die natürliche Variabilität ist, bin ich nicht beeindruckt“, sagt auch der Klimaforscher Hans von Storch, der Jahrzehnte über Nachweis und Zuordnung in der Klimawissenschaft forschte. Ähnlich vorsichtig äußert sich auch Frank Kaspar, der lange beim Deutschen Wetterdienst über Klimawandel und Wasserkreislauf, und jetzt bei Eumetsat über das Klima forscht. Er sagt: „Wir sehen eine Veränderung, aber wir verstehen noch nicht, warum.“Der fehlende Regen ist nicht das Problem Entwarnung? Keineswegs. Denn selbst wenn die Veränderungen des Höhenwindes nur eine vorübergehende Laune der Atmosphäre wären, bleibt ein anderes Problem bestehen: die starke Erwärmung Europas. Der Frühling in Deutschland ist heute rund zwei Grad wärmer als zu Beginn der Industrialisierung, allein in den vergangenen dreißig Jahren ist die Temperatur um 1,2 Grad gestiegen. Das klingt wenig, hat thermodynamisch aber großen Einfluss. Denn Wärme treibt die Verdunstung an. Sie ist letztlich die Hauptursache für Dürre in der ersten Jahreshälfte, nicht die Abnahme der Niederschläge. In einer wärmeren Welt müsste es mehr regnen, um die Böden feucht zu halten, doch da das nicht passiert, trocknen die Böden aus. „Wir wissen, dass es in Zentraleuropa eine Tendenz zur Austrocknung der Böden gibt“, sagt Sonia Seneviratne, Klimaforscherin an der ETH Zürich, die schon vor mehr als zwanzig Jahren auf diesen blinden Fleck der Klimaforschung hinwies. Heute ist der Trend unübersehbar: Seit gut vier Jahrzehnten sinkt die Bodenfeuchte, Hochdruckgebiete setzen sich öfter auf dem Kontinent fest – Dürren werden häufiger. Derzeit wird sogar darüber diskutiert, ob die trockenen Böden den Hochdruck verstärken könnten. Auf jeden Fall geht mit dem Verlust der Bodenfeuchte der kühlende Effekt verloren. Das Land heizt sich stärker auf, vor allem in Mitteleuropa.Für den Sommer ist das keine gute Nachricht: Ist der Boden schon im Frühjahr trocken, startet die wärmste Jahreszeit auf niedrigem Niveau. Bleiben im Mai und Juni Regenwolken fern, schaukelt sich das Problem weiter auf, bekommen Landwirte und Gärtner ein Problem. Das erste Sommerhoch bringt sich bereits in Stellung. Zur neuen Woche dürfte der Regen schon wieder Geschichte sein.






