Gibt es für Verspätung überhaupt eine Ausrede, die angebracht ist? Getty Images Eine Freundin kommt zu spät (seit Jahrzehnten), und sie entschuldigt es neuerdings damit, dass sie neurodivers sei, ADHS habe und «zeitblind» sei. Darf ich sagen, dass sie einfach unhöflich sei? – Georges R., WinterthurLieber Georges, wir stehen vor einem grossen Moment in der Geschichte der Menschheit: Aufgrund der Aufmerksamkeit, die neurodiverse Menschen neuerdings bekommen, der Umdeutung der Diagnose in etwas Positives («Superkraft») und der damit verbundenen Entstigmatisierung hat die Scham übers Zu-spät-Kommen die Seite gewechselt: Nicht der Trödler ist das Problem, sondern Sie als normfunktionierendes Mitglied der Gesellschaft, dem es nicht gelingt, Rücksicht auf psychische oder neurologische Abweichungen von der Norm hinzunehmen.Ja, Zeitblindheit ist ein Thema bei ADHS-lern. Doch falls Sie überzeugt sind, dass die Person ihre Faulheit glorifizieren möchte, rate ich zum Blick in die Vergangenheit: Hat die Person das gleiche Problem bei wirklich grossen Terminen, ist sie zu spät zur Trauung, zum Flug nach Bali? Ist die Geschichte ihres Lebens ein Kompendium verpasster Chancen? Dann handelt es sich tatsächlich um Zeitblindheit. Alles andere: Ausrede. Wie Sie darauf reagieren, steht auf einem anderen Blatt. Entweder gehen Sie den südeuropäischen Weg und kommen ebenfalls zwanzig Minuten später. Oder Sie arbeiten mit Konsequenzen und gehen nach zehn Minuten. Ich plädiere für Option eins: Menschen sind keine Maschinen.Ihre Fragen senden Sie bitte an: hatdasstil@nzz.ch Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.