Das sei ihm noch nie passiert, klagt der Starpianist Evgeny Kissin fassungslos in die Handy-Kamera. Als er kürzlich bei einem Konzert in Chicago dem frenetisch applaudierenden Publikum noch ein paar Zugaben bieten wollte, sagte man ihm hinter der Bühne, es sei nur Zeit für höchstens eine. Kissin spielt leidenschaftlich gerne Zugaben – in Salzburg waren es einmal 13 Mazurken und Walzer von Chopin, und der Hausmeister, Herr der Beleuchtung, lief schon demonstrativ zwischen Podium und Publikum auf und ab. Kissin blieb unbeirrt, seine Zugaben passen immer perfekt zum vorhergehenden großen Konzertprogramm.Gleiches erlebt man, wenn Daniil Trifonov am Ende Franz Liszts „La campanella“ traumwandlerisch in die Tasten tupft oder ein stilles Stück von Bach. Aber auch, wenn die oft unterschätzte Yuja Wang mit einer Höchstgeschwindigkeitsvariante von Rimski-Korsakows „Hummelflug“ das Publikum aufpeitscht. Das ist so viel mehr als schiere Virtuosität, ja, manchmal ist nach dem Konzert tatsächlich vor dem Konzert. Wenn der Pianist sein Pflichtprogramm hinter sich hat und sich auf einmal völlig befreit neu findet und zeigt. Mit Zugabenstücken, die wie kleine Homestorys klingen. Der Künstler privat, ungeschützt, posenlos.Eric Clapton:Eigentlich geht es nicht mehrDer große Gitarrist und Schmerzensmensch Eric Clapton gibt, merklich beeinträchtigt, ein Konzert in München. Es war wohl sein letztes dort. Und es war trotz allem: ein riesiges Glück.Solcherlei Zugaben hat man als festen Bestandteil im Gedächtnis, tiefer manchmal als das eigentliche Konzert. Umgekehrt gibt es Zugabenmuffel, die jegliches Bonusprogramm verweigern. Das muss nicht Geiz sein, das ist mitunter eine lobenswerte künstlerische Entscheidung. Denn was will man nach Ludwig van Beethovens letzter Klaviersonate noch spielen? Da ist die folgende Schweigeminute eines aufmerksamen Publikums die schönste Zugabe.Erst der große Pianist sagt: Es ist genugUnd: Nicht immer sind Zugaben ein Genuss. Meist wählen die Künstler oder die Konzertveranstalter kürzere, unproblematische, unterhaltungsähnliche Musik. Dabei kann man sich gründlich irren. Ein Ländler von Franz Schubert etwa, mag er noch so lustig klingen, ist nicht unbedingt belangloses Geplänkel, sondern bewegt sich mitunter am Rande einer grundstürzenden Depression. Der ein halbes Jahrhundert später komponierende Gustav Mahler hat das auch so gehört und die Wiener Heurigenmusik in seinen Symphonien zu gewaltigen Sehnsuchts- und Verzweiflungsorgien verarbeitet.Pop:„Am Ende hat er gesagt: ‚Ja, Papa, kannste machen‘“Woran merkt man, dass es Zeit wird aufzuhören? Und was, wenn sich dabei nicht alle einig sind? Sänger Campino über das Ende der „Toten Hosen“ und einen Song, den er sich jetzt erst getraut hat: für seinen Sohn.Dennoch kann man so einen Ländler von Schubert auch ganz unbedarft lustig dreingeben, und man erlebt das selbst bei renommierten Pianisten. Aber wenn man solch ein vermeintlich belanglos hüpfendes Volkstänzchen an die weltumarmende, kosmisch ausgreifende B-Dur-Sonate von Schubert anhängselt, dann ist mit einem Mal die tief menschliche Wirkung dieser Sonate und des ganzen Konzertereignisses zernichtet. Es ist der gleiche desaströse Effekt, der sich einstellt, wenn euphorisierte Hörer oder solche, die sich ein bisschen produzieren wollen, in den Schlussakkord hineinklatschen oder mit Bravorufen eine einstündige Symphonie in Sekundenbruchteilen atomisieren.Das kann man mit einer einzigen falsch gewählten oder missverständlich gespielten Zugabe erreichen, und es gibt Abende, da wünscht man sich, Zugaben wären grundsätzlich verboten. Umgekehrt will man bei Daniil Trifonov, Yuja Wang oder Evgeny Kissin immer noch mehr. Der Virtuose Trifonov spürt das und reagiert dann mit einem sehr leisen, ruhigen Stück, das auf herrlich subtile Weise sagt: Es ist genug.
Nur eine Zugabe für Evgeny Kissin? Skandal!
Denn manchmal ist nach dem Konzert tatsächlich vor dem Konzert: Dann wagt es der Pianist, sich in kleinen Stücken privat, ungeschützt und posenlos zu zeigen.








