Wolfgang Kubicki ist wieder auf Mission. Jetzt soll der 74 Jahre alte Politiker die FDP der Bedeutungslosigkeit entreißen. Am 30. Mai will er sich auf dem Bundesparteitag zum Parteivorsitzenden wählen lassen. Den letzten Mitbewerber – den nordrhein-westfälischen FDP-Landeschef Henning Höne – hat er schon Tage vorher aus dem Rennen geworfen, indem er ihn auf seine Seite gezogen hat.Seitdem Kubicki an Ostern seine Kandidatur für das Spitzenamt bekannt gab, erfreuen sich die Freien Liberalen wieder größerer Aufmerksamkeit. Weniger bekannt als seine politische Tätigkeit dürfte dagegen seine Arbeit als Strafverteidiger sein. Dabei hat auch die schon für Furore gesorgt. Das Enfant terrible des Berliner Politikbetriebs spielt deshalb eine zentrale Rolle in der vierten Folge der F.A.Z.-Podcastserie „Die VW-Story“.„Wie eine Erzählung aus einer anderen Welt“Mit dem Volkswagen-Konzern kommt Kubicki vor mehr als zwanzig Jahren als Verteidiger des ehemaligen Personalmanagers Klaus-Joachim Gebauer in Kontakt. Damals geht es um eine Affäre, die als „Lustreise-Skandal“ in die Geschichte eingegangen ist und die auch heute noch ein grelles Licht auf die delikaten Verstrickungen zwischen Politik, Gewerkschaften, Management und einer flamboyanten Eigentümerfamilie wirft. Wer die Hintergründe dieses Skandals kennt, versteht auch besser, wie der Dieselskandal entstehen konnte, der eine Dekade später ans Licht kommt.Mächtige Betriebsräte, allen voran der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Klaus Volkert, fuhren auf Kosten des Konzerns durch die Welt. Nicht nur, um sich über die Betriebsstätten und die Arbeitsbedingungen vor Ort zu informieren, wie im Jahr 2005 herauskam, sondern auch, um sich mit Prostituierten zu vergnügen. Das System konnte gedeihen, weil der ehemalige VW-Manager und Politikberater Peter Hartz in guter Absicht die Arbeitnehmervertreter als Ko-Manager installieren wollte.Lange begriff Hartz dabei nicht, dass er auf die schiefe Bahn der Korruption geraten war, wie es die F.A.Z.-Autorin Inge Kloepfer beschreibt. Hartz wurde damals in den Strudel strafrechtlicher Ermittlungen gezogen – nachdem Kubicki dem Fall eine entscheidende Wendung gegeben hatte. Sein Mandant Gebauer packte über die Machenschaften der VW-Granden aus und sorgte damit für einen öffentlichen Aufschrei.Zwei Jahrzehnte später, in seinem Berliner Bundestagsbüro, berichtet Kubicki mit unverhohlenem Vergnügen von diesem Mandat, das er als das „lustigste“ seiner gesamten Karriere bezeichnete. „Ich habe selten so viel in einem Strafverfahren gelacht wie in diesem.“Zugriff auf die VW-GeldschatulleGebauer hatte damals als „Maître de Plaisir“ und mit dem Zugriff auf die VW-Geldschatulle eine zentrale Rolle, die ihn körperlich auslaugte, wie Kubicki berichtete. „Das klang immer irgendwie wie die Erzählung aus einer anderen Welt, als hätte jemand da irgendwie Rauschmittel zu sich genommen und würde jetzt fabulieren, wie ein Weltkonzern aufgestellt ist“, sagt der FDP-Politiker. Bedauerlicherweise habe sich zum Schluss herausgestellt, dass Gebauer nichts Falsches erzählt habe – „und dass es vielleicht sogar noch manifester war, als ich das am Anfang für möglich gehalten habe“.Es war eine Affäre, die auch die IG Metall in eine tiefe Krise gestürzt hat. Dieser Skandal habe die Mitbestimmung klar diskreditiert, betont die IG-Metall-Chefin Christiane Benner heute. Nur einer konnte sich damals elegant jeglicher Verantwortung entziehen: der VW-Patriarch Ferdinand Piëch.Den Stuttgartern ging das Geld ausSeine Ära war geprägt von kompromisslosem Aufstiegswillen und von großen Erfolgen, aber auch von Skandalen und von Machtkämpfen innerhalb der Familien Porsche und Piëch. Die Auseinandersetzung mit Piëchs Cousin Wolfgang Porsche gipfelte in der Übernahmeschlacht in den Jahren 2005 bis 2009 – damals versuchte der Sportwagenhersteller Porsche, Keimzelle des Aufstiegs der Familie, den weit größeren VW-Konzern zu übernehmen.Das Projekt scheiterte krachend, dem Stuttgarter Unternehmen ging sprichwörtlich das Geld aus. Und am Ende drehte VW unter der Führung von Ferdinand Piëch den Spieß um und übernahm den Sportwagenhersteller Porsche.Dass die Politik in Hannover und Berlin in diesem Ringen maßgeblich involviert war, wirft ein Schlaglicht auf das Geflecht, das den VW-Konzern bis heute umgibt. Auch die Justiz war noch über Jahre mit der Aufarbeitung beschäftigt, Investoren warfen Porsche unter anderem vor, sie über die geplante Übernahme von VW nicht rechtzeitig informiert zu haben. Erst im Jahr 2022 wurde das Thema abgeschlossen, ein Gericht wies die Klagen der Investoren zurück.
Die VW-Story: Was der Lustreise-Skandal über VW offenlegt
Vor mehr als zwanzig Jahren kommt in Wolfsburg eine Affäre ans Licht, die viel über das Geflecht aus Politik, Management und IG Metall aussagt – auch heute noch.











