Es ist, als wäre die Welt in Schwarz-Weiß getaucht, als die Fähre in Cuxhaven ablegt. Der Regen überzieht das Meer mit einem grauen prasselnden Schleier. Doch es wird nach und nach heller, und aus Grau wird Farbe. Und dann ragt am Horizont etwas aus dem Meer in die Höhe: Es sind die roten Felsen von Helgoland inmitten der blauen Nordsee. „Deät Lun“ nennen die Einheimischen die Nordseeinsel. Sie liegt rund sechzig Kilometer von der deutschen Küste entfernt und ist die einzige Hochseeinsel Deutschlands.„Noch ein kleiner Schritt, dann schaffst du es!“ Die zahlreichen Fotografen beobachten den Jungvogel gespannt, der von der sechzig Meter hohen Klippe springen soll, obwohl er noch nicht fliegen kann. Es ist Juni und die richtige Zeit für ein besonderes Naturschauspiel: den Lummensprung. Für die Küken ist es eine überlebenswichtige Mutprobe, für die Touristen ein grandioses Schauspiel. Sie reisen extra zu den Helgoländer Lummentagen an, um den Sprung der kleinen schwarz-weißen Hochseevögel vor Ort zu erleben.„Trottellummen sind phantastische Taucher, aber sehr schlechte Flieger“, erklärt der Ornithologe und Umweltwissenschaftler Elmar Ballstaedt vom Verein Jordsand e. V. „Und so schaffen es die Alttiere irgendwann nicht mehr, ihre Jungen an den Klippen ausreichend mit Sprotten und Sandaalen zu ernähren. Die Küken brauchen mehr und mehr Fisch, je größer sie werden. Also müssen sie springen, um nicht zu verhungern.“Auch Basstölpel haben Helgoland zum Brutgebiet erkoren.Picture AllianceZu Schaden kämen die Jungtiere nicht, denn ihre Fettschicht und ihr leichter Körperbau federten den Aufprall ab. „Im Meer füttern die Elterntiere weiter, bis die Jungen lernen, eigenständig zu jagen“, fügt er hinzu.Für die Touristen und die beobachtenden Wissenschaftler werden die Abende lang, denn die meisten jungen Lummen springen erst in der späten Dämmerung. „Dann schlafen ihre Fressfeinde, die Möwen, bereits und können den Jungvögeln nicht mehr gefährlich werden“, erklärt der Wissenschaftler.Doch nicht nur Lummen, auch Basstölpel haben die hohen Klippen Helgolands zu ihrem Brutgebiet erkoren: 1991 hat das erste Paar Basstölpel die roten Felsen zu seinem Brutplatz erkoren. In diesem Jahr sind es sogar schon 1025 Brutpaare. Die weißen Vögel mit ihren schwarzen Flügelspitzen und hellblauen Augen brüten ganz oben auf den Kreidefelsen und nutzen – dicht gedrängt und Nest an Nest – jeden Zentimeter, um abwechselnd ihre noch schwarz gefiederten Küken mit Fisch zu versorgen. Der sogenannte Lummenfelsen erstreckt sich auf einer Länge von nur etwa 220 Metern und gilt als das Naturschutzgebiet mit der größten Brutvogeldichte in Deutschland. „Die Tordalke bevorzugen weiter unten die Felsnischen als Brutplatz, die Lummen brüten auf Felsbändern. In diesem Frühjahr zählten wir bei den Lummen insgesamt 5460 Paare – ein Rekord“, sagt Ballstaedt.Zweitälteste Vogelschutzwarte der WeltDer Wind trägt das laute Vogelgeschrei jeden Tag über große Teile des Eilands bis zur Vogelwarte im Herzen der Hochseeinsel. Es ist die zweitälteste Vogelwarte der Welt. Sie entstand 1910 und hat sogar die Bomben im Zweiten Weltkrieg überdauert, war aber stark beschädigt. Hier oben im Sonnenschein ist es kaum vorstellbar, dass die Helgoländer und ihre 1934 zur Festung ausgebaute Insel von 1941 an von den Briten angegriffen wurden. Bei Führungen hinab in die Helgoländer Unterwelt erfahren Besucher, wie es im Zivilschutzbunker gewesen ist, als 2700 Helgoländer dort bei Luftangriffen angstvolle Stunden verbrachten, während die Explosionen von Hunderten Bomben hier unten, knapp zwanzig Meter unter der Erde, dumpf und polternd zu hören waren.Die Bombentrichter sind als grüne Täler auf dem Oberland auch nahe der Vogelwarte immer noch sichtbar. Hier grasen nun die Schafe, Menschen gehen auf dem knapp drei Kilometer langen Klippenweg spazieren, der bis zum Wahrzeichen „Lange Anna“ führt, einem einsamen, dünnen Buntsandsteinblock.Auf dem Gelände der Vogelwarte hat das Institut für Vogelforschung seine Helgoländer Station. Die Mitarbeiter und freiwilligen Helfer zählen nicht nur die Brutvögel in den Felsen und beobachten die jungen Lummen nach ihrer harten Landung am Fuß der Klippen, sondern erforschen auch die Zugvögel, die auf dem abgelegenen Eiland bei ihrem langen Flug in die Sommer- oder Wintergebiete eine Pause einlegen. Zudem bieten sie regelmäßig Führungen für Touristen an.Der Fanggarten sei das Herzstück der Station, erfahren die Besucher bei einer Führung durch die tiefe Senke im Oberland, die sogenannte Sapskuhle. Die Touristen staunen über die riesigen Netze, die den Garten umspannen. In die Helgoländer Trichterreusen werden die Vögel siebenmal am Tag von Helfern hineingetrieben, um im Reusen-Endkasten gegriffen, dann vermessen und mit Ringen der Vogelwarte versehen zu werden. Danach werden sie wieder freigelassen. Bis zum Jahr 2020 wurden hier mehr als 900.000 Vögel beringt. Der absolute Höhepunkt war im Jahr 1970 mit gefangenen 1540 Vögeln an nur einem einzigen Tag. In diesem Jahr waren es am besten Fangtag 450 Vögel. Heute sind es lediglich zwei Vögel, die in die Reuse geraten: eine Amsel und ein Wiesenpieper.Wie wichtig die Daten sind, erklärt Jochen Dierschke, der Technische Leiter der Vogelwarte: „Gerade am europäischen Hotspot für Zugvögel, der Helgoland ist, können wir die Veränderungen des Zugverhaltens sehen und analysieren.“ So sei erkennbar, dass der Klimawandel zu einer Verschiebung der Flugzeiten führe. „In den vergangenen fünfzig Jahren hat sich der Vogelzug im Frühjahr bei einigen Arten um drei Wochen nach vorne verlagert“, sagt Dierschke.Doch oft ist das Nahrungsangebot aus Insekten und Beeren so früh noch nicht vorhanden. Dieses Mismatch sei für die Vögel problematisch. „Vögel können sich grundsätzlich ganz gut auf Veränderungen einstellen, weil sie auch weite Strecken fliegen können und ein gewisses Maß an Flexibilität haben. Doch alles ist genetisch festgelegt, und so dauert es auch mehrere Generationen, bis sich Anpassungen bei den Nachkommen durchsetzen“, erklärt er. Die drei Hochseevogelarten haben Helgoland als Brutgebiet sehr gut angenommen. Sie kommen jedes Jahr zurück zum Brüten – und die Lummen sogar, um von hier aus ihren Sprung in die Welt zu wagen.Anreise: Die MS Helgoland fährt das ganze Jahr über täglich innerhalb von 2,5 Stunden von Cuxhaven nach Helgoland. In den Sommermonaten fährt auch der Katamaran MS Nordlicht, der die Insel in 75 Minuten erreicht. Von Hamburg aus geht der Katamaran Halunder Jet, der für die Fahrt 3,45 Stunden benötigt.
Lummensprung auf Helgoland im Juni: Eine tierische Mutprobe
Hohe Felsen aus Buntsandstein, brütende Zugvögel und eine wendungsreiche Geschichte machen Helgoland einzigartig. Ein besonderes Schauspiel aber ist jedes Jahr im Juni eine tierische Mutprobe.









