In Belize kochen sie mit tödlichen Chilis und lachen dabeiKrokodil im Bauch, Barrakuda im Griff: Wie ein Reisender zwischen zerfallenden Maya-Tempeln und strenggläubigen Mennoniten das Fürchten verlernte.Maik Brandenburg22.05.2026, 05.30 Uhr12 LeseminutenBelize in einer Schote: süss anzusehen, unauslöschlich im Mund.ImagoAm Ende schwamm der Besucher neben Haien, als wären es Heringe. Er kaute die Chilischote, die jeden Mund in Asche verwandelt, als wäre es ein Karottenstück, und wäre ihm ein Jaguar begegnet, hätten sie sich wohl angefreundet. Selbst das Krokodil auf dem Holzzaun konnte ihn kaum erschrecken. Kein Zweifel, er war voll auf Schokolade.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dabei hatte seine Reise harmlos, beinahe langweilig angefangen. Was ist schon dran an Geröllhaufen, selbst wenn sie von den Maya stammen? Lubaantun, die Ruine nahe dem Dörfchen San Pedro Columbia, war voll davon, und nichts anderes bedeutete der Name dieses Ortes in der örtlichen Maya-Sprache: «Platz der gefallenen Steine».Meist ragte der historische Bruch pyramidenartig hinauf bis in gut zwanzig Meter Höhe. Die noch gut erkennbaren Terrassen verloren sich unter Steinhaufen, als hätte Itzamná, der Himmelsgott der Maya, seine Lego-Kiste ausgekippt. Alle Gebäude sollen einst ohne Mörtel gebaut worden sein. Ohne Mörtel, tja, dann muss man sich nicht wundern. Vielleicht stünde die ganze Stadt ja noch in voller Pracht, wäre seinerzeit ein wackerer Betonmischer angeheuert worden. Doch übers Gestern ist gut lästern, zumal dieses Gestern über 1300 Jahre her ist: Von den Holzhäusern der Wikinger, den Zeitgenossen der Einwohner Lubaantuns weiter östlich, blieben nicht einmal Ruinen.Zwischen den Trümmern lag ein Teppich aus allerhand tropischem Grün, rein und samtweich. Hoch auf den Schuttbergen streckten sich einzelne Zedern und Gummibäume in den Himmel, der Wald rings um diese Maya-Stätte war tropisch dicht und duftend. Das städtische Gartenamt immerhin schien noch zu funktionieren.Alle anderen Institutionen lagen begraben unter Flint, Kalkbrocken und den Jahrhunderten. Aus den Ritzen bröckelnder Tribünen wuchsen Ranken. Dass Lubaantun einst so etwas wie die Partyhochburg der Maya war, ist schwer vorstellbar. Hier wurden zeremonielle Feste aller Art gefeiert oder einfach nur «einer draufgemacht», die Maya von weit her schlugen sich dafür aus dem heutigen Mexiko oder Guatemala durch den Dschungel.Ein Rätsel im Reich der MayaZum Glück gab es Bruno Kuppinger, der bildreich von jener Zeit erzählte. Von dem rätselhaften Spiel Pok-ta-Pok, bei dem ein Ball mit der Hüfte weiterbefördert wurde, von den Ritualen zu Ehren der vielen Maya-Götter, von Faustkämpfen mit Masken, von Menschenopfern gar. Leider sprach er ein schwer verständliches Idiom, vielleicht einen alten Maya-Dialekt? Doch es stellte sich heraus, dass Bruno vor zwanzig Jahren aus Baden-Württemberg eingewandert war. «Des isch hier de Site, die wo Pok-ta-Pok gschbield wurd.» Brunos Deutsch schien so zusammengewürfelt wie das Geröll ringsum, er mixte es mit viel Schwäbisch und Englisch – Belize ist das einzige englischsprachige Land in Mittelamerika.Merkwürdigerweise gebe es hier keine in Stein geritzten Aufzeichnungen wie sonst üblich in einer der dreitausend Maya-Stätten, sagte Bruno, keine Stelen mit Siegen über Feinde oder eroberte Stämme, keine Listen von Herrschern und Priestern, keine eingemeisselten Event-Berichte. Sollten die Nachkommen nicht erfahren, wer hier über die Stränge schlug nach zu viel Xtabentún, dem Honigschnaps mit Anis, nach Unmengen von Tequila? Oder gar dem Energiegetränk der Maya schlechthin – Kakao? Die Maya sollen sich, so munkelt man, vergorene Bohnen hintenrum eingeführt haben, um abzuheben. «Anyway», raunte Bruno, «des isch really myschderjös.»Noch viel mysteriöser aber ist der Kristallschädel, der 1924 in Lubaantun gefunden wurde. Bruno hatte ihn nicht dabei, den «krischtl schkull». Aber so, wie er darüber berichtete, erstand er glasklar vor den Augen, gefertigt aus die Sonne fangendem Bergkristall. Ein wahrhaft erleuchteter Kopf, in dem die Morgenröte lodert. Was mag noch unter all dem Schutt, den «gefallenen Steinen» und dem alles versiegelnden Dschungelgrün liegen, in Lubaantun und anderswo in den Regenwäldern Mittelamerikas?Ganz sicher Unmengen von Grindern. Grinder sind Schabsteine, mit denen die geröstete Kakaobohne zur öligen Masse zerrieben wird. Das Herz von Belize: Es ist diese Bohne, der bittere Trunk sein Blut, seit Jahrtausenden. Bruno fand einige Grinder auf seiner Plantage mit rund fünfhundert Bäumen. Auch José Mes’ Familie besitzt den ihrigen seit vier Generationen, und wer weiss, wie viele Jahrhunderte er zuvor im Boden gelegen haben mag. José trug Gummistiefel, einen breitkrempigen Hut und eine Machete. Er kam direkt von seinem Feld im Dschungel, auf dem er Kürbis, Maniok, Mais anbaut. Den Arm hatte er voller riesiger Blätter, ein Loch im Dach seiner Hütte musste gestopft werden.In Josés Hütte sah es aus wie im ganzen Maya-Dorf Santa Cruz – Bambuswände mit lehmigem, bröckelndem Putz, grob behauene Sitze aus Holz, eine dicke hölzerne Tischplatte und eine offene Feuerstelle, deren Rauch durch den Raum waberte. Er zog durch die Ritzen im Dach, gedeckt mit tonnenweise Blättern der Manicaria. «Der Qualm ist gut gegen die Skorpione und Schlangen», sagte José. «Aber der Arzt fragte mich letztens, ob das Baby Zigaretten rauche.»Bis vor kurzem war es noch schlimmer, ein Kaffeeglas mit Kerosin diente als Lampe. Darum setzte Bruno der Hütte ein Solarpanel obenauf, jetzt flackern ein paar Birnen im Dämmerlicht. Und der zweijährige Isaac auf dem Arm seiner Mutter wirkte fröhlich und gesund und hustete kein einziges Mal.Ein tief verwurzeltes NaturwissenKein Mörtel, keine Stelen, kein Name der Herrscher: Die Maya-Stätte Lubaantun schweigt seit Jahrhunderten.ImagoDer Mangobaum ist einer, der produziert und gibt, bis sich seine Äste biegen.ImagoEine asphaltierte Strasse führt durch Santa Cruz. Doch noch Josés Vater glaubte, dass die Maya die einzigen Menschen auf der Welt seien. «Du gehst nicht zur Schule. Alles, was du wissen musst, zeige ich dir im Dschungel», erklärte er dem Sechsjährigen. Seitdem ist José jeden Morgen mit dem ersten Rütteln des Windes aufgestanden. Mit den letzten Schatten der Bäume kommt er heim. Einige Früchte seiner Bildung hatte er auf einem Baumstumpf ausgelegt: saftige Mangos, sattgelbe Pflaumen, duftende Limonen. Auf einem Pfad im Urwald zeigte José auf Rinden, Blätter, er pflückte Früchte, grub Wurzeln frei, schabte an Zweigen, bis Saft floss, und stets hatte alles seinen Zweck. Zum Beispiel als Arznei gegen Magenverstimmung, als Mückenschutz, als Färbemittel für Textilien oder sogar zur Verteidigung gegen üble Gesellen.«Das nennen wir Schlafpflanze», sagte José etwa und wies auf einen grossblättrigen Baum. «Darin wickeln wir die Babys ein, dann ist Ruhe.» Er holte eine knollige Wurzel hervor: «Wenn wir Zahnschmerzen haben, kauen wir darauf herum.» Und dieser weiträumige Rasen um manches Haus sei so etwas wie ein Zaun. «Man sieht sie nicht, aber er ist mit Dornen gespickt.» Sogar vor der dorfeigenen Arrestzelle gebe es darum keine Befriedung, man müsse nur sicherstellen, dass der Häftling barfuss einsitze.Wer aber sollte in diesem Naturparadies kriminell werden? «Die Touristen», sagte José mit einem Pokerface und guckte eindringlich in die Runde. «Und zwar die, die unseren Maya-Schatz klauen wollen.» Also doch, unter den Ruinen wurden nicht nur Kristallschädel entdeckt. Gold, Silber, Edelsteine, all die funkelnden Legenden sind also wahr! Wo sind sie, José, wo ist der Tresor, kann man sie sehen? «Kommt mit», sagte José.Theobroma cacao, so der botanische Name der Bohnen, welche die Einheimischen «Speise der Götter» nennen. In den Hütten von Santa Cruz rösten Frauen die Bohnen über offenem Feuer.ImagoSo hat die Welt Schokolade kennengelernt: nicht als Tafel, nicht als Praliné, sondern als Trunk. Die Maya tranken ihn bitter, gewürzt, manchmal vergoren. In Punta Gorda machen sie es noch heute so.ImagoEin Blick in die Kakaoküche der MayaIn einer der schmucklosen Hütten seines Dorfes standen drei Frauen, ein Feuerchen brannte, es roch scharf und süsslich, ein nicht unangenehmer Qualm. Auf einem Haufen lagen kleine Rugby-Bälle, grüne, gelbe, violette, womöglich gab es im Dorf ein Kinder-Team. José aber griff sich eine der ovalen Pillen, schlug mit der Machete darauf, und da waren sie, die Preziosen der Maya: Kakaobohnen. Sie sahen aus wie fette weisse Maden.Bruno griff eine heraus und nuckelte daran. «Wenn d’isch Jelly nur rausschlotzt, bleibt die Bohne heil», erklärte er. Das Jelly ist die weisse Hülle, ein süsssäuerlicher Geschmack. Die Bohne darunter ist bräunlich, werde sie irgendwo hingespuckt, könne daraus sogar ein neuer Baum wachsen.Das macht aber kaum jemand, es geht ja darum, dass der Geschmack des Jellys während der einwöchigen Fermentation in die Bohnen einzieht. In Holzkisten und der Sonne ausgesetzt, brutzelten die Bohnen draussen vor sich hin. Drinnen klackten sie in Pfannen über dem Feuerchen hin und her, unentwegt wurde gerührt, geschüttelt, berochen und gerne auch einmal beleckt. Um die 160 Grad müssen es für die Röstung sein, das «Zungenthermometer» der Frauen in der Hütte mass exakt.Die Frauen reichten kugelrunde Häppchen herum, das Ergebnis der zur öligen Masse zerquetschten Bohnen, auf dem Grinder gewalzt, mit Nüssen, Blüten, winzigen Früchten vermischt und dann zu kleinen Klumpen geformt. Bitter, nein, süss, nein, nicht bitter, nicht süss, irgendetwas dazwischen, wo ist bloss das Wort? Hier war eindeutig ein Goethe der Kakaopoesie gefragt.Fortan ging es nicht mehr ohne die Maya-Schokolade. In Blätter gewickelt, reisten die Wunderkügelchen mit durchs Land. Was machte es, dass tagsüber die karibische Sonne brannte, wenn die Sandflöhe an den Stränden von Belize zwickten? Was machte es, wenn des Nachts in einer Dschungel-Lodge die Brüllaffen brüllten, die Tukane ihre turbinenlauten Wiegenlieder herausschrien? Oder wenn der Jaguar nahe, wirklich nahe, also eigentlich gleich hinter dem Feigenbaum dort, sein mächtiges Organ traktierte? Maya-Schokolade aus dem Dorf Santa Cruz war die Antwort auf alles.Weiter ging es auf dem Southern Highway Richtung Ostküste. Die grössten Hühner und die dürrsten Hunde der Welt lagerten im Staub des Strassenrands. Hinter Zäunen mit hölzernen Schwänen prosteten Männer dem Reisenden zu. Wahrscheinlich mit Panty Ripper, dem äusserst beliebten und offenbar schamlosen Rum aus der Kokosnuss plus Ananassaft. Babys schliefen mit heraushängenden Beinchen in Hängematten, darunter ihre Mütter. Siesta in Belize. Nur die Mennoniten kannten keine Pause.Ein zweirädriger Einspänner zuckelte vorüber, er bog in einen Kiesweg, gesäumt von grossen Säcken. Zwei Männer mit roten Bärten luden die Säcke mit Dünger auf, sie trugen helle Hüte und blaue Latzhosen. Bruno bat darum, sie nicht zu fotografieren und nicht nach ihrem Namen zu fragen.Doch sie waren sehr freundlich und offen. Die beiden gehörten zum nahen Pine Hill, einem Dorf von 250 Mennoniten, das Mais und Bohnen anbaut. Insgesamt gibt es knapp 20 000 dieser altgläubigen Christen in Belize, sie sind 1958 ins Land gekommen. Sie halten kaum Kontakt zu den Maya oder der restlichen Bevölkerung von Belize, denn «dort ist Unordnung», sagte einer der beiden, dort gebe es «Tabak, Drinks und Kartenspiele». Fast alles wird manuell erledigt, selbst ein Traktor darf nicht aufs Feld. «Wir graben mit der Hand in der Erde, weil wir von da her sind, und da gehen wir hin», sagte der andere. Er sprach im besten Hochdeutsch, in den Schulen der Mennoniten wird es gelehrt. Eigentlich ist ihre Muttersprache das sogenannte Plautdietsch, ein altes, verbogenes Friesisch der Heimat ihrer Ahnen. Sie sagen Jongens zu Jungen und Merges zu Mädchen, und dann sagten sie «Gott mit euch», denn sie wollten weiter Säcke aufladen. In Pine Hill wartete man schon auf den chemischen Industriedünger, der immerhin ist erlaubt.Ein Blick in eine andere ZeitSie grüssen mit «Gott mit euch» und meinen es so. Die rund 20 000 Mennoniten in Belize pflügen mit der Hand, meiden Traktoren und Kartenspiele und fahren trotzdem Boot.ImagoVor rund 200 Jahren kamen die Garifuna als geflohene Sklaven aus Westafrika an die Küste von Belize. Ihre Sprache, ihre Musik, ihr Handwerk haben sie bis heute bewahrt. Puppen zu machen, wie in Dangriga, ist eine dieser Traditionen.De Agostini Editorial / GettyNoch auf dem Weg nach Hopkins gingen einem die beiden netten Herren nicht aus dem Sinn. Man hätte sie fragen sollen, wie sie ihre Bärte so perfekt stutzen, mit elektrischen Rasierern ja wohl kaum. Eine müssige Frage, denn wenig später, auf einem beschatteten Hof in Hopkins, stellte sich eine ganz andere, nämlich die Überlebensfrage: Denn dort, auf einem Zaun, sass plötzlich ein Krokodil! Keine drei Meter entfernt starrte es bewegungslos in die Richtung des Reisenden. Der schoss aus seinem Stuhl. Auch das Krokodil schoss davon, hinter den Zaun und weg.Nekima fiel vor Lachen beinahe der Kochlöffel aus der Hand, denn das Krokodil war nur ein Leguan. Leguane sind harmlos, trotz ihrem wulstigen Kopf, der schuppigen Haut und einer hässlichen Falte unter dem Kopf, an die krallenartige Zähne getackert scheinen. Dabei sind sie reine Pflanzenfresser und so lieb, dass sie sich fast wehrlos von Menschen fangen lassen. Dann gibt es «Bambushühnchen».Hier und heute sollte es allerdings Hudut geben. Hopkins ist ein Dorf der Garifuna. Diese sind Nachkommen geflohener westafrikanischer Sklaven, vor rund 200 Jahren stiessen sie auf die Strände von Belize. Sie sind immer noch schwarz, kaum 30 000 leben im Land. Ihre Sprache ist ein Mix aus Kreolensprachen. Ihre Fröhlichkeit ist ansteckend und ihr Humor so beissend wie ihre Suppen. Vor allem die Hudut hat es in sich.Nekima hatte den Reisenden auserwählt, mit ihr die beliebteste Suppe der Garifuna zu kochen. Offenbar reichte ihr die Krokodil-Show nicht, sie wollte noch mehr Spass. Ein paar Geschwister und Freunde von Nekima versammelten sich neugierig um den Besucher. Mühselig stampfte der Kochbananen im Mörser, raspelte eine Kokosnuss, schnitt Knoblauch, Zwiebeln, Paprika mit einer Art Entermesser und zerteilte den am Morgen gefangenen Barrakuda, ein Prachtexemplar von über einem Meter. Er ist für Menschen nicht ungefährlich, insbesondere, wenn man beim Schneiden nicht aufpasst: Ritsch machte es, das waren seine Zähne, dann machte es ratsch, das waren seine Gräten. Das Publikum lachte und applaudierte.Nekima ging hinter eine Hecke, zurück kam sie mit Kräutern, die sie auf die Wunden legte. Andere Kräuter, darunter Oregano und Basilikum, legte sie in die Suppe. «Wir kochen die Suppe jeden Samstag», sagte Nekima. Ihre 70-jährige Grossmutter sei sogar «Miss Garifuna». Eine schöne Frau sei sie immer noch, gewiss. Den Titel aber habe sie ihrer einzigartigen Hudut-Meisterschaft zu verdanken.Jetzt wurde gerührt, vorsichtig, damit das zarte Fischfleisch heil blieb. Das allein trieb einem schon den Schweiss auf die Stirn, und es sollte schlimmer kommen. Fast beiläufig reichte Nekima ein paar Chilis, der arme Hilfskoch zerschnitt sie und gab sie in die Suppe. Die Menge feixte.Wenig später wurde serviert. Atemlose Stille, als der Reisende den Löffel ansetzte, aller Augen auf ihn gerichtet. Der wunderte sich und schlürfte und kaute. Und dann schrie er: Glühende Lava ergoss sich im Mund, eine unsichtbare Stichflamme schoss heraus. Wasser, Wasser! Vergeblich. Der Pulk ringsum jauchzte und johlte. Der Besucher hatte mit einer der tödlichsten Waffen von Belize Bekanntschaft gemacht – dem Habanero-Chili.Mit einem Stückchen Maya-Schokolade wurde die Suppe ausgelöffelt. Am Ende hauten einem alle auf die Schulter, man hatte wohl eine echte Feuertaufe überlebt. Danach hauten sie auf Trommeln, zu Ehren des gebeutelten Gastes. Die Chilis im Bauch schlugen ihren eigenen Takt.Hopkins, ein Dorf der Garifuna an der Küste von Belize. Samstags wird gekocht, gelacht und getrommelt.De Agostini Editorial / GettyDer bodennah lebende Ammenhai ist Belizes sanfteste Überraschung: Schnorchlern macht er im Allgemeinen nichts, solange sie ihn nicht provozieren.ImagoSie schlugen auch noch, als es vom Boot zu den Haien ins Wasser ging. Oder war es das Herz des Reisenden? Doch, wie gesagt, er war auf Schokolade, ausserdem hatte er ein halbes Krokodil, die flammende Hudut und einen beissenden Barrakuda besiegt. Das Ego war bereit für noch grössere Fische.Also Badehose an und ab ins Meer. Und da kamen sie auch schon: mindestens ein Dutzend Ammenhaie! Drunter, drüber, rechts, links! So klar und nah wie die bis zu 7000 Jahre alten Korallen des zweitgrössten Korallenriffs der Erde, das an Belize entlangwächst. Sechs Boote dümpelten am Caye Caulker, die Haie stiessen ihre bulligen Köpfe gegen die Bootswände und nahmen absolut keine Notiz vom Schwimmer. Keine! Unerhört, das passte absolut nicht in die geplante Heldengeschichte! Aber so war es: Geräusch- und achtlos zogen die Haie vorbei.Auch andere Schwimmer ringsum glitten von den Booten, manche mitten in den Pulk der Haie, auf Streicheldistanz, obwohl das streng verboten war. Wie leicht konnte man sich an ihrer rauen Haut eine Wunde reissen, und was Haie im Blutrausch tun, will man nicht sehen. Was Menschen im Instagram-Rausch tun, war dagegen live zu erleben. Einer versuchte sogar, einen Hai zu umarmen. Zum Glück kümmerten sich die Haie nur um die von den Booten zugeworfenen Fischabfälle.Ein Lied im letzten Licht des TagesUnter Kokospalmen der Küste entlang schlendern, während der feine, weisse Sand jeden Schritt weich umspielt: San Pedro Beach.Andre Seale / GettyDie Flagge von Belize zeigt als einzige der Welt Menschen.Jane Barlow / PA Images / GettyAm letzten Abend in Belize lud Simon auf seinen Katamaran ein. Simon war auch ein Garifuna, er hatte am lautesten über die Kocheinlagen im Zusammenhang mit der Hudut gelacht. Immer noch kichernd schenkte er den nächsten Panty Ripper aus, unter dem Boot plätscherte der Abgrund.«Wie hat es dir in unserem Land gefallen?», fragte Simon den Besucher. Die Antwort fiel leicht: «Ein Land zum Bleiben.» «Mann», rief Simon, «das ist Belize. Du fühlst dich mehr zu Hause als von zu Hause weg.» Er erlebe das immer wieder mit Ausländern. «Ich denke, es liegt an den Menschen hier. Du kannst in Gegenden mit den tollsten Attraktionen sein. Aber es sind die Menschen, die den Ort ausmachen.»Das mag es sein. Kreolen, Mestizen, Maya, Garifuna, East Indians, viele Amerikaner, die Mennoniten, Indigene, sie alle haben Platz in diesem tropischen Tupfer, halb so gross wie die Schweiz. «Wir glauben nicht an Trennung. Wir glauben an Einheit», sagte Simon. «Wir umarmen unsere Unterschiede.»Dann hob er zu einem Lied an in dem eigenartigen Kauderwelsch seiner Sprache Garifuna, vermischt mit karibischen, englischen, französischen, spanischen Elementen, indes sich die offenbar unmusikalische Sonne schnell hinter den Horizont verzog.Einer mault ja immer, selbst im Paradies.Passend zum Artikel
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Krokodil im Bauch, Barrakuda im Griff: Wie ein Reisender zwischen zerfallenden Maya-Tempeln und strenggläubigen Mennoniten das Fürchten verlernte.








