Eine Recherche stellt den Drohnenangriff auf Dänemark im Herbst 2025 infrage – wenn es ein Akt hybrider Kriegsführung war, wurde damit das Ziel erreichtDie dänische Regierung hat bisher keine Beweise für einen Angriff mit Drohnen vorgelegt. Experten zweifeln an der Darstellung der Ereignisse. Doch genau diese Unsicherheit ist ein zentrales Merkmal des hybriden Krieges.22.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenIm September 2025 legten Drohnensichtungen den Flugverkehr in Kopenhagen lahm.Steven Knap / Scanpix / ReutersAm 25. September 2025 schien alles noch klar. «Dänemark befindet sich in einem hybriden Krieg», sagte die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen in einem Interview mit dem Sender DR. Drei Tage zuvor hatten laut den damaligen Behördenangaben Drohnen den Betrieb auf dem Flughafen in Kopenhagen lahmgelegt. Später wurden weitere Flugkörper über fünf anderen dänischen Flughäfen und einer Kaserne gemeldet. Die Polizei vermutete hinter den Vorfällen einen «fähigen Akteur», Frederiksen lenkte den Verdacht auf Russland.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Acht Monate sind seither vergangen. Vom «fähigen Akteur» fehlt immer noch jede Spur. Mitte Mai veröffentlichte der dänische Rundfunk einen Dokumentarfilm, der Zweifel an den Ereignissen aufkommen lässt. Mehrere Experten kritisieren darin das Vorgehen der Regierung. Und sie werfen eine brisante Frage auf: Gab es überhaupt Drohnen über Dänemark?Die Debatte zeigt exemplarisch, was den hybriden Krieg so schwer fassbar macht. Drei Gedanken sind dabei zentral.1. Das Fehlen von Beweisen ist noch kein BeweisEs liegt in der Natur des hybriden Krieges, dass die Täter oft unerkannt bleiben. Und auch wenn für einen Vorfall jemand verantwortlich gemacht werden kann, heisst das noch lange nicht, dass auch die Auftraggeber ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden können. Der mutmassliche Drohnenangriff auf Dänemark im Herbst 2025 ist da kein Einzelfall.Die Beweislage gestaltet sich schwierig. Die Drohnen wurden nicht abgeschossen und nie gefunden. Festgenommen wurde niemand. Ein Ermittler äusserte im September schnell den Verdacht, dass die Drohnen von einem Schiff im Öresund gesteuert worden waren. Recherchen der NZZ zeigten, dass sich zum gegebenen Zeitpunkt zwei Frachter und ein Tanker mit Verbindungen zu Russland in der Meerenge befanden.Das französische Militär enterte später eines der Schiffe und nahm zwei Besatzungsmitglieder fest. Bei den Schiffsunterlagen des Öltankers «Pushpa» wurden Unregelmässigkeiten festgestellt. Einen Nachweis, dass «Pushpa» am Drohnenangriff beteiligt war, gibt es bis heute nicht.Die zwei anderen verdächtigen Schiffe konnten ihre Fahrt ungehindert fortsetzen. Durch das Seerecht sind die Rechte der Küstenstaaten beschränkt. Um die freie Durchfahrt der Schiffe anderer Staaten nicht unverhältnismässig zu behindern, müssen sie sich auch bei einem feindlichen Verhalten meist an den Flaggenstaat wenden. Dass der Flaggenstaat selbst in einen Sabotageakt involviert sein könnte, wurde bei der Gesetzgebung nicht berücksichtigt. Das Meer ist somit der perfekte Tatort.Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen fand nach den Vorfällen im Herbst 2025 schnell klare Worte. Dänemark sei Opfer eines hybriden Angriffs geworden, sagte sie damals und hält bis heute daran fest.Emil Nicolai Helms / ImagoNoch heute fehlt der Beweis, dass die Drohnen von einem der Schiffe kamen. Oder dass es überhaupt Drohnen gab. Doch das Fehlen von Beweisen beweist noch nicht das Gegenteil – nämlich, dass alles nur Einbildung war.2. Unklarheit schafft UnsicherheitDer hybride Krieg verfolgt ein Ziel: Angst und Chaos zu verbreiten. Demokratien basieren auf Vertrauen. Die Regierung schulde den Däninnen und Dänen Antworten, fordern denn auch Experten im Dokumentarfilm des DR.Doch was, wenn es diese Antworten (noch) nicht gibt oder Informationen zurückgehalten werden, um die Ermittlungen nicht zu gefährden?Ende Februar hätte eine Untersuchung der dänischen Streitkräfte Aufschluss darüber geben sollen, was im September tatsächlich geschah. Die Publikation wurde kurzfristig verschoben und auf die Zeit nach den Parlamentswahlen, die im März stattfanden, verlegt. Sie wurde bis heute nicht veröffentlicht.Wo handfeste Beweise fehlen, entsteht Raum für Mutmassungen und Spekulationen. Das geschah auch im letzten Herbst, als plötzlich nicht nur in Dänemark, sondern auch in Schweden, Norwegen und Deutschland Drohnen gesichtet wurden. Die unbemannten Flugkörper schienen überall zu sein – und später erwiesen sich manche der Meldungen als falsch.Rasmus Dahlberg, ausserordentlicher Professor für öffentliche Sicherheit an der Universität Roskilde, äussert im Film einen brisanten Verdacht. Er könne und wolle das Szenario nicht ausschliessen, dass sich überhaupt keine Drohnen über Dänemark befunden hätten.Obwohl zahlreiche Videos von mutmasslichen Drohnen veröffentlicht wurden, sind sich Dahlberg und andere Experten nicht sicher, ob darin wirklich Drohnen zu sehen sind. Dahlberg sagt: «Wenn das zutrifft, bedeutet es, dass wir in Wirklichkeit einen hybriden Krieg gegen uns selbst geführt haben. Denn wir haben die Bevölkerung verängstigt, Besorgnis geschürt und möglicherweise Misstrauen gegenüber den Behörden erzeugt.»Dahlberg gehe es vor allem darum, sicherzustellen, dass kein Misstrauen gegenüber den Behörden entstehe, heisst es im Beitrag von DR. Doch genau dieses Misstrauen sät er mit seinen Aussagen selbst. Die Logik der Medien begünstigt solche Thesen, weil sich überraschende Geschichten besser verkaufen.Die dänische Regierung steht derweil hinter ihren Aussagen. Mette Frederiksen äusserte sich letztmals im März während des Wahlkampfes zum Thema: «Wenn die dänischen Behörden feststellen, dass es Drohneneinsätze über Dänemark gegeben hat, habe ich keinen Grund, daran zu zweifeln.»3. Es gibt immer einen ProfiteurEgal, ob es Drohnen über Dänemark gab oder nicht, die Geschichte kennt nur einen Profiteur.Sollte der Kreml den Drohnenangriff angeordnet haben, hat er sein Ziel erreicht. Der Vorfall legte schwerwiegende Lücken in der Flugabwehr der Nato offen und zeigte, dass sich mit geringen Mitteln grosses Chaos anrichten lässt. Das Vertrauen in die dänischen Behörden wurde zumindest angekratzt.Polizisten konnten keine Drohnen sicherstellen.Steven Knap / Scanpix / ReutersUnd wenn es am Ende gar nicht Russland war? Dann profitiert der Kreml trotzdem. In diesem Fall stünden die dänische Regierung und ihre Nato-Verbündeten als paranoid da – etwas, was die russische Propaganda schon lange glauben zu machen versucht.Die dänische Regierung kann das Vertrauen nur zurückgewinnen, wenn die Ereignisse lückenlos aufgeklärt werden. Es ist nicht absehbar, bis wann dies geschehen wird.Passend zum Artikel
Eine Recherche stellt den Drohnenangriff auf Dänemark infrage – doch ganz so einfach ist es nicht
Die dänische Regierung hat bisher keine Beweise für einen Angriff mit Drohnen vorgelegt. Experten zweifeln an der Darstellung der Ereignisse. Doch genau diese Unsicherheit ist ein zentrales Merkmal des hybriden Krieges.






