Mehr Militärübungen, größere Investitionen, verstärkte Werbung – die Bundeswehr wird auch in Hessen immer sichtbarer. „Die Bundeswehr ist im Aufwuchs begriffen – nicht zuletzt durch das neue Wehrdienstmodell“, sagt Kevin Nieberg, Leiter der Informationsarbeit des Landeskommandos Hessen in Wiesbaden. „Die Präsenz im öffentlichen Raum bleibt hoch oder wächst.“Hessen ist mit seiner zentralen Lage mittendrin. „An Hessen führt kein Weg vorbei. Das gilt auch für die militärischen Planungen“, sagte der hessische Finanzminister Alexander Lorz (CDU), als er im März die Baupläne der Bundeswehr in seinem Bundesland präsentierte. „Die geopolitische Lage hat sich durch den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine grundlegend verändert. Deutschland liegt im Herzen Europas und braucht eine schlagkräftige, moderne Bundeswehr.“ Hessen spiele dabei eine wichtige Rolle – „als logistisches Zentrum und als verlässlicher Partner der Streitkräfte“.Die Truppe übt mehr, auch in HessenDie Bürger sehen mehr militärische Übungen in Hessen, etwa Nachtflüge mit Kampfhubschraubern oder Kolonnenfahrten auf der Autobahn. Wer zum Beispiel Ende April auf der A4, A5 oder A7 unterwegs war, traf auf grüne Fahrzeugkolonnen: 900 hessische und thüringische Soldaten übten gemeinsam mit amerikanischen Streitkräften, Polizei, Feuerwehr und Zivilorganisationen „die Koordination militärischer Kolonnenfahrten im zivilen Straßenverkehr“, wie das Landeskommando Hessen erklärte.In Alsfeld im Vogelsbergkreis, Korbach im Kreis Waldeck-Frankenberg, Marburg und Bad Hersfeld hören Anwohner regelmäßig nachts das Rattern von Rotoren: Es sind Tiefflugübungen mit Kampfhubschraubern. Die Übungen dienten dem Erhalt der Einsatzbereitschaft der Piloten sowie der Weiterbildung junger Kräfte, teilt das Kampfhubschrauberregiment in Fritzlar mit.Am Edersee haben in dieser Woche mehr als 150 Fallschirmspringer der Bundeswehr in Nordhessen Wasserlandungen geübt. Die Soldaten der Division Schnelle Kräfte sprangen dabei aus 400 Metern Höhe aus dem Flugzeug in den See, um das „Notverfahren Wasserlandung“ mit einem neuen Fallschirm zu trainieren. „Dann gilt es, sich schnellstmöglich von seiner Ausrüstung zu befreien, um an Land zu kommen und den Auftrag bestmöglich weiter auszuführen“, teilte die Bundeswehr mit. Dieses Sicherheitstraining gelte als eines der schwierigsten Manöver für Fallschirmspringer und solle deshalb in regelmäßigen Abständen geübt werden.Training für Fallschirmspringer: Soldaten der Bundeswehr fahren während der Übung mit einem Schlauchboot über den Edersee.dpaIn die hessischen Kasernen wird mehr investiert. Laut Landesfinanzministerium gab der Bund 2025 knapp 50 Millionen Euro für den Ausbau hessischer Bundeswehrstandorte aus. 2024 waren es 43 Millionen gewesen – 2023 noch lediglich rund 24 Millionen. In den nächsten Jahren sind laut Ministerium „weitere Steigerungen“ geplant.Das größte Bauprojekt 2025 waren neue Unterkünfte in der Georg-Friedrich-Kaserne in Fritzlar, wie der Landesbetrieb auflistet. „Umfangreiche Baumaßnahmen“ seien ferner für die Major-Karl-Plagge-Kaserne in Pfungstadt im Kreis Darmstadt-Dieburg, die Knüll-Kaserne in Schwarzenborn im Schwalm-Eder-Kreis und die Burgwald-Kaserne in Frankenberg im Kreis Waldeck-Frankenberg vorgesehen.Baupläne in Kommunen gestopptIm ganzen Land wurden ehemalige Kasernen zu Wohnungen umgebaut und Militärflächen in Gewerbegebiete oder Parks umgewandelt. Doch Ende 2025 wurde die sogenannte Konversion teilweise gestoppt. In ganz Deutschland wurden 200 Liegenschaften als sogenannte strategische Liegenschaftsreserve identifiziert: 14 davon liegen in Hessen, wie aus einer Liste der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben hervorgeht, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.Betroffen sind Darmstadt, Friedberg, Wetzlar, Hanau, Grebenhain, Fuldatal, Neuental, Münchhausen und Stadtallendorf. Die Liegenschaften würden nun geprüft, erklärt eine Sprecherin. „Ein genauer Zeitpunkt für den Abschluss der Prüfungen kann derzeit nicht angegeben werden.“Die Liste umfasst ehemalige Kasernen wie die Fritz-Erler-Kaserne in Fuldatal oder die Underwood-Kaserne in Hanau, aufgelassene Übungsplätze wie in Wetzlar-Garbenheim oder die Beckertanne in Darmstadt, mit dem Airfield Griesheim einen früher militärisch genutzten Flugplatz sowie Lager und Depots etwa in Stadtallendorf, Grebenhain und Neuental.Mehr Rekruten in Hessen?Wer seit Anfang des Jahres in Hessen volljährig geworden ist, hat Post von der Bundeswehr bekommen. Achtzehnjährige werden in dem Schreiben dazu aufgefordert, einen Online-Fragebogen auszufüllen, in dem die generelle Bereitschaft zum Wehrdienst abgefragt wird. Männer müssen, Frauen dürfen den Fragebogen ausfüllen, so sieht es das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz vor, das am 1. Januar in Kraft trat.Der Fragebogen umfasst zwölf Punkte: allgemeine zu persönlichen Daten oder Bildungsabschlüssen und spezifische über Motivation, Eignung oder Fitness. Wer Interesse an der Bundeswehr hat, kann seine Kontaktdaten hinterlassen. Die Bundeswehr will damit „ein umfassendes Lage- und Datenbild über die Bereitschaft der jungen Generation erhalten“, so eine Sprecherin.Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) strebt eine Truppenstärke von 460.000 regulären Soldaten und Reservisten an. Bewerbungen und Einstellungen nähmen kontinuierlich zu, sagte er in Berlin. Wie viele Bewerbungen und Einstellungen es in Hessen gibt, ist nicht bekannt. Das Landeskommando nennt keine Zahlen auf Länderebene: „Aufgrund saisonaler Schwankungen und Nachlaufzeiten wären Ableitungen hieraus nicht belastbar.“Die Wiedereinführung der Wehrpflicht ist noch nicht beschlossen. Aber das Verteidigungsministerium hat inzwischen die Standorte für die 24 Musterungszentren festgelegt, in denen junge Leute von Mitte 2027 an auf körperliche, psychische und intellektuelle Eignung für die Bundeswehr untersucht werden sollen. Für Hessen wurden Wiesbaden und Kassel als Standorte genannt.In Hessens Schulen ist die Bundeswehr jedenfalls präsenter. 344 Auftritte der Bundeswehr gab es 2025 in hessischen Schulen, wie aus einer Antwort des Bundesverteidigungsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linken-Fraktion hervorgeht, über die die „Rheinische Post“ berichtete. Zum Vergleich: 2024 gab es laut Ministerium erst 226 Bundeswehr-Auftritte in hessischen Schulen. Die mit Abstand meisten Schulbesuche hatte Bayern, wo die Bundeswehr seit 2022 jährlich mehr als 1000 Auftritte absolviert.Für die Besuche gibt es bei der Bundeswehr Jugendoffiziere. Das sind speziell ausgebildete Soldatinnen und Soldaten, die von Schulen eingeladen werden können, um dort etwa Vorträge über Sicherheitspolitik zu halten, den Auftrag der Bundeswehr zu erläutern oder über Auslandseinsätze zu berichten.