Eine verbindliche Förderung für Vorschulkinder mit mangelnden Sprachkompetenzen ist dringend notwendig. Dieser Erkenntnis stimmen am Mittwoch im Schulausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags bei der Verbändeanhörung alle Redner zu. Denn Leistungsstudien belegen regelmäßig, dass ein erheblicher Teil der Grundschulkinder noch nicht einmal die Mindeststandards erreicht. Viele Kinder werden eingeschult, ohne aktiv am Unterricht teilnehmen zu können, und bleiben oft während ihrer gesamten Schullaufbahn weit unter ihren Möglichkeiten. Die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss ist hoch.Doch bei der Frage, welches Konzept am besten funktioniert, endet die Einigkeit. Die schwarz-grüne Landesregierung von Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) will zum Schuljahr 2028/2029 sogenannte ABC-Klassen einführen. Der von Schulministerin Dorothee Feller (CDU) vorgelegte Gesetzentwurf sieht eine landesweit einheitliche Sprachstandfeststellung bei der Schulanmeldung vor. Sie soll vom Herbst auf das Frühjahr vor der Einschulung vorgezogen werden, damit künftig noch ein volles Jahr Zeit bleibt, um Fünfjährige mit festgestelltem Förderbedarf fit zu machen.Geplant sind dafür zweimal je Woche zwei Stunden Unterricht durch Grundschulpädagogen in einer ABC-Klasse. Er kann an einer Schule, einer Kindertageseinrichtung oder an einem anderen geeigneten Ort stattfinden. Die Teilnahme für Kinder mit Förderbedarf ist verpflichtend. Schwarz-Grün rechnet damit, dass zum jeweiligen ABC-Klassenjahrgang künftig rund 50.000 Mädchen und Jungen zählen werden.Kommunen zweifeln am KonzeptDie Kommunen – die auch Schulträger sind – bezweifeln, dass die ABC-Klassen in der vorgeschlagenen Form die von allen dringend gewünschte Wirkung entfalten. Denn es sei schon fraglich, ob ausreichend Transportmittel und Personal vorhanden seien, wie es in einer gemeinsamen Stellungnahme des Städtetags und des Städte- und Gemeindebunds heißt.Auch herrsche vielerorts Raummangel, der sich durch den Ausbau der Ganztagsbetreuung in den vergangenen Jahren noch verschärft habe. Frühkindliches Lernen erfordere sichere Bindungen, emotionale Stabilität, qualitativ hochwertige Interaktionen und eine entwicklungsorientierte Umgebung, argumentieren die beiden Spitzenverbände. „Der vorgesehene Wechsel in eine ungewohnte Lernumgebung ist für Kinder dieses Alters nicht lernförderlich.“Ebenso wie der Deutsche Kitaverband empfiehlt auch die Landeselternkonferenz in der Anhörung deshalb Kindertagesstätten als am besten geeignete Orte für ABC-Klassen, dort gebe es pädagogische Fachkräfte mit hoher Expertise in der frühkindlichen Sprachbildung. Der Verband Bildung und Erziehung moniert, dass ein großer Teil des von Ministerin Feller veranschlagten Geldes (die Landesregierung stellt für die ABC-Klassen jährlich insgesamt 250 Millionen Euro zur Verfügung) für die notwendigen Bustransfers oder die Software veranschlagt sei.SPD schlägt „Chancenjahr“ vorDie SPD beschränkt sich nicht darauf, Fellers Vorhaben zu kritisieren. Elf Monate vor der Landtagswahl hat die größte Oppositionsfraktion im Landtag unter dem Titel „Chancenjahr“ ein eigenes Konzept vorgelegt. Es gehe auch darum, seine Sozialdemokraten als konstruktive, regierungsfähige Kraft zu profilieren, sagt Fraktionschef Jochen Ott, der designierte SPD-Spitzenkandidat.Das Konzept sieht vor, das letzte Jahr in der Kita auszubauen. Denn Kindertageseinrichtungen seien am besten zur gezielten, ganzheitlichen und individuellen Förderung nicht nur der sprachlichen, sondern auch der motorischen und sozialen Kompetenzen in der Lage. Kinder mit besonderem Förderbedarf sollen nach dem Willen der Genossen verpflichtet werden, im „Chancenjahr“ mindestens 35 Stunden pro Woche zur Kita zu gehen. „Wir investieren in mehr Personal und mehr Bildung statt in Busfahrten“, sagt Ott. Denn die im Konzept von Schwarz-Grün jährlich für Fahrtkosten und Lehrerstellen vorgesehenen rund 110 Millionen Euro könnten bis zu 3300 zusätzliche Kita-Fachkräfte finanziert werden.Das Schulministerium verteidigt seinen Gesetzesentwurf. Man setze auf eine gezielte, passgenaue Förderung statt auf pauschale Pflichtmodelle für alle Kinder. ABC-Klassen ersetzten nicht die alltagsintegrierte Sprachbildung in den Kitas, sondern ergänzten diese gezielt. Für langes Prüfen und Ausprobieren habe man keine Zeit mehr. Dass ABC-Klassen sowohl an Schulen, in Kitas oder an anderen Orten stattfinden können, sei ein Vorteil.Die Flexibilität des Konzepts helfe den örtlichen Verantwortlichen, die jeweils pragmatischste Lösung zu finden. Mit dem Modell würden Kitas und Grundschuld eng miteinander verzahnt, auch das sei ein Vorteil. „Wir müssen jetzt mutig handeln und mutig neue Schritte gehen“, sagt Ministerin Feller. „Schon zu lange sehen wir, dass viele Kinder heute mehr Unterstützung beim Start in die Schule brauchen.“