Elon Musk bekam vor einigen Monaten von Tesla ein außergewöhnliches Gehaltspaket. Wenn er mit dem von ihm geführten Autohersteller bestimmte Ziele erreicht, könnte es einen Wert von bis zu einer Billion Dollar haben und seinen Anteil am Unternehmen auf 25 Prozent fast verdoppeln. Mit der ihm eigenen Theatralik hat er die Entscheidung über sein Gehaltspaket zu einer Frage erklärt, von der die „Zukunft der Zivilisation“ abhänge, und er hat offen mit seinem Rücktritt gedroht, falls es ihm verwehrt würde.Er hat argumentiert, ein Anteil von 25 Prozent sei das richtige Maß, weil es ihm erheblichen Einfluss sichere, er aber noch immer entmachtet werden könne, falls er jemals „durchdrehen“ sollte.Musk kann sich nur selbst entlassenWie unaufrichtig das war, zeigt sich jetzt, da Musk SpaceX an die Börse bringt, sein wichtigstes Unternehmen neben Tesla. Der gerade vorgelegte Börsenprospekt legt offen, dass er sich hier weitgehend unantastbar gemacht hat. Nicht nur hat SpaceX im Gegensatz zu Tesla zwei Klassen von Aktien, was ihm eine Mehrheit der Stimmrechte verschafft. Das Raumfahrtunternehmen geht so weit, Entscheidungen über eine etwaige Ablösung Musks Inhabern der mit zusätzlichen Stimmrechten ausgestatteten Aktien vorzubehalten. Das bedeutet, Musk kann sich nur selbst entlassen.Anders als bei Tesla versucht er nun nicht einmal mehr den Anschein zu erwecken, es gebe ein Korrektiv für ihn, sollte er allzu sehr über die Stränge schlagen. Damit lässt er seine Maske fallen: Musk geht es um uneingeschränkte Kontrolle, und diesmal sichert er sie schon vor dem Börsengang ab. Die künftigen Aktionäre von SpaceX werden wenig zu sagen haben.SpaceX dürfte Börsengang der Superlative hinlegenDas sollte eigentlich ein Alarmsignal sein, wird aber vermutlich die Begeisterung rund um SpaceX an den Finanzmärkten kaum dämpfen. Es dürfte ein Börsengang der Superlative werden. Das Unternehmen will rund 75 Milliarden Dollar einsammeln, mehr als jemals ein Börsendebütant zuvor. Es peilt eine Marktkapitalisierung um 1,75 Billionen Dollar an und wäre damit wertvoller als Tesla. Der Börsengang wird einen Höhepunkt in einer Erfolgsgeschichte markieren, die Musk in einem alles andere als einfachen Markt geschrieben hat und für die ihm auch viele seiner Kritiker zähneknirschend Respekt zollen.SpaceX wurde 2002 gegründet und führt heute eine neue Generation von Unternehmen an, die mehr privatwirtschaftliche Dynamik in die Raumfahrt bringen. Musk hat SpaceX zu einem unverzichtbaren Partner der US-Raumfahrtbehörde NASA gemacht und nebenbei die marktbeherrschende Sparte Starlink aufgebaut, die mit einem rasant wachsenden Netz an Satelliten Internetzugänge aus dem Weltall bereitstellt. In seinen wichtigsten Märkten ist SpaceX heute besser aufgestellt als Tesla, der Autohersteller blickt auf zwei Jahre mit sinkenden Verkaufszahlen zurück.SpaceX ist aber auch zu einem Paradebeispiel für fragwürdige Finanzakrobatik in Musks Imperium und damit verbundene Interessenkonflikte geworden. Vor wenigen Monaten erwarb das Unternehmen X.AI, einen Entwickler Künstlicher Intelligenz, der seinerseits im vergangenen Jahr die Onlineplattform X übernahm. Die industrielle Logik hinter diesen Manövern leuchtet nur schwer ein, und es drängt sich der Eindruck auf, dass Musk seine schwächeren Unternehmen von stärkeren auffangen lässt.Musk hat es geschafft, dass die Börse an ihn andere Maßstäbe anlegt als an andere Unternehmer. Teslas Billionenbewertung ist mit dem schwächelnden gegenwärtigen Autogeschäft nicht annähernd zu rechtfertigen. Sie erklärt sich damit, dass Anleger an Musks Verheißungen einer Zukunft glauben, in der das Unternehmen vor allem Roboterautos und humanoide Roboter verkauft. Wie oft und wie weit er in der Vergangenheit seine eigenen zeitlichen Prognosen verfehlt hat, wird dabei ignoriert. Auch SpaceX bewirbt er nun mit futuristischen Visionen. Er spricht davon, eine Million Rechenzentren im Weltall betreiben und eine Kolonie mit einer Million Menschen auf dem Mars etablieren zu wollen. SpaceX könne eines Tages mehr wert sein als die ganze globale Wirtschaft.Gewiss wird Musk reichlich Investoren finden, die sich von seinen Versprechungen in den Bann ziehen lassen. Manche von ihnen dürften von der Angst getrieben sein, etwas zu verpassen. Aber wer Aktien von SpaceX kauft, muss sich auf erhebliche Kompromisse einlassen. Dazu gehört es, auf Mitsprache zu verzichten und zu akzeptieren, dass Musk womöglich seine eigenen Interessen über diejenigen der anderen Aktionäre stellt. Der Börsenprospekt lässt keinen Zweifel daran: SpaceX ist Musks Königreich.