Flügel wachsen in diesen Tagen einem bedeutenden Industriedenkmal aus der langen Geschichte der Bad Nauheimer Salzproduktion. Was wörtlich zu verstehen ist. Die Rede ist vom historischen Mühlenturm am Gradierwerk an der Schwalheimer Straße, dessen Wiederherrichtung seiner früheren Funktion entsprechend kurz vor der Vollendung steht. So hat der ortsbildprägende Bau am südlichen Stadtrand nicht nur seine frühere Haube verpasst bekommen und die darunter liegende Galerie zurückerhalten.Ein auf Mühlenbau spezialisiertes Unternehmen aus dem Osnabrücker Land in Niedersachsen hat zudem das Innenleben des Turms wieder erschaffen. Nun kommen noch die auffälligsten Teile der Rekonstruktion hinzu – eben die Flügel. Bis zum Pfingstwochenende soll die Installation der Flügel vollendet sein. Denn dann wird die nach früherem Vorbild wiederentstandene Windmühle mit einem Fest gewürdigt. Die Feierlichkeiten finden zum Deutschen Mühlentag statt, der in diesem Jahr in Würdigung dieser Wiederaufbauleistung in Bad Nauheim stattfindet.Verein Wind- und Wasserkunst setzte sich für den Bau einZu verdanken ist die funktionstüchtige Rekonstruktion der Bad Nauheimer Windmühle, deren Flügel 1824 bei einem Orkan zerstört worden waren, beharrlicher privater Initiative. Die Idee, den Mühlenturm sozusagen als ein Wahrzeichen der einst bedeutenden Nauheimer Saline zu neuem Glanz nach altem Vorbild zu verhelfen, fand zwar sogleich viel Zuspruch. Die Begeisterung wich aber alsbald Nüchternheit, als die Stadt zu verstehen gab, dass sie in Anbetracht knapper Kassen und vieler anderer Projekte kein Geld für dieses Vorhaben bereitstellen könne. Gleichwohl ließen sich die Befürworter nicht entmutigen.Unvollendet: Dem Windmühlenturm zwischen den beiden Gradierwänden fehlen noch die Flügel.Lando HassSo wurde das Projekt Windmühle also nicht zu den Akten gelegt, vielmehr konstituierte sich der Verein Wind- und Wasserkunst, ein Zusammenschluss, der im Laufe der Jahre auf rund 200 Mitglieder nicht nur aus Bad Nauheim wuchs. Der rührige Vorstand und viele Mitglieder setzten sich mit Engagement dafür ein, den markanten Bau wiederherzustellen. Rekonstruktionspläne zu Architektur und Technik wurden entworfen und mit der Denkmalpflege abgestimmt, Gutachten zur Statik erstellt, ein Brandschutzkonzept vorgelegt.Es gelang, mit der Stadt eine Vereinbarung zu treffen, wonach die Kommune dem Verein den Turm für 30 Jahre unentgeltlich überlässt. Freilich nicht nur auf dem Papier leistete die Stadt doch noch einen Beitrag zu dem Vorhaben, indem sie die Fassade des Turms renovieren ließ. So wurden etwa Bruchsteine ausgebessert, neu verfugt. Es wurde ein neuer, heller Putz angelegt, aufgetragen nach dem Vorbild früherer Farbgebung, zusammengemischt nach einer speziellen Rezeptur, welche die Bausubstanz nun besser vor der feuchten, salzhaltigen Luft schützt, die beim Herabrieseln der Sole von den Gradierwänden entsteht. Bei dieser Gelegenheit hat man zudem die Fundamente trockengelegt und stabilisiert.Die Wiederherstellung der Mühlentechnik kostet rund eine Million EuroOb die damit erbrachten Vorleistungen nicht vergeblich waren, hing allerdings davon ab, ob es dem Verein gelingen würde, die aufwendige Wiederherstellung der Mühlentechnik finanziell zu stemmen, was am Ende alles in allem nach Auskunft des Vereinsvorstands rund eine Million Euro kosten wird. Tatsächlich sah es zunächst trotz Spendenbereitschaft nicht so gut aus. Gleichwohl, der Verein machte weiter, und es gelang im Laufe der Jahre, weiteres Geld über Spenden aus Wirtschaft und von Privatleuten zu akquirieren. Als dann über die Deutsche Stiftung Denkmalschutz eine größere Summe aus einem Nachlass in das Bad Nauheimer Projekt zur Verfügung gestellt werden konnte, stand die Finanzierung auf festen Füßen. Nachdem alle Unterlagen geprüft waren, kam dann auch die Baugenehmigung.Fertiggestellt: Der Wellenkopf, der den Flügel des Flügelrads aufnehmen wirdLando HassSo konnten sich die Bauleute daranmachen, in einem ersten Abschnitt die Galerie wieder zu errichten, eine am oberen Teil des Turms angebrachte hölzerne Konstruktion, von wo aus einst die Flügel gewartet wurden. Anschließend erfolgte der Aufbau der früheren drehbaren, mit Holzschindeln gedeckten Kuppel, an der die Flügel aufgehängt werden. Angebracht werden zwei jeweils gut zehn Meter lange Rotoren mit vier Flügeln, eine Konstruktion aus hölzernen Gittern, stabilisiert durch Metallstangen, bespannt mit Segeltuch, somit weitgehend authentisch, wie sie 1747 in Betrieb gingen. Zudem wurden Konstruktionspläne für den Wiederaufbau des Innenlebens entworfen, für Stangen, Räder, Winden und Schwingarme.Damit lässt sich nun wieder besichtigen und nachvollziehen, wie die Übertragung der Windkraft auf die Pumpen zur Beförderung der Sole auf die Gradierwerke vonstattenging. Das Zusammenwirken von Wellen und Zahnrädern dient zum anderen der Steuerung der Haube, die je nach Windrichtung ausgerichtet werden muss, damit sich die Flügel entsprechend drehen können. Wobei auch eine Bremsvorrichtung installiert wurde, die zum Einsatz kommt, wenn etwa der Wind zu stark bläst oder der Flügelbetrieb gedrosselt oder abgeschaltet werden soll.Blütezeit der Bad Nauheimer Saline im 18. und 19. JahrhundertBei alldem konnten die heutigen Mühlenbauer auf erhalten gebliebene historische Skizzen von Gradierwerkskonstrukteuren aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert zurückgreifen. So hatten etwa zwei Pioniere der Salzwerkkunde, die Bad Nauheimer Brüder Langsdorf, die Konstruktion von Haube und Flügeln bis ins Detail beschrieben. All das, was an stattlicher wie filigraner Technik wiederentstanden ist, sollen Besucher nach den Vorstellungen des Vereins künftig an Besichtigungstagen mit Führungen zu sehen und erläutert bekommen. Zudem könnte die Galerie zu einer Art Aussichtsplattform hergerichtet werden.Dass die früheren Salinenbetreiber solch aufwendige Anlagen errichten ließen, hat mit dem vergleichsweise niedrigen Salzanteil der in Bad Nauheim geförderten Sole zu tun. Da die Vorräte an Brennmaterial für herkömmliche Siedeverfahren immer wieder knapp waren, besann man sich aufs Gradieren, um damit höheren Salzgehalt durch Verdunsten zu erreichen. Zunächst entstanden sogenannte Leckwerke, mit Stroh und Lehm ausgestattete Wände. Später ließ sich die Sole mit Pumpen, angetrieben etwa mit Windkraft, auf höhere Gradierbauten befördern. Für weitere Verbesserungen sorgte Schwarzdorn, denn die stacheligen Zweige verteilen die herabfallenden Tropfen besser als Stroh und Schilf. Nach mehrmaligem Fallen über die Wände ließ sich der Salzgehalt von drei auf immerhin 16 Prozent steigern.Während der Blütezeit der Bad Nauheimer Saline im 18. und 19. Jahrhundert förderte man die Sole auf fast zwei Dutzend Gradierbauten mit einer Gesamtlänge von nahezu vier Kilometern. Aus der so in ihrem Salzgehalt gesteigerten Sole wurden in den Siedehäusern jährlich bis zu 5000 Tonnen des Minerals gewonnen. Erst um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts stellte die Saline ihren Betrieb ein, weil sie nicht mehr rentabel wirtschaften konnte. Heute dienen die Gradierwerke der Gesundheit. Einheimische wie Besucher schätzen es, die salzhaltige Luft einzuatmen, was die Atemwege befeuchtet und reinigt, und feine Salzkristalle lassen Schleimhäute abschwellen.