PfadnavigationHomeGesundheitGlobale StudiePsychische Erkrankungen haben sich seit 1990 weltweit fast verdoppeltStand: 12:58 UhrLesedauer: 3 MinutenDie Studie wertete Daten aus mehr als 200 Ländern und Regionen ausQuelle: Getty Images/Artem HvozdkovWeltweit erkranken immer mehr Menschen an Depressionen, Angststörungen und anderen psychischen Krankheiten. Eine neue Studie zeigt, wer besonders betroffen ist. Forscher diskutieren, woher der Anstieg wirklich kommt.Depressionen, Angststörungen und andere psychische Erkrankungen nehmen weltweit stark zu. Seit 1990 hat sich die Zahl der Betroffenen fast verdoppelt. Laut einer neuen Studie verursachen psychische Erkrankungen inzwischen mehr gesundheitliche Beeinträchtigungen als Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Weltweit leben rund 1,2 Milliarden Menschen mit einer entsprechenden Diagnose.Für die Studie, die im Fachmagazin „Lancet“ veröffentlicht wurde, werteten Forscher des Institute for Health Metrics and Evaluation gemeinsam mit der University of Queensland Daten aus 204 Ländern und Regionen aus. Sie analysierten die Entwicklung psychischer Erkrankungen zwischen 1990 und 2023 – nach Alter, Geschlecht und Weltregionen. Laut den Autoren handelt es sich um die bislang umfassendste Auswertung dieser Art.Vor allem Angststörungen und schwere Depressionen haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Seit 2019 stieg die altersbereinigte Häufigkeit schwerer Depressionen laut Studie um rund 24 Prozent. Angststörungen nahmen sogar um mehr als 47 Prozent zu. Beide Leiden erreichten in den Jahren nach der Coronapandemie ihren bisherigen Höchststand.Lesen Sie auch„Diese steigenden Zahlen spiegeln möglicherweise sowohl die anhaltenden Folgen des pandemiebedingten Stresses als auch längerfristige strukturelle Faktoren wie Armut, Unsicherheit, Missbrauch, Gewalt und abnehmende soziale Kontakte wider“, wird Studienleiter Damian Santomauro in einer Mitteilung zitiert. Besonders stark betroffen sind Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren. In dieser Lebensphase treten viele psychische Erkrankungen erstmals auf. „Dies ist eine kritische Entwicklungsphase, die den weiteren Bildungsweg, die berufliche Laufbahn und die Beziehungen maßgeblich beeinflussen kann“, so Mitautorin Alize Ferrari. Lesen Sie auchFrauen leiden weltweit häufiger unter psychischen Erkrankungen als Männer. 2023 lebten laut Studie rund 620 Millionen Frauen mit einer entsprechenden Diagnose, bei Männern waren es 552 Millionen. Die Autoren führen das unter anderem auf höhere Belastungen durch Gewalt, Diskriminierung sowie die Betreuung und Pflege von Angehörigen zurück.Lesen Sie auchDie Belastung durch psychische Erkrankungen unterscheidet sich weltweit deutlich von Region zu Region. Besonders in wohlhabenden Regionen wie Westeuropa und Australien waren viele Menschen betroffen. Allerdings flossen Daten aus Ländern mit niedrigem Einkommen nicht überall gleichermaßen in die Analyse ein.Die Forscher zeigen außerdem, dass vielen Menschen mit psychischen Erkrankungen der Zugang zu einer ausreichenden Behandlung fehlt. Weltweit erhält laut der Studie nur etwa jeder elfte Mensch mit schwerer Depression eine minimal angemessene Therapie. In 90 Ländern werden sogar weniger als fünf Prozent der Betroffenen ausreichend versorgt. Höhere Behandlungsquoten von über 30 Prozent erreichen vor allem wohlhabende Länder wie Australien, Kanada oder die Niederlande.Die Studie zeichnet damit ein alarmierendes Bild der weltweiten psychischen Gesundheit. Experten, die nicht an der Forschung beteiligt waren, warnten gegenüber dem spanischen Science Media Center (SMC) allerdings zu einer differenzierten Einordnung der Zahlen. Der Psychologe Jorge Aguado vom Clínic Hospital in Barcelona erklärte, der beobachtete Anstieg müsse „nicht zwangsläufig auf einen tatsächlichen Anstieg der Fallzahlen zurückzuführen sein“. Die Entwicklung könne auch mit besseren Diagnoseverfahren und demografischen Veränderungen zusammenhängen. „Hinzu kommen erhebliche methodische Einschränkungen, wie fehlende Daten in einigen Ländern, Unterschiede in der Qualität der Quellen und die überwiegende Verwendung von Informationen aus Ländern mit hohem Einkommen“, so Aguado.Die grundsätzliche Dimension der Entwicklung stellt die Psychologin Elisabet Domínguez jedoch nicht infrage. „Die Daten sind ein unmissverständlicher Weckruf an die Regierungen, mit Maßnahmen zur Frühprävention, einer auf Jugendliche und Frauen zugeschnittenen Versorgung sowie echten und koordinierten Investitionen in die psychische Gesundheit zu reagieren“, sagte die Psychologin Elisabet Domínguez gegenüber dem SMC.