Hoch auf einer Säule über dem nach ihm benannten Platz steht das Denkmal Jan van Eycks. Der Meister der altniederländischen Malerei trägt ein langes, priesterähnliches Gewand; in der Hand hält er einen Stift, auf dem Kopf ein voluminöses Gebilde aus Filz und Tuch. Gelassen blickt er über das Gewirr dicht besetzter Cafétische hinweg auf die überreich verzierte Fassade der Poortersloge.Hinter ihm endet die Gracht, die das Handelszentrum Brügge einst mit der Nordsee verband; vor ihm wurden jene Zölle entrichtet, die die Stadt reich machten und ihren Künstlern Wohlstand brachten. Die Poortersloge, die „Bürgerloge“, ist heute eine Galerie für zeitgenössische Kunst mit mehreren Veranstaltungen im Jahr. Wie ein Sinnbild verdeutlicht das Haus den Übergang von der Handelsmetropole zur Stadt der Künste.Rechts hinter van Eyck befindet sich an einer Haustreppe ein Gedenkschild für Georges Rodenbach. Rodenbach war Romancier und schrieb „Das tote Brügge“. Der Roman erzählt die düstere Geschichte des jungen Witwers Hugues, dessen Frau nach einer kurzen, glücklichen Ehe verstorben ist. Hugues zieht daraufhin in das für ihn tote Brügge, das ihm als das perfekte Symbol seiner Trauer erscheint: verregnet, geduckt, „mit hohen Türmen in ihren steinernen Kutten“.Depressiv wirkt Brügge heute nicht mehr.ddpAusgerechnet hier trifft er eine Tänzerin, die der Verstorbenen sehr ähnlich sieht. Hugues nimmt Jane unter Vertrag, staffiert sie immer mehr zu einem Avatar der Toten aus und lebt mit ihr ein skandalträchtiges Leben in einer schwarz-weißen, katholischen, niedergeschlagenen Stadt. Rodenbach experimentierte mit den Künsten. „Das tote Brügge“ war der erste Roman, dem eine eigene Fotostrecke von 35 Bildern beigegeben wurde. Mit Wort und Bild schafft Rodenbach eine beklemmende Seelenlandschaft. Häuser, Türme, Grachten, Straßen – alles grau in grau und menschenleer. Jan van Eyck wäre entsetzt gewesen über seinen Nachbarn.Der Roman endet dramatisch. Die Geliebte wird rüde. Sie vergreift sich am Allerheiligsten, dem langen, blonden, unter einem Glassturz geborgenen Zopf der Toten. Der Zopf ist die Tatwaffe: Hugues wird das Haar um ihren Hals winden.Touristen überrennen die depressive StadtBrügge – gesehen und gestorben. Will man eine solche Stadt besuchen? Romanhaft ist die reziproke Karriere der Erzählung. Nach ihrem Erscheinen 1892 wurde die angeblich so depressive Stadt von Touristen überrannt. Belesene Franzosen reisten an, um schwermütige Belgier zu erleben, wie sie in der Tradition katholischer Mönche starke Biere tranken. Patriotische Briten, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in organisierten Touren die Schlachtfelder von Glorious Waterloo aufsuchten, nahmen gern den Umweg über Brügge, um vorweg ein wenig morbides Flair zu atmen und starkes Bier zu trinken.Das tote Brügge wurde hip. Die Wollestraat ist überfüllt von Touristen in lebensfrohen Farben. In Kolonnen drängen sie sich auf den Bürgersteigen, elektronisch angeleint an den Sprechfunk der Stadtführerinnen. An der Kreuzung Roezenhoedkai, wo links Rodenbach das düstere Trauerhaus seines Protagonisten lokalisiert hat, geht es nach rechts in die Straße Dijver. In eine helle Welt.Hier wurde Anfang Mai das BRUSK eröffnet, ein multimediales Zentrum des Museumsviertels der Stadt. Das Dach des graphitgrauen Gebäudes scheint wie aus quadratischen, gerasterten Glasflächen nach der Art einer bekannten Schokoladenmarke zusammengeschmolzen. Die Wände sind fein gerippte Fenster. Lichtdurchflutet von oben und den Seiten, bietet das BRUSK weitläufige Flächen.Kreuzzüge als ExpeditionenNicht nur Ausstellungen, sondern auch Konzerte, Diskussionen, Workshops und auch Feiern sind hier möglich. Die eben eröffnete Ausstellung „Bigger Picture“ will die Tradition der vielfältigen Beziehungen zwischen den Weltregionen zeigen – und wählt dafür Brügge mit seiner Handelsgeschichte als Zentrum. Ausdrucksstärker noch als die allfälligen Wikingerschwerter und Rüstungen, auch sie eine Form des kulturellen Austausches, scheint das hohe Heckruder eines römischen Schiffs die Geschichte des Handels und des gegenseitigen Lernens anzuzeigen. Es wurde aus dem Brügger Hafen geborgen.Eine andere Form der Kontaktaufnahme waren Reisen in das Heilige Land, ob als Pilgerfahrten oder Kreuzzüge. Sie als Expeditionen zu begreifen, ist sicherlich ein origineller Zugang, auf jeden Fall kam man ins Gespräch. Dies zeigt ein schmales Buch, in dem in fremden Sprachen hilfreiche Formeln für Reisende festgehalten sind wie: „Ich habe mein Geld verloren!“ Die Ausstellung zeigt ein kupfernes Astrolabium zur Positionsbestimmung auf See, das einem Ibn Baso zugeordnet wird – einem Wissenschaftler, der 1316 in Granada starb. Neben dem Astrolabium erklärt das mehr als 1000 Jahre alte Buch des muslimischen Astrologen al-Biruni das Verständnis der Mathematik, die sogar in die Zukunft schauen kann.Der Kulturtransfer funktionierte auch in die Gegenrichtung: Der türkische Sultan Mehmet II ließ sich von Gentile Bellini malen. Diese realistische Malweise war in der Türkei selbst verpönt, aber Mehmet wollte sich in Europa vorstellen und wählte einen venezianischen Maler. Die Besucher verstehen, aus wie vielen Komponenten sich das Wissen der Gegenwart zusammensetzt.Zum bigger picture gehören auch Videos, in denen junge Leute in alltäglichen Situationen ihre Migrationsgeschichte erzählen. Die Filme werden am Ende eines langen Periskops ausgespielt, sodass den Betrachtern scheint, als würden sie aus der Ferne auf eine nahe, vertraute Situation schauen. Die Beziehungslinien, das will die Ausstellung zeigen, sind auch nach Jahrhunderten nicht abgerissen.Das BRUSK ist ein weiteres Objekt in einem größeren Projekt, dem Museumspark, in dem bis 2031 das BRUSK, das Groeningemuseum und das Forschungslabor BRON zusammengefügt werden. Nun gut, Bier und Pommes und Schokolade gehören auch dazu, aber Brügge betont sein Selbstverständnis als Stadt der Künste und der Wissenschaften. Eingebettet in eine romantisch bewahrte historische Szenerie. Der Besucher ist nun fröhlich gestimmt und macht Fotos in Farbe.