Noch immer werden bis zu 90 Prozent aller Ehen in Indien von den Eltern arrangiert. Wer über Freunde und Familie nicht fündig wird, kann sich professionelle Hilfe holen. Für viele ist ein wichtiger Vorteil des Heiratsvermittlers der Hintergrundcheck. Ein Besuch.«Dies ist keine Dating-Plattform», sagt Sachin Chawla, blickt den Besucher streng an und präzisiert: «Unsere Dienste sind für Menschen mit ernsthaften Absichten.» Chawla ist Heiratsvermittler. Und seine Agentur, das ist ihm wichtig zu betonen, vermittelt keine kurzlebigen Liebesaffären. Hier geht es um den Bund fürs Leben. «Wenn ein Mädchen oder ein Junge zu uns kommt, wollen wir sehen, ob sie wirklich bereit sind, die Verantwortung der Ehe zu akzeptieren», sagt Chawla. «Wenn sie nicht reif sind, lassen wir uns nicht darauf ein.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Chawlas Agentur Make My Lagan liegt in einer Einkaufspassage im Süden von Delhi. Das Ambiente changiert zwischen Massagesalon und Callcenter. In gläsernen Abteilen sitzen junge Frauen am Telefon. An der Rezeption steht das gerahmte Bild eines Gurus, der besonders bei Punjabis populär ist. Chawla sagt, sie seien offen für alle Menschen. Die meisten Klienten seien aber Hindus der oberen Mittelschicht aus der Händlerkaste der Banias und der Landbesitzerkaste der Jats.In Delhi gibt es Dutzende solcher Agenturen. Es gibt Heiratsvermittler für Sikhs, für Muslime und für Jains. Viele Inder der modernen Mittelschicht versichern zwar im Gespräch, Kaste spiele für sie keine Rolle. Wenn es ans Heiraten geht, ist das aber anders. Die meisten suchen dann einen Partner aus der eigenen Religion, oft auch aus der eigenen Kaste. Ehen zwischen Hindus und Muslimen sind selten in Indien, in etlichen Teilstaaten sind sie sogar verboten.Wenn nötig reist der Heiratsvermittler Sachin Chawla um die halbe Welt, um einen passenden Partner für seine Kunden zu finden.Liebesheiraten sind weiter die Ausnahme in IndienDie meisten Ehen in Indien werden noch immer von den Familien arrangiert. Sogenannte Liebesheiraten, bei denen Männer und Frauen selbst ihren Partner auswählen, nehmen zwar zu. Gerade in der gebildeten, international vernetzten Mittelschicht in Mumbai, Delhi oder Bangalore akzeptieren viele junge Leute nicht länger, dass die Eltern für sie einen Partner wählen. Sie nutzen lieber Dating-Apps, das Heiratsalter steigt. Die Regel ist das aber nicht: Laut Schätzungen werden weiterhin 80 bis 90 Prozent aller Ehen in Indien arrangiert.«Die meisten unserer Kunden suchen erst über Freunde und Verwandte», sagt Chawla. «Wenn sie so nicht fündig werden, fragen sie ihren Priester, der viel in anderen Familien herumkommt und daher weiss, wer heiratswillige Kinder hat. Wenn sie dann noch immer keinen Erfolg haben, kommen sie zu uns.» In der Regel buchen seine Kunden ein Paket für ein Jahr. Wenn notwendig, kann dieses verlängert werden. Je nach Umfang der Dienstleistungen variiert der Preis.Mit seiner Frau Shallu ist Chawla seit sechzehn Jahren als Heiratsvermittler aktiv. Er sagt, er habe in dieser Zeit mehr als tausend «glückliche Ehen» vermittelt. Seine Agentur ist nicht nur in Delhi, sondern auch in London, Bangkok und Hongkong aktiv. Wenn nötig, reist Chawla um die halbe Welt, um geeignete Kandidaten zu finden. Der persönliche Kontakt zu seinen Kunden ist ihm wichtig, er will sie ganz genau kennen. Denn nur so kann er ihnen einen passenden Partner suchen.Sachin Chawlas Eheagentur Make My Lagan richtet sich an die obere Mittelschicht in Delhi. Die meisten Kunden sind Hindus aus den Kasten der Banias und Jats.Die Hochzeit ist ein zentraler Moment im Leben der meisten Inderinnen und Inder. Viele Feiern kosten ein kleines Vermögen. Doch zuerst braucht es den richtigen Partner.«Wenn Sie lügen, werde ich es in zehn Tagen wissen»«Wenn Sie das erste Mal zu uns kommen, werden wir uns ein, zwei Stunden zusammensetzen», sagt Chawla. «Wir wollen verstehen, aus was für einer Familie Sie kommen, was für eine Ausbildung Sie haben, was Sie verdienen, wie Sie leben, wie Sie wählen, was Sie von Ihrem Partner erwarten.» In einem zweiten Schritt besuche er dann seine Kunden zu Hause, um zu sehen, was für einen Lebensstil sie führen und wie sie eingerichtet sind. «Dafür fliege ich auch nach Amerika, wenn die Kunden bereit sind, die Reise zu zahlen», sagt Chawla.Anschliessend würden seine Mitarbeiter dann alle Angaben kontrollieren. «Wenn Sie aus Indien sind, haben wir unsere Quellen, um alles zu prüfen. Jedes Detail. Das ist unser Job», sagt Chawla. «Wenn Sie lügen, werde ich es in zehn Tagen wissen. Wenn Sie eine Affäre haben, werde ich auch das erfahren.» Wer ihm nicht die Wahrheit sage, den lehne er als Kunden ab, sagt Chawla. «Alles basiert bei uns auf Vertrauen und Transparenz. Wir wollen keine Schummeleien.»Wer in Indien zu einem Heiratsvermittler geht, muss also sein ganzes Leben offenlegen – und akzeptieren, dass ihm ein Privatdetektiv über Wochen hinterherschnüffelt. Dafür kann er sicher sein, dass die Angaben der Gegenseite stimmen – dass nicht beim Einkommen gelogen, keine Krankheit verschwiegen und keine frühere Ehe unterschlagen wird. Für viele Familien ist die eingehende Überprüfung der Gegenseite ein wichtiger Grund, eine Eheagentur zu engagieren.Auch die Sternzeichen müssen zusammenpassenAuch für Malavika Airy und Abhishek Gupta war der Hintergrundcheck ein zentrales Argument, zu einem Heiratsvermittler zu gehen. «Auf Dating-Sites gibt es so viel Betrug, dort sind nur wenige ehrliche Leute unterwegs. Bei Ehebüros wird jeder vorher überprüft», sagt Malavika bei einem Zoom-Gespräch. Sie hat ihren Mann vor gut vier Jahren über einen Heiratsvermittler in Delhi kennengelernt. Heute leben sie mit ihrem kleinen Sohn in der nordindischen Stadt Chandigarh.Malavika und Abhishek haben sich vor vier Jahren über einen Heiratsvermittler in Delhi kennengelernt. Trotzdem war es für sie eine Liebesheirat.Malavika sagt, ihnen sei wichtig gewesen, noch vor dem ersten Kennenlernen abzuklären, ob der potenzielle Partner kompatibel sei. Schliesslich müssten sich nicht nur die Partner verstehen, auch die Kriterien bei Herkunft, Bildung, Einkommen und den Sternzeichen müssten erfüllt sein. «Für uns war es eine Bedingung, dass die astrologischen Profile kompatibel sind», sagt Malavika. «Wenn sie nicht passen, brauchen wir nicht die Zeit der anderen Familie zu vergeuden.»Ihr Mann Abhishek ergänzt: «Wenn du dich in eine Person verliebst, dann werden sich die Freunde und Familie erst später kennenlernen. Und dann können Probleme auftauchen, sei es bei den Sternzeichen, sei es, dass die Eltern sich nicht verstehen.» Das könne zu allen möglichen Dramen führen. Um solchen emotionalen Stress zu vermeiden, sei es besser, diese Fragen vorab durch den Heiratsvermittler zu klären. Dann könnten sich die Partner ganz auf den anderen konzentrieren.Keine Kompromisse bei den Hauptkriterien, rät ChawlaChawla ist es wichtig, frühzeitig zu klären, was seine Kunden von ihrem Partner erwarten. Für viele ist das Aussehen ein wichtiges Kriterium. Bei Frauen zählen vor allem Hautfarbe und Gewicht, bei Männern die Körpergrösse. Chawla findet aber, äussere Kriterien sollten nicht zu hoch gewichtet werden. «Schon nach zwei Monaten Ehe spielt die physische Anziehung keine Rolle mehr, dann zählt nur noch der Charakter. Und sobald Kinder im Spiel sind, ändert sich ohnehin das ganze Leben.»Chawla findet, bei den Hauptkriterien sollte man keine Kompromisse eingehen, sonst aber bereit sein, seine Erwartungen anzupassen. «Wir wollen realistische Leute. Wenn ihre Träume realistisch sind, helfen wir gerne. Wenn ihre Träume aber unerfüllbar sind, sagen wir Nein.» So sei es etwa nicht realistisch, eine zehn Jahre jüngere Partnerin zu wollen. Frauen suchten zwar meist ältere Partner. Normalerweise wollten sie aber nicht mehr als vier Jahre Altersunterschied.Sachin Chawla rät seinen Kunden, bei ihren Erwartungen realistisch zu sein. Bei den wichtigsten Kriterien sollte man aber keine Kompromisse machen, findet er.Erwünschtes Alter, Grösse, Alkoholkonsum, Bildungsstand, Ernährungsgewohnheiten – all dies sind wichtige Kriterien bei der Partnerwahl.Malavikas Eltern prüften jeden Kandidaten vorabAuch Abhishek und Malavika sind vier Jahre auseinander: Er war 34, als sie sich im Juli 2021 kennenlernten, sie war gerade 30 geworden. Zuvor hatte sie in Delhi und Noida Finanzen und Marketing studiert und arbeitete bei American Express. Er hatte nach einem Bachelor in der Stadt Chandigarh einen Master in Finanzen und Wirtschaft an der amerikanischen Eliteuniversität Harvard angehängt und sein eigenes IT-Startup gegründet, das für Unternehmen Softwarelösungen anbietet.Für indische Verhältnisse waren sie bereits eher alt. Sie fanden daher, dass es Zeit sei, einen Ehepartner zu suchen. Dabei übernahmen ihre Eltern die Führung. «Meine Eltern liessen mich keinen Mann treffen oder auch nur sprechen, den sie nicht zuvor gesehen hatten», sagt Malavika. «Sie sagten: Wir lassen dich nur einen Mann treffen, wenn wir glauben, dass die beiden Familien kompatibel sind, und wir denken, dass ein Treffen zu einem Ergebnis führen kann.»Für Malavika war das in Ordnung. Sie vertraute ihren Eltern und teilte deren Vorstellung von Ehe und Familie: «Meine Eltern wollten, dass ich nach der Heirat in einer erweiterten Familie lebe. Eine Kernfamilie, wo Mann und Frau alleine leben, fanden sie nicht gut. Schliesslich brauchst du die Unterstützung der Familie.» Heute lebt sie mit ihrem Mann bei dessen Eltern in Chandigarh. Auch Abhisheks Bruder wohnt mit seiner Familie im gleichen Haus. In Indien ist dies noch immer ein übliches Modell.Die Eltern spielen eine zentrale Rolle bei der SucheWenn es in Indien ums Heiraten geht, spielt die Familie eine zentrale Rolle. Die meisten heiratswilligen Frauen und Männer kämen mit ihren Eltern zu ihm, erklärt Chawla und sagt dann einen Satz, der viel über das Eheverständnis in Indien aussagt: «Eine Ehe ist eine Verbindung zwischen zwei Familien, nicht allein zwischen zwei Partnern.» Es sei wichtig, dass die beiden Familien zusammenpassten. Und daher seien die Familien auch bei der Partnerwahl involviert.Welche Rolle die Eltern bei der finalen Entscheidung spielen, ist unterschiedlich. Laut Chawla sind die Zeiten vorbei, da die Eltern den Partner für ihr Kind bestimmten. Die meisten Eltern akzeptierten, dass ihre Kinder das letzte Wort hätten. Doch der Druck zu heiraten ist noch immer hoch in Indien – und steigt mit dem Alter. Vor allem bei Frauen ist die Freiheit bei der Partnerwahl begrenzt. Besonders auf dem Land haben die Töchter auch heute oft nicht viel mitzureden.Nach dem ersten Gespräch bleiben die Mitarbeiter von Sachin Chawlas Eheagentur per Telefon im engen Austausch mit den Kunden und begleiten sie bei der Suche.Auch wer eine arrangierte Ehe sucht, träumt von der Liebe. Doch zuerst sollen die Herkunft, das Einkommen, der Bildungsstand und der Lebensstil zusammenpassen.Am dritten Tag verlobten sie sichFür Malavika war das erste Treffen mit Abhishek eine Überraschung. Erst als sie vor seinem Haus anhielten, sagten ihr ihre Eltern, dass sie einen Mann treffen werde. «Ich sagte meinen Eltern, als ich aus dem Auto stieg: ‹Zeigt mir wenigstens ein Bild und sagt mir den Namen, damit ich weiss, wen ich treffe›», erzählt sie. Eigentlich habe das Treffen nur 20 Minuten dauern sollen. Doch dann sei ihr Auto kaputt gegangen, und sie hätten vier Stunden bleiben müssen. Beide waren angetan von der ersten Begegnung, doch Malavika war noch nicht ganz überzeugt.Ein Grund für ihre Skepsis war, dass Abhishek ein Bania ist. Diese Kaste ist in Nordindien für ihren Geschäftssinn, ihre Familienorientierung und ihren strikten Vegetarismus bekannt. «Ich war immer entschlossen, nie jemanden aus einer Bania-Familie zu heiraten», sagt Malavika. Auch Abhishek war erst skeptisch, da Malavika aus einer Offiziersfamilie stammt und er nicht sicher war, dass sie in eine Bania-Familie passen würde. Doch als er sie sah, war er überzeugt.Am nächsten Tag trafen sie sich wieder, und Abhishek versuchte ihr klarzumachen, dass es für ihn Liebe auf den ersten Blick gewesen sei und er sie nicht gehen lassen werde. «Ich brauchte drei Stunden unter Einsatz meines ganzen Charmes, um sie zu überzeugen, dass ich der Richtige bin», sagt er. Am Abend sprach er noch einmal mit ihren Eltern. Am dritten Tag verlobten sie sich. Gut vier Monate später heirateten sie.«Ich wollte immer eine Frau heiraten, die ich liebe, auch wenn ich sie durch einen Heiratsvermittler finde», sagt Abhishek. «Meine erste Priorität war stets, mich zu verlieben. Und dies ist in unserem Fall auch passiert. Wir haben uns zwar in einer arrangierten Situation getroffen, doch am Ende hatten wir eine Liebesheirat.»Für Chawla ist die Suche nach einem Partner eine Reise mit einem klaren Ziel. «Wir begleiten Sie bis zur Heirat», sagt er und fügt dann nur halb im Scherz hinzu: «Nach der Heirat ist unsere Arbeit getan, und wir gewähren kein Umtauschrecht und bieten keinen Ersatz.»Mitarbeit: Sabah Gurmat.Passend zum Artikel
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