Vor sechs Jahren sparten sie nicht gerade mit Superlativen. Bei der Grundsteinlegung in Nördlingen kündigte der damalige Varta-Chef Herbert Schein an, dass der Standort künftig „die modernste Lithium-Ionen-Batteriezellenfabrik“ sein werde. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) schwärmte, dass „in Deutschland die Batterie im Süden zu Hause“ ist. Der damalige Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) schaute ebenso vorbei wie Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW), der gleich von einem „neuen Selbstbewusstsein“ in Deutschland sprach.Auf diese teils ekstatischen Worte folgten sehr konkrete Taten: Der Bund und der Freistaat förderten Varta mit 300 Millionen Euro Steuergeld, 100 Millionen Euro davon waren für Nördlingen bestimmt. Ein großer Teil davon wiederum floss aus dem bayerischen Haushalt an die Batteriefirma, rund 23 Millionen Euro. Bis 2024 wurden insgesamt 137 Millionen Euro abgerufen. Doch von dieser regelrechten Aufbruchsstimmung damals ist nun wenige Jahre später nichts mehr übrig.Am Dienstag erfuhr die Belegschaft in einer Versammlung davon, dass Vartas größter Kunde angekündigt habe, seine Batterien nicht mehr in Nördlingen kaufen zu wollen. Bei dem Kunden handelt es sich um den Digitalkonzern Apple. In den vergangenen Jahren bereits hatte das US-Unternehmen Coin-Power-Zellen – winzige Batterien – für seine „Airpods“ in Nördlingen produzieren lassen. Dem Vernehmen nach hat Apple Varta bei der neuen Produktreihe nun aber nicht mehr berücksichtigt.Apple erklärte auf SZ-Anfrage, dass die Entscheidung gegen Varta nicht aus Kostengründen gefallen sei. Man habe über Jahre eng mit dem Unternehmen zusammengearbeitet und versucht, Varta als Zulieferer zu halten. Die Erwartungen hätten sich jedoch trotz Unterstützung nicht erfüllt, weshalb Apple nach „alternativen Lösungen“ gesucht habe. Der Konzern betonte seine enge wirtschaftliche Verbindung zu Deutschland: Apple beschäftigt nach eigenen Angaben hierzulande mehr als 4500 Mitarbeiter und arbeitet weiterhin mit deutschen Zulieferern wie Bosch, Infineon oder Trumpf zusammen. Für die 350 Angestellten, die ihre Jobs in Nördlingen bald verlieren werden, ist das aber wohl nur ein schwacher Trost.Und so muss Varta-CEO Michael Ostermann am Mittwoch schlechte Nachrichten erklären. Schon vor dem Videocall nimmt er seine Brille ab. Er braucht sie nicht. Er kennt die Zahlen sowieso schon. Sie sehen beim schwäbischen Batteriehersteller seit Jahren nicht mehr gut aus.Im Juli 2024 meldete Varta ein vorinsolvenzliches Sanierungsverfahren an. Der Aktien-Konzern hatte hohe Schulden, rund eine halbe Milliarde Euro. Sie stammten auch vom Vorzeige-Werk in Nördlingen. Varta dachte in der schwäbischen Provinz groß: Eine Serienproduktion in Nördlingen für die Lithium-Ionen-Batterien – kleine Kraftpakete, die die Firma insbesondere für die aufkommenden kabellosen Kopfhörer herstellte. „Wir haben dafür einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag investiert“, sagt Ostermann. Diese Summe, sie stützte sich vor allem auf das Vertrauen in einen Geschäftspartner: Apple.Ostermann nennt ihn öffentlich nur „den Kunden“. „Wir haben eine vertragliche Verpflichtung. Deshalb können wir den Namen des Kunden nicht nennen“, sagt der Vorstandsvorsitzende. Dass es sich dabei um Apple handelt, gilt allerdings als offenes Geheimnis. Und mit dem Tech-Giganten aus dem Silicon Valley schien es jahrelang hervorragend zu laufen: Zu Spitzenzeiten beschäftigte die Knopfzellen-Produktion in Nördlingen über 600 Mitarbeiter, fertigte gut hundert Millionen Batteriezellen pro Jahr.Doch mit der Zeit machte sich der Kunde rarer. Die Bestellungen wurden kleiner, die Mitarbeiterzahl in Nördlingen ebenso. Es heißt, Apple habe Beziehungen mit chinesischen Lieferanten aufgebaut. Der Kostendruck auf Varta stieg. „Das Werk war zuletzt nicht mehr profitabel“, sagt Ostermann. Der CEO spricht von Standortnachteilen im globalen Wettbewerb: höhere Energie- und Personalkosten, der schwache US-Dollar, der zuletzt die Einnahmen drückte, die überbordende Bürokratie. Allein die neue Verpackungsverordnung der EU beschäftige aktuell mehrere Mitarbeiter, erzählt der CEO. Nur: Mit ordentlichen Verpackungen lassen sich Konkurrenten aus China nicht besiegen.Auch deshalb war dem Varta-CEO schon fast klar, dass dieser Tag kommen wird. Der Tag, an dem „der Kunde“ keiner mehr ist. Varta hat versucht zu diversifizieren, hat Verträge mit anderen Firmen abgeschlossen, die ebenfalls Lithium-Ionen-Batterien benötigen. Doch diese Kunden sind eben nicht Apple, nicht „der Kunde“, der Abermillionen Zellen in Auftrag gibt. „Damit können wir das Werk in Nördlingen bei Weitem nicht auslasten“, sagt Ostermann.Die Strategie, auf Apple als Großkunden zu setzen, ist für Varta am Ende nicht aufgegangen. Das weiß wohl auch CEO Ostermann, seit 2024 im Amt, auch wenn er sich mit Vorwürfen an seine Vorgänger zurückhält. „Im Nachhinein kann man immer schlau daherreden.“ Trotzdem räumt er ein, dass bei dem Kunden „ein Stück weit eine Abhängigkeit“ entstanden sei.„Wir sortieren gerade unsere Truppen“Bei Varta geht es nun vor allem um Schadensbegrenzung. Mitarbeiter sollen in anderen Geschäftsfeldern unterkommen. Viele werden es jedoch nicht sein. „Bestenfalls um die 40“, sagt Geschäftsführer Ostermann. Für das Werk in Nördlingen wird es wohl keine Zukunft geben. Zu spezialisiert sind gerade die Maschinen, um einfach umzusatteln. Immerhin: Bislang gibt es keine Anzeichen dafür, dass die Batterieentwicklung mit Sportwagenhersteller Porsche, die ebenfalls auf dem Gelände beheimatet ist, auch geschlossen wird.Trotzdem ist man in Nördlingen besorgt. Die Stadt erklärt auf Anfrage, dass man von der Entscheidung überrascht wurde und „mit großer Sorge“ auf den Vorgang blicke. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es weiter, dass Varta „ein großer Arbeitgeber für die gesamte Region“ sei. Die jetzt bekannt gewordenen Entwicklungen seien insbesondere für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie deren Familien bedauerlich. Die Stadt Nördlingen hofft laut Mitteilung, dass möglichst viele Arbeitsplätze erhalten werden können.Kämpferischer zeigt sich da schon die Gewerkschaft IG Metall. Nach eigenen Angaben seien große Teile der Belegschaft im Nördlinger Werk bei den Metallern organisiert. Ferdije Rrecaj ist Geschäftsführerin der IG Metall Augsburg: „Wir sortieren gerade unsere Truppen und schauen, wie wir am besten vorgehen. Wir werden das definitiv nicht einfach hinnehmen, das kann ich Ihnen versichern“. Varta dürfe sich jetzt nicht aus der Verantwortung stehlen. Wer Risiken falsch einschätzt, dürfe die Folgen nicht auf die Beschäftigten abwälzen. Ob es um einen Streik geht, möchte Rrecaji momentan nicht sagen.
Apple-Aus bei Varta: 350 Jobs in Nördlingen betroffen
Nach dem Rückzug von Apple schließt Varta die Batteriefertigung in Nördlingen. Trotz hoher Staatshilfen. Die IG Metall kündigt Widerstand an.









