Wenn Sie keinen Artikel zu Baden-Württemberg in der Süddeutschen Zeitung verpassen wollen, dann melden Sie sich hier für den kostenlosen „Im Südwesten“-Newsletter an:Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Regierung von Cem Özdemir in Baden-Württemberg von der Regierung seines Vorgängers Winfried Kretschmann kaum. Klar, es gibt einen neuen Mann an der Spitze, aber der setzt nicht nur dialektal („Minischterpräsident“) auf Kontinuität, sondern auch personell. Vier der fünf grünen Ministerinnen und Minister waren schon unter Kretschmann im Kabinett, den Regierungssprecher und den Amtschef in der Stuttgarter Staatskanzlei übernimmt Özdemir ebenfalls vom Vorgänger. Nicht zu vergessen: den Koalitionspartner, die CDU.Auf den zweiten Blick gibt es aber doch einen Unterschied: Die Regierung Özdemir definiert die Ankurbelung der Wirtschaft als ihre vordringlichste Aufgabe, nicht mehr den Klimaschutz, der im grün-schwarzen Koalitionsvertrag von 2021 noch Priorität hatte. Zur Wahrheit gehört aber: In beiden Politikfeldern kann das Land zwar wichtige Impulse geben. Die großen Weichen aber werden in Brüssel und Berlin, in Peking und Washington gestellt, nicht in Stuttgart.Notwendig wäre eine Flurbereinigung bei den weiterführenden SchulenDer veränderte Fokus hat ein bisschen den Blick auf einen Bereich verstellt, bei dem das Land tatsächlich viel bewegen kann: die Bildung. Da gibt es in dem CDU-Politiker Andreas Jung zwar einen neuen Minister. Aber abseits der Ankündigung, das letzte Kita-Jahr kostenfrei und verpflichtend zu machen, erstaunlich geringe Ambitionen. Nun ist es natürlich richtig, dass sich auch im vorschulischen Bereich etwas tun muss, damit alle Kinder möglichst gute Startchancen haben. Denn noch immer hängt der schulische Erfolg stark von der sozialen Herkunft ab.Aber notwendig wäre auch eine Flurbereinigung bei den weiterführenden Schulen. Denn einerseits dümpelt der einstige Musterschüler Baden-Württemberg ausweislich verschiedener Schulleistungsstudien im Mittelfeld der Bundesländer und damit unter seinen Ansprüchen. Andererseits leistet sich der Südwesten ein sehr unübersichtliches Schulsystem. Es gibt Haupt- und Werkrealschulen, Realschulen, Gymnasien und Gemeinschaftsschulen.Das Nebeneinander kostet Ressourcen, die man besser in die Schulqualität investieren sollte. Der Reformbedarf ist auch angesichts des knappen Personals und der enger werdenden finanziellen Spielräume evident. Aber der Reformwille fehlt, weil Grüne und CDU in der Bildungspolitik sehr unterschiedliche Ideen verfolgen. Das Ergebnis ist ein Einfrieren des Status quo, wieder einmal. Denn bereits vor fünf Jahren haben sich Grüne und CDU darauf verständigt, keine Strukturdebatten zu führen.Die Regierung Özdemir muss sich von der Regierung Kretschmann nicht großartig unterscheiden, die Menschen haben Grün-Schwarz bei der Wahl ja nicht nur bestätigt, sondern gestärkt. Aber in der Bildungspolitik sollte sie die Probleme nicht weiter ignorieren, sondern angehen.Diese Kolumne erscheint auch im Newsletter „Im Südwesten“, der die Berichterstattung der SZ zu Baden-Württemberg bündelt. Gleich kostenlos anmelden.