Als „Reisegruppe“ wird in der hessischen Landtagsfraktion der Grünen ein Kreis von Abgeordneten bezeichnet, die gelegentlich ihre Freizeit miteinander verbringen. Am vergangenen Wochenende haben sich die Parlamentarische Geschäftsführerin Miriam Dahlke und ihre Kolleginnen Nina Eisenhardt, Mirjam Glanz und Vanessa Gronemann auf der Wasserkuppe getroffen.Nicht nur das Wetter auf der höchsten Erhebung Hessens war schlecht, sondern auch die politische Stimmung. Das jedenfalls wurde in der zurückliegenden Sitzungswoche des Landtags in der Fraktion kolportiert. Dahlke, die kraft Amtes für das Fraktionsmanagement verantwortlich ist, soll von ihren Parteifreundinnen mit konstruktiver Kritik überrascht worden sein.Miriam Dahlke, Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen im Hessischen LandtagAnton VesterMan habe ihr erklärt, dass sie von ihrem Fraktionschef Mathias Wagner als eine Art Sekretärin behandelt werde, heißt es auf den Fluren des Parlaments. Schließlich hätten die drei Kolleginnen Dahlke empfohlen, zu ihrem Vorsitzenden demonstrativ auf Distanz zu gehen.Die Frage, ob der Gesprächsinhalt richtig wiedergegeben werde, beantworteten Eisenhardt, Glanz und Gronemann in einem kurzen, abgestimmten Schreiben eindeutig: „Nein.“ Auch Dahlke hatte die Gelegenheit zu einem Dementi. Aber sie nutzte sie nicht. Die schriftliche Anfrage der F.A.Z. ließ sie unbeantwortet.Das Gipfeltreffen in Osthessen und die in der Fraktion kursierenden Berichte darüber illustrieren, dass Wagner und Dahlke kurz vor der für Anfang Juni angesetzten Neuwahl des Vorstands intern immer stärker in die Kritik geraten. Darauf deutet auch die Tatsache hin, dass der lang gediente und angesehene Abgeordnete Jürgen Frömmrich nicht bereit ist, Anfang Juni noch einmal als einer von insgesamt sechs stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden zu kandidieren. Diese Position bedeutet nicht allzu viel Arbeit, aber Einfluss.Frömmrich hat Wagner über viele Jahre hinweg als Parlamentarischer Geschäftsführer an der Fraktionsspitze unterstützt. Indem er ihm seine Solidarität in einem so kritischen Moment gleichsam öffentlich entzieht, schwächt er ihn in unübersehbarer Weise.Mathias Wagner, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Hessischen LandtagdpaDie Frage, wer für die vakante Position nun kandidiert, scheint noch nicht geklärt zu sein. Wagner hält sich aus der Angelegenheit heraus. An seiner Stelle wurde die Vizepräsidentin des Landtags, Martina Feldmayer, zu einer „Vertrauensperson“ ernannt, an die sich wenden kann, wer antreten möchte.Die F.A.Z. fragte Feldmayer, ob sie damit nicht eine Funktion ausübe, die eigentliche Sache des Fraktionsvorsitzenden wäre. Eine Sprecherin teilte dazu mit, dass sämtliche Abläufe zu den anstehenden Wahlen auf Vorschlag des Vorstands einvernehmlich von der Fraktion beschlossen worden seien.Wagner wolle sich im Hinblick auf sein eigenes Abstimmungsergebnis nicht noch mehr Parteifreunde zu Gegnern machen, lautet die Erklärung dazu aus den Reihen der Abgeordneten. Schon die Wahl, mit der die Grünen die Legislaturperiode begannen, löste Diskussionen aus.Im Dezember 2023 luden die 22 Mandatsträger ihre Unzufriedenheit mit Wagner an der von ihm als Parlamentarische Geschäftsführerin vorgeschlagenen Dahlke ab. Vergeblich unternahm die Fraktionsführung damals den Versuch, das Abstimmungsergebnis geheim zu halten. Die Vierunddreißigjährige war ohne Gegenkandidatin nur mit knapper Mehrheit ins Amt gewählt worden. Inzwischen, zur Hälfte der Wahlperiode, hat sie sich nicht stabilisieren können. Wagner befindet sich im Sinkflug.Wagners großer LebenstraumVon Bedeutung ist sein Abstimmungsergebnis, weil er keinen Hehl daraus macht, dass er die Grünen als Spitzenkandidat in die Landtagswahl des Jahres 2028 führen will. Danach würde er sich unter Umständen durch den Eintritt ins Kabinett seinen persönlichen Lebenstraum erfüllen können.Bekommt Wagner Anfang Juni ein schlechtes Wahlergebnis, ist er im selben Moment definitiv aus dem Rennen. Aber selbst wenn die Abgeordneten die Reihen angesichts der öffentlichen Aufmerksamkeit noch einmal schließen und ihm ein ordentliches Ergebnis bescheren sollten, werden Wagner kaum ernsthafte Chancen auf die Spitzenkandidatur eingeräumt.Doch es gibt auch eine gute Nachricht für ihn. Sie betrifft Wagners größten innerparteilichen Gegner Tarek Al-Wazir, die in den Bundestag abgewanderte einstige Galionsfigur der hessischen Grünen. Spekulationen liefen darauf hinaus, dass er neben seinem Mandat in Berlin als Ko-Vorsitzender der Partei auf die landespolitische Bühne zurückkehren könnte.Dies hätte ihm die Möglichkeit verschafft, Wagner in die Schranken zu weisen und darüber hinaus personelle Entscheidungen zu beeinflussen. Al-Wazir hat die Mutmaßungen ein paar Wochen lang genüsslich verfolgt. Jetzt teilte er der F.A.Z. auf Nachfragen mit, dass er sich eine Kandidatur für die Parteispitze nicht vorstellen könne.
Vor der Vorstandswahl der Grünen in Hessen herrscht schlechte Stimmung
Die Fraktionsspitze der hessischen Grünen will wiedergewählt werden. Doch der Führung schlägt eine zunehmend kritische Stimmung entgegen. Die Hintergründe.






