Sie haben kürzlich im „Tatort: Showtime“ den Bösewicht gegeben, den Star einer Kindershow, der in Wirklichkeit ein ziemliches Scheusal ist. Wie wirkt es sich aus, wenn man so eine prominente Gastrolle bekommt?In den vier Tagen danach haben sich schon viele Menschen gemeldet. Aber es hat auch nicht mein Leben verändert. Ich selbst war zumindest zufrieden. Das ist einer der wichtigsten Gradmesser, das bin ich nämlich nicht so oft. Es war auch die erste Rolle dieser Art, und da ist es jetzt auch gar nicht unbedingt so wichtig, wie die Resonanz von außen ist. Ich versuche ohnehin, mich davon ein bisschen frei zu machen. Aber man hat schon gemerkt, dass die Menschen das goutiert haben. Die Reaktionen waren durchweg positiv.Gab es schon neue Angebote in diese Richtung?Aus dieser Ecke der Branche kam bislang nichts mehr. Wäre das anders, wäre das auch ungewöhnlich schnell. Ich habe nicht allzu hohe Erwartungen.Wenn man sich so die Personen anschaut, die Sie parodieren, dann fallen davon mittlerweile so einige aus dem öffentlichen Bewusstsein. Gerät Ihr Geschäftsmodell dadurch nicht ins Schwanken?Das stimmt. Und doch bin ich auch durch Figuren bekannt geworden, die schon lange nicht mehr Thema sind wie Klaus Kinski oder Helmut Schmidt. Ich war lange der Überzeugung, Parodie muss aktuell sein, meistens sogar tagesaktuell. Aber es gibt natürlich die Figuren, die vielleicht noch eine andere Strahlkraft haben. Nur: Die werden immer seltener, darin gebe ich Ihnen total recht.Was bedeutet das für Ihre Arbeit?Ich habe das Gefühl, dass manches auch schnell wieder Schnee von gestern ist. Das schwingt immer mit bei der Entscheidung, jemanden zu spielen. So einen Aufwand zu betreiben für jemanden, von dem ich das Gefühl habe, er ist nächstes Jahr nicht mehr interessant. Das überlege ich mir zweimal. Aber ich parodiere auch gar nicht mehr so oft.Echt?Die letzte Rolle, die ich mir erarbeitet habe und die dann auch zur Ausstrahlung kam, war für die erste Staffel von „LOL: Last One Laughing“ der Torsten Sträter. Parodie ist tatsächlich aus meiner Perspektive mittlerweile eher eine Ausnahme.Haben Sie eigentlich etwas über die Figuren gelernt, die Sie parodiert haben?Eigentlich nichts. Der Prozess ist total handwerklich. Ich bin wie ein Skulpteur, der Ton bearbeitet. Oder wie ein Schnitzer, der dann nur noch immer feinere Details schnitzt. Ich verliere selber dabei den persönlichen Bezug zu der Person.Das überrascht …Erst ist das Gefühl: Auf wen habe ich Lust, oder mit wem mag ich mich nicht auseinandersetzen? Aber durch die Arbeit bildet sich eigentlich eine Distanz. Da wird die Person mehr und mehr zu einem Objekt. Die persönliche Empfindung und Haltung verblasst und tritt in den Hintergrund.Lernt man etwas über sich selbst? Was ist zum Beispiel, wenn man merkt, dass einem so ein Typ wie Kinski richtig Spaß macht?Manchmal erschrecke ich da schon selber. Aber ich glaube, das geht anderen Schauspielern genauso. Man merkt, dass man ausgerechnet den Choleriker gut spielt. Ich habe ihn ja auch im „Tatort“ wieder spielen dürfen.Fragen Sie sich manchmal, woran das liegen könnte?Ich glaube, dass Figuren, die outgoing sind, die vielleicht ein bisschen zur Extrovertiertheit neigen, mir grundsätzlich liegen. Das betrifft auch die Art, an die Sachen heranzugehen: erst mal so auf die Zwölf. Erstmal expressiv zu arbeiten macht mir Spaß. Also tatsächlich wie ein Bildhauer, der grob anfängt und sich dann in die Details vorarbeitet. Ich bin keiner, der vorsichtig beginnt. Aber ich bin mir auch nach 25 Jahren Berufsleben immer noch ein bisschen ein Rätsel. Das ist gut so. Man sollte vielleicht gar nicht zu viel darüber wissen, wie man selber funktioniert.Welche Personen interessieren Sie überhaupt noch?Wir wollten schon vor Jahren den Merz machen bei „extra 3“. Das hat sich aus physiologischen Gründen ausgeschlossen. Die Kopfform passt einfach nicht. Sonst macht mich momentan niemand so richtig an. Ich finde dadurch, dass der Wahnsinn generell um sich greift, fehlen die Spitzen, weil alles und alle so spitz geworden sind.Sie meinen, die Realität ist schon zu verrückt?Genau. Es ist gar nicht mehr so leicht, da satirisch noch eins draufzusetzen. Wie willst du einen Trump überhöhen? Die Realität ist schon extrem – und das zieht sich durch alle Bereiche. Ist Parodie noch die richtige Form? Ich weiß es wirklich nicht.Reden wir über Ihre Arbeit als Winzer. Ich lese immer wieder, dass die Weinbauern nicht gerade im Geld, sondern eher im eigenen Wein schwimmen, weil der nicht mehr gekauft wird. Was macht denn Ihr Wein, der „Gier“ heißt?Das Standbein Wein wird runtergefahren. Ich habe mir in den letzten Jahren zu viele verschiedene Projekte zugemutet. Ich widme mich jetzt vor allem der Kunst und der Malerei. Das ist mein großes neues Thema. Ich verzettele mich sonst. Ich habe das mit dem Wein daher reduziert, also nicht die Flüssigkeit, sondern die hineingesteckte Arbeit. Bis heute hab ich damit noch keinen Euro verdient, und dafür ist der Aufwand dann doch relativ hoch.Und die Karriere als bildender Künstler? Können Sie davon leben?Natürlich, ich könnte auch der nächste Richter werden, theoretisch (lacht). Nein, im Ernst: Der Vorteil ist, dass ich nicht auf die Einnahmen angewiesen bin. Das gibt mir viel Freiheit in der Art, wie ich male. Geld ist nicht der Grund, warum ich das mache. Sondern einfach die Leidenschaft und dass da offenbar irgendwas rausmuss. Ich glaube, ich habe dieses künstlerische Gen sehr lange unterdrückt.Nun läuft die neue Staffel des Comedy-Formats „LOL: Last One Laughing“ an. Worauf freuen Sie sich?Der Reiz ist immer das Zusammentreffen mit diesem Kreis. Ich bin das vierte Mal als Kandidat dabei. Da wird die Luft schon dünner. Ich habe mir ein halbes Jahr den Kopf zerbrochen und nach neuen Ideen gesucht. Das ist der Reiz für mich. Diese Auseinandersetzung: Was könnte man noch mal machen, was fällt mir Verrücktes ein, wie könnte man die anderen überraschen?Wer oder was ist die größte Herausforderung bei diesem Format, bei dem man die anderen zum Lachen bringen, sich aber selbst das Lachen verkneifen muss?Es sind ja immer wieder echte Hochkaräter dabei, und es ist schwer, jetzt Favoriten zu nennen. Aber dieser brachial anarchistische und unberechenbare Humor von Teddy (gemeint ist der Komiker Tedros „Teddy“ Teclebrhan) oder auch Martina Hill, das ist für mich immer besonders gefährlich.Warum?Weil es so ins Absurde geht. Da kann man sich nicht wappnen, man kann es nicht mit reinem Humorhandwerk vorhersehen. Bei Martina und Teddy wirkt es oft so, als würde es aus einer anderen Sphäre kommen, und dann kriegt’s mich oft doch noch.Noch ein Wort zu Ihrer Mediennutzung. Viele Kreative müssen immer schneller sogenannten „Content“ schaffen für die Social-Media-Maschine. Was nutzen Sie und was produzieren Sie?Mittlerweile ist das ja oft schon vertraglich festgelegt, wie viele Posts man für ein Projekt absetzen muss. Von daher ist es für mich auch eine Notwendigkeit, das zu machen. Ich bin aber als Konsument wahrscheinlich genauso abhängig wie die meisten anderen auch. Ich habe heute schon wieder mein Zeitlimit überschritten.Wie sähe das ideale Leben für Sie aus?Ich hätte ein Atelier, ganz klischeehaft, irgendwo in der Provence. Dort male ich den ganzen Tag. Auf den Medienrummel an sich kann ich gut verzichten. Kunst ist Balsam für die Seele.LOL: Last One Laughing läuft donnerstags bei Amazon Prime, heute starten Folge 3 und 4 der neuen Staffel.
Max Giermann über „Tatort“ und Comedy
Komik hat es schwer in diesen verrückten Zeiten. Das bekommt auch Max Giermann zu spüren. Hier erzählt er, wie es ist, einen „Tatort“-Bösewicht zu spielen, und was ihn in der neuesten Staffel von „LOL: Last One Laughing“ noch zum Lachen bringt.








