Ohne ihn ist ein Deal mit den USA unwahrscheinlich: Raúl Castro bleibt die graue Eminenz in KubaMit einer Blockade der Erdöllieferungen an Kuba versuchen die Amerikaner, das kommunistische Regime in die Knie zu zwingen. Wer ist der Altrevolutionär, der auf Kuba immer noch das letzte Wort hat?30.03.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenTritt auch mit 94 Jahren noch immer in olivgrüner Uniform mit Generalssternen auf: Raúl Castro.Desmond Boylan / APSeit 2021 hat Raúl Castro keine offiziellen Ämter mehr inne ausser einem Sitz in der Nationalversammlung, dem kubanischen Parlament. Dieses tagt nur zweimal pro Jahr. Doch der 94-jährige Bruder des verstorbenen Revolutionsführers Fidel Castro spielt hinter den Kulissen immer noch eine bedeutende Rolle. Keine wichtige politische Entscheidung wird gegen seinen Willen gefällt. Der von ihm ausgewählte Nachfolger als Staats- und Parteichef, Miguel Díaz-Canel, ist ein uncharismatischer Bürokrat, der unter den Kubanern noch weniger Ansehen geniesst als sein Mentor.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Raúl Castro hat Miguel Díaz-Canel als seinen Nachfolger eingesetzt. Doch das letzte Wort reserviert er immer noch für sich.Adalberto Roque / Pool / EPA AFP PoolIn welcher Rolle sich Raúl Castro auch heute noch sieht, kam bei einem Vorfall im Parlament im Dezember 2023 klar zum Ausdruck. Der Industrieminister hatte gerade einen wenig rühmlichen Bericht zur wirtschaftlichen Lage verlesen und das Wort dem Parlamentspräsidenten zurückgegeben. Da steht der einfache Abgeordnete Raúl Castro unvermittelt auf und entzieht dem Parlamentspräsidenten das Wort. Er schreit in den Raum, lobt den Industrieminister und erklärt, dieser verdiene einen Applaus. Dann befiehlt er den Abgeordneten, sich zu erheben und dem Minister zu applaudieren. Was sie dann alle auch taten.Raúl sieht sich immer noch als oberste Autorität der kubanischen Revolution und wird von seinen «Untergebenen» auch als solche akzeptiert. Er tritt weiterhin bei wichtigen Veranstaltungen öffentlich auf, immer in olivgrüner Militäruniform mit vier Generalssternen – etwa im letzten Dezember im Parlament oder im Januar bei der Abdankungsfeier für die 32 beim amerikanischen Angriff auf Venezuela getöteten Kubaner. Daher überrascht es nicht, dass im Februar sein Enkel zu Verhandlungen mit dem amerikanischen Aussenminister Marco Rubio vorgeschickt wurde.Stets im Schatten des grossen BrudersRaúl stand seit seiner Kindheit im Schatten seines um fünf Jahre älteren Bruders Fidel. Er folgte ihm als Guerillakämpfer und später als Staats- und Parteichef, erreichte jedoch nie das Ansehen, das sein Bruder zumindest in den frühen Jahren des Revolutionsregimes genoss. Bis zu Fidels Tod 2016 hatte er sich diesem immer diskussionslos untergeordnet. Ihm fehlt das Charisma des «máximo líder».Ein ungleiches Brüderpaar. Raúl hat sich immer Fidel untergeordnet.Jose Goitia / APGrossartige Auftritte und lange Reden sind nicht sein Stil. Er gilt als wortkarg und als einer, der sich im Hintergrund hält. In der kubanischen Macho-Gesellschaft half es seinem Standing auch nicht, dass immer wieder Gerüchte über seine angeblichen homosexuellen Neigungen die Runde machten. Als seine Tochter Mariela als Direktorin des Nationalen Zentrums für Sexualaufklärung zu einer einsamen Aktivistin für die Rechte der Homosexuellen wurde, schienen sie sich für viele Kubaner zu bestätigen.Die beiden Castros wurden zusammen mit fünf weiteren Geschwistern in eine ländliche Familie im äussersten Osten Kubas geboren, weit weg vom Glamour der Hauptstadt Havanna. Ihr Vater war ein spanischer Einwanderer, der zum Grossgrundbesitzer aufgestiegen war. Ihre Mutter arbeitete als Haushälterin für den Vater, bis er sie nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete.Nach Primarschuljahren an seinem Geburtsort folgte Raúl seinem Bruder auf ein Internat in der Provinzhauptstadt Santiago und anschliessend auf eine Jesuitenschule in Havanna. Im Gegensatz zu Fidel war er aber ein schlechter Schüler und musste deshalb ohne Abschluss auf den väterlichen Hof zurückkehren. Mit Fidels Hilfe gelang es ihm später doch noch, in Havanna ein Studium in Verwaltungswesen aufzunehmen. Einen Abschluss hat er aber nie gemacht.Raúl folgt Fidel in den GuerillakampfNachdem der kubanische Autokrat Fulgencio Batista durch einen Militärputsch einer Wahlniederlage zuvorgekommen war, bildete Fidel eine bewaffnete Widerstandsgruppe. Raúl schloss sich ihr an. Die Gruppe griff 1953 die Moncada-Kaserne in Santiago an, scheiterte dabei aber kläglich. Die beiden wurden daraufhin zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt, kamen aber 1955 durch eine Generalamnestie frei und gingen nach Mexiko ins Exil. Dort bereiteten sie sich mit einer knapp hundertköpfigen Guerillagruppe, der auch Ernesto Che Guevara angehörte, für eine Rückkehr nach Kuba vor. Doch diese wurde wiederum zum Fiasko. Bei der vermeintlich geheimen Landung mit der Motorjacht «Granma» wurden sie von der kubanischen Armee erwartet und angegriffen. Nur zwölf Guerilleros überlebten, unter ihnen Fidel und Raúl.Die Überlebenden flohen in die Berge im Osten Kubas und bauten dort unter Fidels Führung mit Unterstützung örtlicher Kleinbauern eine Guerillaarmee auf. Raúl wurde zu einem der Kommandanten der Guerilla, die schliesslich über dreitausend Mann zählte und auf Havanna vorrückte. In der Silvesternacht 1958 flüchtete der Diktator Batista in die Dominikanische Republik, und die Rebellen zogen in die Hauptstadt ein.Raúl Castro (links) und Che Guevara an einer Gedenkfeier zur Erinnerung an den Angriff auf die Moncada-Kaserne.Lee Lockwood / The Chronicle CollectionRaúl diente darauf während über vierzig Jahren als Verteidigungsminister und Nummer zwei des Regimes. Er machte die Fuerzas Armadas Revolucionarias, die revolutionären Streitkräfte Kubas, zu einer schlagkräftigen Armee, welche 1961 erfolgreich die Invasion in der Schweinebucht abwehrte. Gut 1400 von der CIA ausgebildete, finanzierte und aus der Luft unterstützte Exilkubaner versuchten damals erfolglos, das Castro-Regime zu stürzen. Später kämpfte Raúls Armee in Afrika an der Seite von sozialistischen Bewegungen.An die Spitze des RegimesRaúl spielte damals auch eine Schlüsselrolle in den Beziehungen zur Sowjetunion. Im Gegensatz zu Fidel, der erst später auf eine kommunistische Linie umschwenkte, war Raúl bereits in Studentenzeiten der Sozialistischen Jugend und der nach Moskau orientierten Sozialistischen Volkspartei beigetreten. Er reiste wiederholt nach Moskau und wirkte als Vertrauensperson der Sowjetunion in Kuba.Raúls Stunde schlug, als Fidel im fortgeschrittenen Alter schwer an Darmproblemen erkrankte. Für Fidel war Raúl der zwingende Nachfolger, um die Weiterexistenz des Regimes zu garantieren. Er pries ihn als denjenigen mit der grössten Autorität, der grössten Erfahrung und den besten Fähigkeiten, ihn zu ersetzen. 2006 übernahm Raúl interimistisch die Präsidentschaft, zwei Jahre später definitiv. 2011 gab Fidel auch das Amt des Parteichefs an ihn ab.Obwohl Raúl seit seiner Jugend ideologisch rigider war als Fidel, zeigte er sich nun pragmatischer und reformfreudiger als sein Bruder. Mit dem Ende der Sowjetunion war Kuba in eine schwere Krise gestürzt, die Reformen immer dringender machte. Im Gegensatz zu seinem tatkräftigen, aber impulsiven und schlecht organisierten Bruder zeigte sich Raúl als Regierungschef als methodischer Organisator.Zaghafte ReformenRaúl sah, dass das kubanische Regime reformiert werden musste, um dessen Fortbestand zu sichern. Mit einer sanften wirtschaftlichen Öffnung erlaubte er private Kleinunternehmen, etwa Restaurants oder die Vermietung von Zimmern an Touristen. Insgesamt wurden rund 200 Gewerbetypen – streng reguliert – für die private Initiative zugelassen. Private Bauernbetriebe wurden gefördert, und die Staatsbetriebe wurden angehalten, effizienter zu produzieren. Vor einer umfassenden Öffnung der Wirtschaft, etwa nach chinesischem Modell, schreckte er aber zurück. Die Reformschritte erfolgten aus Not, nicht aus Überzeugung. Falls möglich wurden sie auch wieder zurückgenommen. Staat und Partei sollte die Kontrolle über die Wirtschaft keinesfalls entgleiten.Statt an die Kraft einer freien Wirtschaft glaubte Raúl vor allem an effizientes Wirtschaften durch seine Streitkräfte. Soldaten setzte er in der serbelnden Landwirtschaft ein und liess den dem Militär gehörenden Gaesa-Konzern unter der Leitung seines Schwiegersohns General Luis Alberto Rodríguez massiv ausbauen. Gaesa ist heute für rund 40 Prozent der Wirtschaftsleistung verantwortlich.Aussenpolitisch willigte Raúl in eine Annäherung an die USA ein, etwas, das von Fidel immer abgelehnt worden war. Auch hier dürften wirtschaftliche Interessen eine Hauptrolle gespielt haben. Seit 1962 war die kubanische Wirtschaft im Korsett amerikanischer Sanktionen gefangen. Von deren Lockerung konnte Raúl Auftrieb für die kubanische Wirtschaft erwarten.Geheimgespräche unter Vermittlung des Vatikans ermöglichten 2015 die Wiederherstellung voller diplomatischer Beziehungen zwischen Kuba und den USA. 2016 besuchte Barack Obama als erster amerikanischer Präsident seit der Revolution die Insel. Das Land wurde für amerikanische Touristen geöffnet. Doch das Tauwetter dauerte nur kurz. Nach seiner Amtsübernahme 2017 verschärfte Präsident Trump die Sanktionen gegen Kuba wieder.Letztlich konnte Raúl Castro den weiteren Zerfall der kubanischen Wirtschaft nicht aufhalten. Durch die Covid-Pandemie verschärfte sich die Situation dramatisch. Die Touristen als eine der wichtigsten Devisenquellen blieben weg und kamen auch danach nicht mehr in der früher gewohnten Zahl zurück. Die Trump-Regierung strich den Europäern, welche Kuba besuchten, die Möglichkeit zur visafreien Einreise in die USA. Inzwischen hatte Raúl aber die Regierungs- und Parteigeschäfte bereits an seinen Nachfolger Miguel Díaz-Canel übergeben.Vielleicht ist Raúl bis heute unersetzbar, um das kommunistische Regime zusammenzuhalten. Jedenfalls macht er keinerlei Anstalten, sich zurückzuziehen. An der VI. Nationalen Konferenz der Vereinigung der Kämpfer der kubanischen Revolution vor einem Jahr rief er ins Publikum: «Ich bin noch jung! Hat irgendjemand Zweifel daran?» Das in Spanien ansässige, regimekritische Nachrichtenportal CiberCuba kommentierte dazu sarkastisch: «Mit fast 94 Jahren bekräftigt der Mann, der einst ein bartloser Rebell mit hoher Stimme war und blass vom ständigen Schatten seines Bruders, seine Absicht, eine zentrale Figur innerhalb der Machtstruktur Kubas zu bleiben. Dies, obwohl er Miguel Díaz-Canel zum Herrscher ernannt hatte.»Jedenfalls wird der Altrevolutionär bestimmen wollen, wie weit Kuba den amerikanischen Forderungen entgegenkommt. Seine Lebensgeschichte lässt vermuten, dass er eine echte Öffnung Kubas unter allen Umständen verhindern will.Passend zum Artikel
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