Die Gitarren von Fender sind Ikonen der Rockkultur – jetzt erlebt die Firma einen weltweiten ShitstormDer weltgrösste Gitarrenbauer hat vor über siebzig Jahren sein bis dato bekanntestes Instrument entwickelt. Erst jetzt drängt der amerikanische Konzern auf einen urheberrechtlichen Schutz. Das Resultat ist ein PR-Desaster.23.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSo sieht eine gut gealterte Fender Stratocaster aus – hier das Exemplar des 1995 verstorbenen Bluesgitarristen Rory Gallagher.Jesse Wild / GettyOb Jimi Hendrix, Eric Clapton oder David Gilmour: Sie alle haben auf der Bühne eine Fender Stratocaster gespielt – oder tun das noch heute. Das Instrument, oft schlicht als «Strat» bezeichnet, ist die wohl bekannteste elektrische Gitarre. Wer ein Emoji für eine E-Gitarre sucht, landet meist bei einem Bild mit der Silhouette einer Strat. Doch nicht nur das: Das 1954 erstmals hergestellte Instrument steht auch symbolhaft für die Anfänge der Rockkultur und Jugendrebellion im 20. Jahrhundert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Feldzug gegen die KonkurrenzDerzeit sorgt das zur Ikone gewordene Instrument aber für Misstöne, und zwar abseits der Bühnenwelt. Denn über siebzig Jahre nachdem der Firmengründer Leo Fender das Instrument in einer kleinen Werkstatt im Süden Kaliforniens erfunden hat, lanciert Fender Musical Instruments einen Feldzug gegen die Konkurrenz. Der weltgrösste Gitarrenbauer, dessen Umsatz auf knapp 900 Millionen Dollar geschätzt wird, will nicht länger tolerieren, dass Gitarrenbauer den Korpus der Strat kopieren.Leo Fender, gestorben 1991.PDDas amerikanische Unternehmen geht dabei forsch zur Sache. In einem unlängst versandten Brief werden Firmen, welche Gitarren im Stil der Stratocaster bauen, zur Beendigung ihrer Produktion aufgefordert. Bereits hergestellte Exemplare sollen zurückgerufen und dann zerstört werden. Eingefordert werden auch finanzielle Entschädigungen. Die Konkurrenten erhalten Zeit bis zum 25. Mai, um die Forderungen zu akzeptieren. Tun sie das nicht, droht Fender mit weiteren juristischen Schritten.Weder Fender noch die Anwaltskanzlei Bird & Bird, die das Unternehmen rechtlich vertritt, wollen sich auf Anfrage zum Fall äussern. Doch auf den ersten Blick überrascht das Vorgehen. Denn eine markenrechtliche Klage zum Schutz von Fenders Gitarrenformen war noch 2009 in den USA abgewiesen worden. Die Richter betonten damals, die Formen seien längst generisch und würden nicht mehr exklusiv auf Fender verweisen. Die Form werde heute als Gitarrentyp verstanden, nicht aber als Marke.Eric Clapton und seine Strat – seit Jahrzehnten untrennbar miteinander verbunden.ImagoSchwärmerische RichterDoch damit gab sich Fender nicht zufrieden. Die Firma klagte erneut, und zwar gegen den chinesischen Anbieter Yiwu Philharmonic Musical Instruments. Dieser bot auf der Plattform Ali Express eine Kopie der Stratocaster für knapp 62 Euro an – das ist nur rund ein Achtel dessen, was das billigste Originalmodell kostet. Anders als 2009 berief sich Fender in der Klage nicht aufs Markenrecht, sondern aufs Urheberrecht. Zudem fand der Prozess nicht in den USA, sondern in Deutschland statt.Der neue Ansatz zeigte Erfolg. Zwar erschien der chinesische Anbieter nicht vor dem Landgericht Düsseldorf. Dennoch gewann Fender durch ein sogenanntes Versäumnisurteil. Die Richter entschieden, dass der Korpus der Stratocaster ein «urheberrechtlich geschütztes Werk der angewandten Kunst» sei. Das Urteil ist seit März rechtskräftig. Es erlaubt Fender, gegen alle Gitarrenbauer vorzugehen, die Instrumente mit dieser Form in Deutschland und anderen EU-Ländern verkaufen.Die Begründung der Richter wirkt fast schon schwärmerisch: Von einer «herausragenden geistigen Schöpfung» ist die Rede. Die Gestaltung als «Körper ohne Kanten» verleihe der Gitarre weiche Rundungen, «die die Assoziation an einen weiblichen Rumpf, bestehend aus Hüfte, Taille und Armen, wecken». Die offenbar sehr phantasievollen Juristen erkennen in der Stratocaster selbst eine «zur Seite geneigte Tänzerin». Auch von einem Arm, der nach etwas Entferntem greife, wird geschwärmt.Ein PR-Desaster für FenderIn den sozialen Netzwerken sind die Reaktionen auf die Durchsetzung des Düsseldorfer Urteils weit nüchterner: Weltweit erlebt Fender einen Shitstorm. Vielerorts wird zum Boykott aufgerufen, selbst von Musikern, die seit Jahren die Instrumente oder Verstärker von Fender nutzen. Dass der marktmächtige Branchenprimus kleine Anbieter zur Zerstörung von Gitarren zwingen will, kommt schlecht an. Das Resultat ist ein PR-Desaster – mit potenziell hohen Kosten für die Traditionsmarke.«Fender, wenn ihr bessere Gitarren bauen würdet, müsstet ihr so etwas nicht tun», kritisiert etwa Tim Pierce, ein in der Szene einflussreicher Studio-Gitarrist aus den USA. Sein Argument: Fender weise zwar eine beeindruckende Firmengeschichte und einen entsprechenden Nimbus auf. Bezüglich Innovationen hinke das Unternehmen der Konkurrenz aber oft hinterher. So sind viele der an Fender-Formen angelehnten Gitarren technisch ausgefeilter – und auch deutlich teurer – als die Originale.Was im Laufe der Zeit zu einem gewöhnlichen Gebrauchsgegenstand wird und was ein urheberrechtlich geschütztes Kunstwerk darstellt, ist stets eine Ermessensfrage. So ist im vergangenen Jahr etwa der deutsche Schuhhersteller Birkenstock in einem ähnlichen Fall unterlegen. Die Firma wollte ihre Sandalen und ihre charakteristischen Korksohlen ebenfalls als Werk der angewandten Kunst urheberrechtlich schützen lassen. Der Bundesgerichtshof sah aber keine künstlerische Leistung.Auf Youtube werden schon Grabreden auf Fender gehalten.Schutz bis 50 Jahre nach dem Tod des UrhebersWas beim Fall von Fender irritiert: Warum störte sich die Firma über siebzig Jahre nicht daran, dass die Stratocaster in der Branche zum Standard wurde, der von zahlreichen Gitarrenbauern nachgebaut, modifiziert und verbessert wurde? Und warum beurteilt der Konzern die Angelegenheit nun plötzlich komplett anders? Denn im Vertrauen auf dieses «Open-Source-Design» bieten seit Jahrzehnten nicht nur Billiganbieter, sondern auch erstklassige Gitarrenbauer solche Instrumente an.Rechtlich scheint die Sache klar: Das Urheberrecht gilt bis fünfzig Jahre nach dem Tod des Urhebers. Da Leo Fender 1991 verstarb, steht die Stratocaster in Deutschland und der EU noch bis 2041 unter Schutz. Offen bleibt, ob Fender diesen Anspruch nun konsequent durchsetzen will oder eher auf einen Deal setzt, etwa in Form von Lizenzvereinbarungen. Klar ist nur: Die betroffenen Musiker werten das Vorgehen nicht primär juristisch, sondern vielmehr als Affront gegen ihre kreative Arbeit und Kultur.Passend zum Artikel