Es gibt kaum einen Museumsbesucher, den die Kontextualisierung der Tierskulpturen von August Gaul in den Epochenräumen des Frankfurter Liebieghauses mit jahrtausendealten ägyptischen Plastiken oder ihren romanischen Pendants nicht begeistern würde. Nicht nur lernt man viel in der Schau, sie verführt darüber hinaus zum Stellen weiterer, eigener Fragen.Diese Art der Intarsierung zeitlich und inhaltlich völlig unterschiedlicher Kunst in Museen und damit stets auch die Infragestellung der Institution und des „Kunstbetriebs“ ist in den vergangenen 31 Jahren das Markenzeichen des dänisch-norwegischen Duos Elmgreen & Dragset geworden. Beide sind von Haus aus keine Künstler: Dragset ist studierter Theaterwissenschaftler, Elmgreen kommt aus der Dichtkunst. Ihre erste, kindlich neugierige Frage in einem Museum ist stets jene nach dem Funktionieren des Hauses. Zu Beginn ihrer gemeinschaftlichen Tätigkeit strichen sie etwa einen ohnehin schon sterilweißen White Cube zwölf Stunden ununterbrochen immer wieder weiß.Ein kleiner Junge liegt vor Goethe auf dem BodenDem Frankfurter Liebieghaus haben sie nun eine ebenfalls weiße Figur eingepflanzt, im Städelgarten den „Geier“ auf den Baum gesetzt, dem Museum selbst aber vierzehn ihrer hintersinnigen Figureninstallationen und Interventionen verehrt, ironisch „Stillleben mit Gemüse“ getauft. Am ikonischsten ist der kleine Junge, der hyperrealistisch vor der Städel-Ikone „Goethe in der Campagna“ auf dem Boden liegt und das Bild abzeichnet: Wertet man das Absperrtau um ihn einen Moment lang als zum Bild gehörig, gehört der Knabe plötzlich zum Museum, etwas unorthodox mitten im Weg liegend, aber durchaus nicht undenkbar als einer der vielen, die die Meisterwerke tagaus, tagein kopieren.Kunstbetrachtung: „The Visitor“ von Elmgreen & Dragset vor Cornelis de Heems „Stillleben mit Gemüse und Früchten auf einer Gartenbalustrade“ von 1658Studio Elmgreen & Dragset/VG Bild-Kunst, Bonn 2026Doch empfiehlt sich, zuvor erst die subtilen Großinstallationen im Keller zu entschlüsseln, um sich gewissermaßen auf die Denkungsart der beiden einzupendeln. Das Metzler-Foyer hat das Duo in ein Restaurant verwandelt, indem es die vielen weiß gedeckten Rundtische edel, aber völlig identisch mit Porzellan und Weingläsern wie ein besonders monotones niederländisches Stillleben eingedeckt hat.Mit stierem Blick aufs Handy am gedeckten Tisch: Elmgreen & Dragsets „The Conversation“, 2024Elmar Vestner/VG Bild-Kunst, Bonn 2026An der Längswand hängen zwei Rundbilder, die durch ihre Form auf Renaissance-Tondi anspielen. Der auf diesen übliche Azurhimmel etwa über Maria und dem Christuskind alterniert auf den modernen Widergängern mit Streifen aus Spiegelfolie, die wiederum das riesige und fest installierte Spiegelmosaik John M. Armleders im Saal „reflektieren“. Ihre Tondi nennen sie „Sky Targets“, und allein das Wort „Zielscheibe“ erinnert abermals an ein großes Vorbild, die „Targets“ von Jasper Johns aus den Sechzigern. Nur ein Tisch ist besetzt, die Frau im eleganten schwarzen Kleid sieht aus wie Lucy Liu in „Drei Engel für Charlie“ und stiert auf ihr Handy. Via Facetime quakt dort ein Brite über die Schwierigkeiten des Künstlerlebens, alle müssen mithören und tun es auch.Es bleibt wie so oft bei Elmgreen & Dragset ein permanent zwischen Realität und Illusion oszillierendes Spiel. Das unter der Treppe noch weitergeführt wird, wenn dort auf einem Flughafenlaufband wie auf einem Kinderkarussell ein einsames Gepäckstück seine Runden dreht. Indem das Gepäckband monoton vor sich hin leiert, gewinnt es zugleich etwas Hypnotisches. An die Wand montiert sind die typischen unbequemen Flughafenstühle, die den Verzicht auf das ohnehin ungesunde Sitzen erheblich erleichtern. Zusammen mit dem fast leeren Restaurant ergibt sich eine „Warten auf Godot“-Stimmung in diesem Nicht-Ort.Keller wird zum GroßraumbüroSteigt man dann noch die Treppe in den „Keller“ hinab, landet man in einer Art Hades des Digitalzeitalters. Mehr als ein Dutzend Schreibtische sind im zum Großraumbüro umgewidmeten Kellergeschoß aufgereiht, jeweils eingehaust und getrennt durch mausgraue Trennwände. Über einen Computerbildschirm laufen für Normalsterbliche unentzifferbare Balkendiagramme.Ein Hades des Digitalzeitalters: Installation im Kellergeschoss des StädelsAndrea Rossetti/VG Bild-Kunst, Bonn 2026Fast jedes dieser Gehäuse ohne Hieronymus bildet bei genauem Hinsehen ein kleines Stillleben. Einen Schreibtisch, unter dem schwarze Adiletten stehen, ziert ein Nicht-Foto, auf dem gerade noch der Arm einer aus dem Bild flüchtenden Person zu erhaschen ist. Unter einem anderen steht ein Aschenbecher, auf einem dritten eine Marx-Büste aus Biskuitporzellan. Auf einem Monitor sind surreale Ticker-Schlagzeilen zu lesen wie „Galerien mittlerer Größe geht es schlecht“, „Bundeskanzler beschwert sich über zu wenig Arbeitsamkeit“ oder „Hammershøi-Gemälde auf Trödelmarkt entdeckt“, die mutmaßlich vom Dichter und Autor Elmgreen stammen.Bittersüße Ironie und enervierende Geistlosigkeit wiederum arrangieren die breiten Künstler auf einem Tisch mit Glückskekssprüchen wie „Sie können ihrem Glück begegnen“, während daneben die Postkarte in einem Blumenstrauß „Vielen Dank für Deinen tollen Einsatz über die Jahre“ verkündet. Nicht von ungefähr erinnert das lieb- und trostlose Weglob-Bouquet nach einem langen Arbeitsleben an Wolfgang Mattheuers still-systemkritisches DDR-Schwanengesangs-Bild „Die Ausgezeichnete“ von 1973. Stets aber sehen Elmgreen & Dragset die eingesetzten Objekte weniger als Kunstwerke, schon gar nicht als bildhauerische, vielmehr als Gegenstände eines Neuarrangements und als Material für immer neue Ausstellungen.Häufig mit erfrischendem HumorWie präzise und mit dem Wissen vieler Ortsbegehungen die eingreifenden Installationen auf den jeweiligen Raum eingehen, erweist sich in der großen Halle mit moderner Malerei an einem duchampesken Kinderkarussell mit hypnotischen Op-Art-Streifen, auf dem ein weißer wuscheliger Hund seine endlosen Runden dreht – erkennbar eine Hommage an den ebenfalls meditativ seine Runden drehenden benachbarten Sandkreis von Günther Uecker und eine Reprise auf den flachen Dog Content der Internetwelt.Eine Art Karussell: „Social Media (Terrier)“, 2022Elmar Vestner/VG Bild-Kunst, Bonn 2026Zwischen moderner und alter Kunst vermittelt der „Fotograf“, der als weiß bemalte Bronzefigur in der Manier von Duane Hanson am oberen Abschluss des Treppenhauses auf uns wartet und gleichzeitig zu dem monumentalen Chagall-Gemälde gegenüber fokussiert. Durch die mehr als 700 Jahre umfassende Malereisammlung des Hauses ziehen die beiden mithin nicht nur einen roten Faden sich wiederholender Themen, sie eröffnen auch überraschende Perspektiven auf scheinbar abgelutschte Themen, häufig genug mit erfrischendem Humor.Bronzeknabe mit Boxershorts: „60 Minutes“, 2025def image/VG Bild-Kunst, Bonn 2026So blickt man von einem nur mit Boxershorts bekleideten Bronzeknaben, der sinnierend wie Rodins „Denker“ auf einem merkwürdigen Waschmaschinensockel hockt, direkt hinüber zu dessen nackter Eva, als befänden sich der Stammmutter Kleider gerade in der Waschmaschine. Die Arbeit heißt „60 Minutes“, ein Schnellwaschgang des Zusammendenkens. Wie auch bei zwei besonders subtilen Selbstporträts anstelle von Vilhem Hammershøis „Interieur Strandgade“: Zwei dunklere Schatten an der Museumswand deuten entfernte Bilder an, die als einzige Installation einen Titel auf dem Etikett daneben erhalten haben: „Portraits of the Artists“. Wieder wird über Bande gespielt, denn daneben findet sich Karl von Pidalls Doppelporträt der Herren Pallmann und Weizsäcker, sodass die Lehrstelle an der Wand raffiniert aufgefüllt wird mit dem ansonsten zu wenig beachteten Zweierbildnis.Artist und Künstler haben sich gefundenHimmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt wird die gesamte Fallhöhe großer Kunst ausgelotet: Unter Franz von Stucks „Pietà“ von 1891 mit dem nach Holbeins Vorbild aufgebahrten und ausgemergelten toten Christus liegt ein lebensechtes Wachsbaby mit geschlossenen Augen in einer Trage. In der Tradition der Kunst denkt man angesichts des schutzlos verlassenen Neugeborenen an Schlafes Bruder, den Tod, der auch bei „Maria mit Kind“-Darstellungen oft schon in Form der überkreuzten Beine vorweggenommen wird.Im Saal mit dem Aufgang zur Dachterrasse baumelt ein junger Mann, „The Artist“ betitelt, wie ein Gehenkter von der Decke. Ironischerweise prangt auf seinem T-Shirt ein „Fotografieren verboten!“-Aufkleber. Da er in Sichtweite zu Chagalls Zirkusakrobaten sein Kunststück am Trapez vollführt, wird der Gleichklang von „Artist“ und „Zirkusartist“ im Englischen umso deutlicher.Neben Chardins bezauberndem „Stillleben mit Rebhuhn und Birne“ schließlich ragen zwei Kinderhände aus der Wand, die einen winzigen, vielleicht aus dem Nest gefallenen Vogelkörper bergen, wohl eines der häufigsten dramatischen Kindheitserlebnisse. Wer genau beobachtet, bemerkt Herzschlag und Atmung des noch nicht toten Tieres. Die Hoffnung stirbt buchstäblich zuletzt.Für den Schluss sollte man sich die titelgebende Arbeit „Stillleben mit Gemüse“ aufheben. Sie geht über den abgenutzten Verweis, ein Stillleben sei im Französischen eine „nature morte“, eine „tote Natur“, weit hinaus. Hier zeigt sich auch, wie Elmgreen & Dragset mit ihren Interventionen aktuell wichtige Fragen stellen.Wer meint, es gebe nichts Verstaubteres als Stillleben, sollte kurz an die Myriaden von Foodporn-Stillleben auf Instagram und im Internet denken – die Jugend kann heutzutage nicht den armseligsten Fast-Food-Schuppen betreten, ohne ihr Stillleben mit Pommes und halb verzehrtem Hamburger festzuhalten und instant im Netz mit der halben Welt zu teilen. Wenn es noch eines Beweises bedurfte: Elmgreen & Dragset legen offen, dass es wenig zeitlos Gültigeres und Tiefschürfenderes als ein Museum gibt.Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse. Städel Museum, Frankfurt; bis 19. Januar 2027. Eine Broschüre liegt gratis aus.