Zu behaupten, Christian Kukuks Leben sei in den vergangenen Jahren ereignisreich gewesen, ist untertrieben. Als einer der besten Springreiter reiste er im Sommer 2024 nach Paris – und als weltbester wieder ab. Mit der olympischen Goldmedaille um den Hals. Kein Jahr später kam seine Tochter zur Welt, nur wenige Stunden bevor er einen der höchstdotierten Wettbewerbe seines Sports gewann, den Großen Preis von Wellington in Florida. Weitere Monate vergingen, bis er im Herbst wegen eines Videos in einen Sturm der Entrüstung geriet.Dass er zum Jahresende den Ort, an dem er 13 Jahre lang lernte und angestellt war, verlassen würde – den Stall des Olympiasiegers Ludger Beerbaum, in dem Christian Kukuk selbst zum Olympiasieger reifte –, stand unabhängig davon längst fest. Zu Beginn des Jahres hat sich der 36-Jährige selbständig gemacht. Mit seiner Familie lebt er im Winter in den USA, der Heimat seiner Partnerin Veronica, sie ist ebenfalls Springreiterin. Im Sommer verlagert sich ihr Lebensmittelpunkt nach Europa, in Münster hat Kukuk ein Haus gekauft und einen Stall mit elf Boxen gemietet.Das große Ziel ist die Reit-WM im AugustUnd noch etwas hat sich verändert: Die „schützende Hand“ Ludger Beerbaums sei stets über ihm gewesen, sagt Kukuk. Doch schon bei ihm habe er sehr selbständig gearbeitet, mit eigenem Plan und eigenem System. Aber: „Es ist anders, wenn man für alles selbst die Verantwortung trägt. Aber ich habe mich bewusst dafür entschieden, und es fühlt sich gut an.“Zwar habe er nun weniger Pferde, mit denen er um den Sieg in jedem Großen Preis der Fünf-Sterne-Kategorie mitreiten könne. „Aber mit den jüngeren Pferden ist es auch ein Erfolg, Zehnter zu werden“ – so wie am vergangenen Wochenende in Windsor mit dem zehnjährigen Wallach Akarad Tivoli. Pferde wie ihn behutsam aufzubauen, um nach ganz vorn zu kommen, darum gehe es ihm. Und er sieht großes Potential in seinem Stall.Die Menschen, die Kukuk ihre Pferde schon vor der Selbständigkeit anvertraut hatten, unterstützen ihn weiter: „Die Pferdebesitzer haben mir vorher zugesichert, diesen Weg mit mir zu gehen. So kann ich die meisten Pferde weiter reiten.“ Auch Checker, der Schimmel, mit dem er 2024 Olympiasieger wurde. „Mit Checker war das natürlich nicht selbstverständlich“, sagt Kukuk, „aber wir haben eine gute Regelung gefunden. Ich kann ihn weiter reiten und bleibe Teil des Teams Riesenbeck International in der Global Champions League.“Bei der Etappe der hochdotierten Springreit-Serie in Mexiko zeigte der Wallach zuletzt, dass er trotz seiner 16 Jahre in Bestform ist, ebenso beim Sieg des deutschen Nationenpreis-Teams im März. Das schürt Hoffnungen: „Unser sportliches Ziel, das mit Abstand ganz oben steht“, sagt Kukuk, „ist die Weltmeisterschaft in Aachen.“Als dort zuletzt eine Reit-WM stattfand, im Jahr 2006, war Christian Kukuk noch ein Teenager und verfolgte die Wettkämpfe als Zuschauer. Vergleichsweise spät entschied er sich für die Laufbahn als Profi-Reiter – und lernte schnell, wie viel Arbeit, schöne Momente und Tiefpunkte zu einer solchen Karriere gehören. Als im vergangenen November ein knapp 30-sekündiges Video von ihm in den sozialen Medien auftauchte, geriet Kukuk in den Verteidigungsmodus.„Drei Wochen später interessiert es keinen mehr“Ihm wurde vorgeworfen, den sogenannten Schlaufzügel, einen Hilfszügel, falsch verwendet zu haben. Das Aufsichtspersonal am Vorbereitungsplatz des Weltcup-Turniers in Verona griff jedoch nicht ein. Die Internationale Reiterliche Vereinigung FEI kündigte später an, ihr Regelwerk eindeutiger formulieren zu wollen. Kukuk räumte einen Fehler ein und bat um Entschuldigung, was die FEI akzeptierte – seine Kritiker aber nur zum Teil.An diesem Wochenende reitet Christian Kukuk erstmals seit alldem wieder in Deutschland. In Aachen findet der „Tschio“ statt. Weil die WM im August ansteht, gibt es an Pfingsten eine Kurzform des Weltfests des Pferdesports. Um den Großen Preis wird am Sonntag geritten (von 12.30 Uhr an bei WDR und ARD), und Bundestrainer Otto Becker schaut ganz genau auf die Reiter und Pferde, die für sein WM-Team infrage kommen.Ob Christian Kukuk das „Schlaufzügel-Video“ und die Empörung darüber noch nachhängen? „Das spielt für mich überhaupt keine Rolle mehr“, sagt der Reiter. „Wie das in unserer Gesellschaft so ist, wird im ersten Moment unheimlich draufgehauen und losgepoltert. Und drei Wochen später interessiert es keinen mehr.“ Das sei vergleichbar mit den emotionalen Diskussionen über den Umgang mit dem in der Ostsee gestrandeten Wal Timmy. „Das ist traurig und macht mir zu schaffen, weil ich mich frage, ob unsere Gesellschaft auf dem richtigen Weg ist.“