PfadnavigationHomeICONISTTrendsNetflix-DokuKylie Minogue – die LichtbringerinStand: 11:52 UhrLesedauer: 6 MinutenSingender Wellensittich? Kylie MinogueQuelle: Courtesy of Netflix © 2026Vom Popsternchen zur globalen Ikone: Eine Netflix-Dokuserie erzählt die Karriere der Australierin Kylie Minogue, ihre Triumphe und Schicksalsschläge. Und wie sie mit harter Arbeit das Leben federleicht aussehen lässt.Das Cover ist ein Vierteljahrhundert jung, aber gefühlt eine Ewigkeit her. Die australische Sängerin Kylie Minogue, im Juli 2000 war sie 32 Jahre alt und feierte mal wieder ein fulminantes Comeback, stand auf einem Tennisplatz mit dem Rücken zum Fotografen und lüpfte ihren Tennisrock. Ihr Po, der berühmte Kylie-Po, sprang also jedem und jeder ins Gesicht. „Kylie: At your service“ stand daneben (Kylie: Zu Diensten), falls irgendjemand die Anmache nicht verstehen sollte.Der Fotograf Terry Richardson ist inzwischen einigermaßen gründlich gecancelt worden, Kylie Minogue wird derzeit mit der dreiteiligen Dokuserie „Kylie“ auf Netflix gefeiert (Regie: Michael Harte). Nach Robbie Williams und Haftbefehl mal wieder eine Berühmtheit, die sich selbst ausschlachtet? Oder ein weiterer Fall von geschichtsvergessener Beweihräucherung wie der Kinofilm „Michael“, der den Kindesmissbrauch von Michael Jackson komplett ausklammert?Irgendwie ja und dann wieder nicht, denn Kylie Minogue war schon immer ein besonderer Fall. Sie ist seit den 80ern ein Superstar, hat sehr öffentlich Schicksalsschläge und Flops durchlitten, die für einige Leben gereicht hätten. Dazu kam jahrelanger Spott über ihre Seichtheit – „der singende Wellensittich“ (the singing budgie) war noch einer der freundlicheren Spitznamen am Anfang ihrer Popkarriere, aber ein Kompliment war das nicht: klein, bunt, dünnes Stimmchen.Aber immer, wenn man dachte: Da kommt nichts mehr, kehrte sie mit strahlendem Lächeln zurück. Zuletzt mit „Padam Padam“, das 2023 zum viralen Mittanz-Hit wurde. Kylie Minogue ist fast so lange dabei wie Madonna und zog sich auch fast so oft und gründlich aus. Aber anders als bei der Kollegin war ihre Strategie kein lebenslanger Rachefeldzug. Die Australierin tänzelte eher über die Schwierigkeiten hinweg. Die Überlebensstrategie „Kill them with kindness“ hätte von ihr formuliert sein können.1968 in Melbourne geboren, wurde sie weltberühmt, als die Serie „Neighbours“ zu einem weltweiten Pop-Phänomen wurde. Angeblich sagten Fans in England ihre Arzttermine ab, weil sie keine neue Folge verpassen wollten – es war die Zeit des linearen Fernsehens, die Kulturtechnik des Bingens war noch nicht erfunden (und auch nicht möglich). Und der Grund für diesen Erfolg war Kylie Minogue in der Rolle der Charlene sowie ihre amourösen Verstrickungen mit Scott Robinson, der von Jason Donovan gespielt wurde, der später auch ein Popstar wurde.Lesen Sie auchDoch der Fernsehruhm reichte ihr nicht. Sie flog nach London zu Stock Aitken Waterman, einer der erfolgreichsten Hitmaschinen in der Geschichte der Popmusik (142 Top-20-Hits). Pete Waterman hatte keine Ahnung, wer diese kleine Australierin war (152 cm). Innerhalb von 20 Minuten oder zwei Stunden wurde ein Lied für sie zusammengezimmert, sie wusste nicht, ob dieses je das Licht der Welt erblicken würde. Tatsächlich leuchtet dieses unwiderstehliche Stück Kaugummi-Pop bis heute. Es heißt „I Should Be So Lucky“. Und das sollte irgendwie ihr Lebensmotto werden. Trotz allem.Lesen Sie auchDie Serie „Kylie“ hat pro Folge einen Schwerpunkt: 1. den Aufstieg zum Weltstar und ihre große Liebe zum INXS-Sänger Michael Hutchence, der sich später bei einem Sexunfall selbst erdrosselte. 2. die künstlerische Selbstfindung und die unwahrscheinliche Freundschaft mit Düster-Rock-Prinz Nick Cave. 3. den Kampf gegen den Krebs. All das hat sie schon damals unter den gierigen Augen der Öffentlichkeit durchgemacht, und es ist gruselig, noch einmal zu sehen, wie schamlos die Presse mit ihr umging: ihr Hintern, ihre Gebärmutter, ihre Hochzeitspläne. Kein Thema schien tabu, keine Frage zu taktlos. Meist lächelte sie einfach dazu. Und nahm den nächsten Hit auf.So ähnlich dirigiert sie auch die Serie „Kylie“: Sie gibt sich unglaublich nahbar und bleibt dadurch souverän und unangreifbar. Ihre freizügigen Outfits gingen vielleicht gelegentlich ein bisschen zu weit. Ihre Versuche als Songschreiberin? Zum großen Teil ziemlich peinlich. Ihr Kinderwunsch? Leider unerfüllt geblieben. Und sie hat auch relativ kühl hinter sich gelassen, was zum Ballast wurde: die Hitfabrik Stock Aitken Waterman ebenso wie ihren „Neighbours“-Co-Star und zeitweiligen Partner Jason Donovan.„Nach diesen Dreharbeiten muss ich zur Therapie“, sagt Jason Donovan, der recht überzeugend den Eindruck macht, als sei er nie über sie hinweggekommen. Schonungslos und selbstironisch erzählt er, wie der INXS-Sänger Michael Hutchence ihm seine Jugendliebe vor der Nase ausspannte. Der Rockstar und die Popsirene waren ein unwahrscheinliches und vielfotografiertes Paar damals. Und Kylie Minogue weint ihm heute noch hinterher. Auch wenn sie immer wieder ihre Grenzen setzt. „Wie wild waren Sie denn damals?“, will der „Kylie“-Regisseur wissen, denn Hutchence war für seinen Drogenkonsum berühmt. „Ich war wild genug“, sagt Minogue, und das muss reichen.Lesen Sie auchIhre zweite große Liebe (in diesem Fall die künstlerische) war wieder ein Australier: der Düsterrocker Nick Cave. Er nahm mit ihr 1996 das Lied „Where the Wild Roses Grow“ auf. In dem Video spielte Minogue eine Wasserleiche, es war einer ihrer wichtigsten Schritte, sich künstlerisch zu emanzipieren und wirklich zur Ikone zu werden. Sie und Cave, das passte auf den ersten Blick gar nicht. Und er schildert einen gemeinsamen Auftritt, bei dem ihm ihre Teenager-Fans am liebsten die Kehle durchgeschnitten hätten, weil er sich an ihrem Idol vergriffen hatte. Aber die Wärme und Intelligenz, mit der Cave über seine Kollegin spricht, sind wirklich herzergreifend. Großer Pop, das versteht man in diesem Augenblick, ist keine Frage der Ästhetik oder der Rocklänge – sondern der Durchlässigkeit. Und des Durchhaltevermögens.Im selben Jahr lud Cave Kylie Minogue auf ein Poetenfestival in der Royal Albert Hall ein. „In my imagination/there is no complication/I think about you all the time“, rezitierte sie den Text mit gespieltem Ernst vor den anderen Dichtern und schloss mit ihrem schönsten Lächeln: „I Should Be So Lucky“. Was als Verhöhnung der hehren Dichtkunst verstanden werden konnte, zeigte die Überlebenstechnik der Kylie Minogue: Sie macht sich behutsam über sich selbst lustig (in diesem Fall über die banalen Lieder der Anfangsjahre) und spielt gleichzeitig ihren Weltruhm aus.Und sie wähnte sich ganz oben, es war kurz vor ihrem Auftritt beim legendären Glastonbury-Festival, als die Brustkrebsdiagnose sie 2005 in die Knie zwang. Belagert von Paparazzi saß sie in ihrem Elternhaus in Melbourne und schaute weinend im Fernsehen an, wie ihr in Glastonbury die Band Coldplay das Lied „Fix You“ widmete („Ich werde versuchen, dich zu heilen“). Unterstützt von ihrer Familie kämpfte sie sich durch die Chemotherapie. „Ich sagte ihr damals: Wenn ich mir einen Arm abhacken könnte, um dich zu heilen, würde ich es tun“, sagt ihre Schwester Dannii, ebenfalls eine Popgröße, in der Dokuserie. Und in der einzigen Szene, in der Kylie Minogue gegenüber einer Interviewerin wirklich die Contenance verliert, fragte diese, warum die Schwestern nicht mehr miteinander sprächen. Die Familie Minogue, so scheint es, war immer ziemlich uneinnehmbar.Die Aufnahmen, wie sie nach ihrer (vorläufigen) Heilung die Proben wieder aufnimmt, zeigen eine fragile, geschwächte Person mit gleichwohl eisernem Willen. „Ich hatte noch eine Rechnung offen“, sagt sie. Und als sie dann 2019 endlich in Glastonbury auftrat, mit Chris Martin von Coldplay und Nick Cave als Gastsängern und einer Rekordzahl an Zuschauern, erlebte sie, was man wohl nur einen Moment der kollektiven Dankbarkeit nennen kann. Dankbarkeit, dass diese Lichtbringerin überlebt hatte. „Ehrlichkeit und Camp, perfekter Pop und reines Gefühl“, schrieb der „Guardian“. Sie mag noch so viele Federn und Pailletten und Tänzer und Scheinwerfer an und um sich haben: Kylie Minogue ist eine der am härtesten arbeitenden Menschen im Showbusiness. Und sie ist der Beweis: Großer Pop darf sich federleicht anfühlen.