Als der unbestechliche Kevin Großkreutz vor einem Monat gefragt wurde, welchen Klub er gerne loswerden würde, musste er nicht lang überlegen. „Ich wünsche mir, dass die absteigen“, sagte Großkreutz mit derselben Entschlossenheit, mit der er früher über den Platz sauste. Und das fügte er noch sarkastisch hinzu: „Eigentlich dürfen sie nicht absteigen, Stadion voll, geile Stimmung.“ Wie jeder einstige Nationalspieler, der etwas auf sich hält, sendete Großkreutz seine Präferenz in seinem eigenen Podcast durchs Land. Und gemeint war – das dürften auch all jene geahnt haben, die nie fürs DFB-Team nominiert wurden – der in nahezu allen Landesteilen unbeliebte VfL Wolfsburg.Es zählt zum diabolischen Journalistenhandwerk, Person X damit zu konfrontieren, was Person Y über sie gesagt hat. Diese kleine Freude haben sie sich neulich auch bei der Welt erlaubt, als sie Wolfsburgs Christian Eriksen zum Interview trafen. Ob er Kevin Großkreutz kenne? Ja, antwortete Eriksen, den kenne er. Was er Großkreutz’ Abstiegswünschen zu entgegnen habe? „Dass wir uns das nicht wünschen“, so Eriksen: „Es mag Leute da draußen geben, die keinen Bezug zu Wolfsburg haben. Und vielleicht haben andere Vereine auch mehr Fans. Aber wir und unsere Fans möchten in der Bundesliga bleiben und wären sehr traurig, wenn wir es nicht schaffen.“Däne Eriksen beim VfL Wolfsburg:Promifaktor am MittellandkanalDiese Personalie ist ein kleiner Transfercoup: Wolfsburg begegnet den Vorwürfen der Graumäusigkeit mit der Verpflichtung des dänischen Alt-Internationalen Christian Eriksen. Er trifft in seinem neuen Klub auf sechs weitere Landsmänner.Großkreutz wäre froh, Eriksen wäre traurig: Dieses Stimmungsbild dürfte vor Wolfsburgs Relegationsduell mit Zweitligist SC Paderborn (Hinspiel Donnerstag, 20.30 Uhr) durchaus repräsentativ fürs Fußballland sein. Nahezu alle, die nicht in und um Wolfsburg herum wohnen, könnten mit einem Abstieg der Werkself wohl ziemlich gut leben. Alle Wolfsburger dagegen schaudert diese Perspektive, weshalb sie, ehe es zu spät war, die Reihen geschlossen haben: Nach einer schweren Beziehungskrise haben sich Fans und Mannschaft wieder versöhnt; eine Annäherung, die deutlich leichter fiel, als das zwischenzeitlich leblose Team wieder zu seriösem Arbeitseifer zurückgefunden hat.Wie fit ist dieser Eriksen noch? Und: Ernsthaft, Wolfsburg?!Was wiederum viel mit dem 34-jährigen Eriksen zu tun hat. Als es nicht lief, zählte der Däne zu jenen Kadermitgliedern, denen die VfL-Misere nicht egal war; Eriksen wurde sogar mit Tränen in den Augen gesichtet, während sich die Wolfsburger Mannschaft eine Standpauke der eigenen Fans abholte. Zudem hat er auf dem Platz an der Trendwende mitgewirkt, mit all seiner Coolness, mit all dem Können, das weiterhin in seinen Füßen steckt. Eriksens bisherige Saisonbilanz: drei Tore, zehn Vorlagen, dazu eine Menge schlauer Pässe, Verlagerungen, Eckbälle, Freistöße. Kevin Großkreutz wäre es mutmaßlich lieber gewesen, wenn Eriksen im Sommer nicht in die Autostadt gekommen wäre. Mit dem Wissen von heute lässt sich jedenfalls behaupten: Ohne ihn, den 149-maligen dänischen Nationalspieler, der zuvor bei Spitzenklubs wie Inter Mailand, Manchester United und Tottenham Hotspur spielte, wäre der VfL Wolfsburg womöglich längst abgestiegen. Wobei es gerade deswegen interessant ist, noch mal an die Fragen des vergangenen Transfersommers zu erinnern: Was will der in Wolfsburg? Wie fit ist der noch? Ernsthaft, Wolfsburg?!Christian Eriksen, das muss zur Klärung dieses Sachverhalts dringend erwähnt werden, ist Däne. Und der VfL war, zumindest zu diesem Zeitpunkt, Europas wohl beliebteste Anlaufstelle für kickende Exil-Dänen: Sechs Landsmänner traf Eriksen an, als er zum ersten Mal übers sehr erstligataugliche Wolfsburger Trainingsgelände stapfte. Zudem war da noch Peter Christiansen, der im März vor die Tür gesetzte Wolfsburger Sportchef, der, ja genau, ebenfalls Däne ist. Eriksen wollte seiner Weltkarriere noch eine Station in heimatlicher Atmosphäre hinzufügen, dabei aber die sportlichen Ambitionen nicht vergessen: Die Wolfsburger waren mal mit Europapokal-Hoffungen in die Saison gestartet – ein Ziel, das mit Blick auf Spieleretat und Spielerqualität keinesfalls überzogen erschien. Jedenfalls bis die Wolfsburger das mit dem Fußballspielen größtenteils sein ließen. Bis in Paul Simonis der erste Trainer und in Daniel Bauer der zweite Trainer an dieser mit Riesen-Egos vollgepackten Kabine verzweifelten. Und bevor der routinierte Dieter Hecking übernahm, der aus der Werkself – nach ruckeliger Anlaufphase – eine Gruppe formen konnte, die sich wieder mit dem nötigen Ernst gegen einen Sturz in die Zweitklassigkeit wehrt.In Abwesenheit des verletzten Maximilian Arnold trägt Eriksen nun die Kapitänsbinde am Arm, ein Bild, das seinem Status inner- und außerhalb Wolfsburgs unbedingt gerecht wird. „Extrem wichtig“ nannte ihn Coach Hecking am vergangenen Samstag auf St. Pauli nicht zum ersten und bestimmt nicht zum letzten Mal. Da war Eriksen in einer Art Entscheidungsspiel um die Teilnahme an der Abstiegsrelegation, mal wieder, der Wolfsburger Spieler gewesen, der die Sache regelte: mit Pässen, Tempowechseln, Ruhe – sowie zwei herrlich getretenen Eckbällen, die jeweils zu Wolfsburger Toren führten.Einen Elfmeter drosch Eriksen zwar an die Latte. Doch mit diesem Fehlschuss hatte Heckings Bauchgefühl ohnehin gerechnet. Macht nichts, meinte der Coach, der stattdessen„Aura“ und „Autorität“ des wohl profiliertesten Wolfsburger Spielers lobte. Überhaupt geraten sie in der Autostadt geradezu ins Schwärmen, wenn sie von Eriksen erzählen, von seiner Professionalität, von seiner Präsenz, von seinen gar nicht mal so breiten Schultern, an denen sich junge Spieler jederzeit aufrichten dürfen. Nur eine Sache, heißt es, möge er gar nicht: Nachfragen, wie das eigentlich so war, damals bei der EM 2021, als er nach einem Herzstillstand um sein Leben rang.„Wenn man so lange auf einem Abstiegsplatz steht wie wir, wäre der Klassenerhalt für mich wie ein Titelgewinn“, sagte Eriksen noch der Welt: „Es gibt dafür keine Schale, aber es fühlt sich sicher wie ein Titel an.“ Eriksen ist eben ein erdverbundener Mensch. Und das ist erst mal keine gute Nachricht für den Relegationsgegner Paderborn.