Die demütigende Behandlung von rund 430 ausländischen Gaza-Aktivisten in Israel ist international auf große Empörung gestoßen. In vielen ihrer Herkunftsländer wurden die israelischen Botschafter und Geschäftsträger in die Außenministerien einbestellt. Deutliche Kritik kam auch aus den USA.Als „vollkommen inakzeptabel“ bezeichnete Deutschlands Außenminister Johann Wadephul und der deutsche Botschafter in Tel Aviv, Steffen Seibert, das Verhalten des israelischen Polizeiministers Itamar Ben-Gvir gegenüber den festgenommenen Aktivisten. Es widerspreche „den Werten, für die Deutschland mit Israel gemeinsam stehen will, fundamental“, sagte Wadephul der Deutschen Presse-Agentur. Die Aktivisten wurden nach israelischen Angaben an diesem Donnerstag über die Türkei in ihre Heimatländer abgeschoben. Ein großer Teil von ihnen kommt aus Spanien und Italien.Ben-Gvir hatte am Mittwoch mehrere Aufnahmen veröffentlicht, in denen er inhaftierte und gefesselte Aktivisten verhöhnte – versehen mit dem hebräischen Kommentar: „So heißen wir Terrorunterstützer willkommen“. Auf Englisch schrieb er dazu: „Willkommen in Israel“.Eine Szene zeigt den Minister, der eine große israelische Flagge schwenkt, während im Hafen von Aschdod Aktivisten gezwungen werden, mit gesenktem Kopf auf dem Boden zu knien, und die israelische Nationalhymne über Lautsprecher ertönt. Ben-Gvir rief dabei auf Hebräisch: „Willkommen in Israel! Wir haben hier das Sagen!“ Anschließend ist zu sehen, wie Ben-Gvir einem gefesselten Mann, der mit ihm diskutiert, „Am Yisrael Chai“ („Das Volk Israel lebt“) zuruft. Als eine Aktivistin den Slogan „Freiheit für Palästina“ skandiert, packen Beamte sie am Kopf und stoßen sie zu Boden.Die Behandlung der Inhaftierten erinnerte laut Presseberichten an die Vorgehensweise israelischer Sicherheitskräfte gegenüber den gefährlichsten Terroristen in den Gefängnissen, die unter der Aufsicht von Ben-Gvirs Ministerium stehen. Die israelische Gefängnisbehörde betonte in einer Stellungnahme gegenüber der Zeitung „Haaretz“, dass die Inhaftierung der Aktivisten „gemäß den geltenden Verfahren und unter Berücksichtigung professioneller Erwägungen“ erfolgt sei.„Schwere und weitverbreitete Verletzungen“Die israelische Rechtshilfeorganisation „Adalah“ erhob schwere Vorwürfe gegen die Sicherheitskräfte. Laut einer Erklärung wurden die Inhaftierten körperlich misshandelt, was zu „schweren und weitverbreiteten Verletzungen“ geführt habe. Bei der Abfangaktion auf dem Meer sollen Elektroschockpistolen und Gummimantelgeschosse eingesetzt worden sein. Aktivisten seien außerdem „schwerer Erniedrigung, sexueller Belästigung und Demütigung ausgesetzt“ gewesen.Mehr als 430 Aktivisten der „Global Sumud“-Flottille waren am 14. Mai von Marmaris in der Türkei in See gestochen. Wie bei einer ersten Aktion im vergangenen Jahr, die Israel ebenfalls gestoppt hatte, wollten die Aktivisten die israelische Seeblockade vor dem Gazastreifen durchbrechen, einen humanitären Seekorridor öffnen und symbolisch Hilfsgüter liefern. Seit 2009 ist die Küste vor Gaza jedoch von den israelischen Behörden als militärische Sperrzone ausgewiesen.Netanjahu distanziert sich von Ben-GvirLaut der Website der Flottille hatten die israelischen Streitkräfte die Boote etwa 260 Kilometer vor der Küste des Gazastreifens gestoppt. Anfang Mai hatte Israels Marine in der Nähe von Kreta bereits mehr als 20 Schiffe geentert und etwa 170 Personen festgesetzt. Zwei Anführer wurden nach Israel gebracht, der Rest nach Griechenland.Israel habe das Recht, „provokative Flottillen von Hamas-Terroristenanhängern daran zu hindern, in unsere Hoheitsgewässer einzudringen und den Gazastreifen zu erreichen“, sagte jetzt Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der jedoch zugleich den von ihm ernannten Polizeiminister mit ungewöhnlich deutlichen Worten kritisierte. Der Umgang Ben-Gvirs mit den Aktivisten stehe „nicht im Einklang mit Israels Werten und Normen“, wurde Netanjahu zitiert.Außenminister Gideon Saar ging auf der Plattform X noch weiter. „Mit diesem beschämenden Auftritt haben Sie dem Staat vorsätzlich Schaden zugefügt, und das nicht zum ersten Mal“, schrieb Saar. In Berlin, wo der israelische Botschafter nicht einbestellt wurde, begrüßte man die Klarstellung des israelischen Außenministers.Die amerikanische Regierung übte sehr deutliche Kritik am israelischen Verbündeten und verurteilte Ben-Gvirs Handlungen als „verabscheuungswürdig“. Der amerikanische Botschafter in Israel, Mike Huckabee, schrieb auf der Plattform X: „Die Flottille war ein dummer Stunt, aber Ben-Gvir hat die Würde seiner Nation verraten.“ Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni nannte das Video und das israelische Vorgehen „inakzeptabel“. Außenminister Antonio Tajani forderte EU-Sanktionen gegen Ben-Gvir. Aus Italien stammen 29 Aktivisten.Spanien protestierte gegen die „monströse, unwürdige und unmenschliche“ Behandlung. In Spanien werden in der Nacht zum Freitag 44 Aktivisten zurückerwartet. In Madrid, Paris und London wurden die diplomatischen Vertreter Israels in die Außenministerien einbestellt. Auch die EU-Kommission, Polen sowie Regierungen in Südkorea und Indonesien protestierten.