Nachdem der Aktivist und Autor Arne Semsrott bekannt gegeben hatte, dass seine Lesung in der Stadtbibliothek Magdeburg abgesagt wurde, hat sich nun auch die in die Kritik geratene Oberbürgermeisterin Simone Borris (parteilos) geäußert. In einer öffentlichen Stadtratssitzung am Donnerstagnachmittag sagte sie, es habe keine Entscheidung oder Weisung ihrerseits gegeben, die Veranstaltung abzusagen.Borris erläuterte, dass am 15. April eine Dienstberatung zwischen Stadtverwaltung und Stadtbibliothek stattgefunden habe, in deren Zusammenhang der Grundsatz der „parteipolitischen Neutralität vor Wahlen angesprochen“ worden sei. Sie selber habe aber keine Weisung, die Veranstaltung abzusagen, erteilt. „Ich kenne weder ihn noch seine Bücher“, sagte sie am Donnerstag im Magdeburger Stadtrat. Sie habe lediglich um eine Prüfung gebeten. Andere Kollegen, die an der Sitzung teilgenommen haben, hätten sich allerdings stärker an der internen Debatte beteiligt.Die Lesung musste verlegt werdenZuvor hatten die Fraktion Die Linke im Landtag von Sachsen-Anhalt und die Schriftstellervereinigung PEN Berlin Protest eingelegt. Es handle sich um einen „Akt von Feigheit“, sagte PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel. Semsrott hatte zuvor auf Bluesky behauptet, die Bücherei habe ihn „nach politischem Druck“ ausgeladen, der Inhalt sei „offenbar zu provokativ“. Seine für den 5. Juni angekündigte Lesung aus dem neuen Buch „Gegenmacht: Die Zivilgesellschaft schlägt zurück“ habe auf eigene Initiative verlegt werden müssen. Sie findet jetzt im Kulturhof Moritzhof in Magdeburg statt, Veranstalter sind die Heinrich-Böll-Stiftung und der Verein Miteinander.Semsrott vermutet als Hintergrund eine kritische AfD-Anfrage im Stadtrat zu einer früheren Lesung in Magdeburg. Solche Vorgänge würden passieren, wenn sich eine Verwaltung der „autoritären Wende“ nicht entgegenstelle, schrieb Semsrott, der das Transparenzportal „Frag den Staat“ leitet. Dem MDR sagte er mit Blick auf die Stadtverwaltung: „Ich würde stark davon ausgehen, dass die sich da wegducken vor solchen kritischen Fragen.“Borris gab im Stadtrat zu Protokoll, Magdeburg sei eine Stadt, „in der kontroverse Debatten möglich“ seien. Die Stadtbibliothek müsse ein Ort der öffentlichen Debatte bleiben. Man wolle sich am kommenden Mittwoch mit Semsrott und der Böll-Stiftung zusammensetzen, um über den Hergang zu sprechen. Es sei ihr wichtig, die Angelegenheit transparent aufzuklären.Das Buch, das am 1. Juni erscheinen soll, beschäftigt sich mit der Frage, wie die aktive Zivilgesellschaft gegen eine „rechtskonservative Wende“ vorgehen kann. Thematisiert werden Klagen, Streiks, Volksentscheide und gesellschaftliche Solidarität. Es versteht sich als eine „Anleitung für die demokratische Offensive“.