«Berlin ist fertig», sagt Beni Durrer. Sein Mann und er fliehen vor homophober Gewalt aus der deutschen HauptstadtSeine konservativen Eltern warfen ihn einst aus dem Haus, weil er auf Männer steht. In Berlin fand der Visagist ein Paradies. Nun flüchtet er ein zweites Mal – zusammen mit seinem Mann, der es in seiner Heimatstadt auch nicht mehr aushält.20.05.2026, 05.30 Uhr7 Leseminuten«Da krieg ich Pickel!» – René Durrer-Lehmann (links) und Beni Durrer, hier in ihrem neuen Geschäft in Luzern.Manuela MattBeni Durrer erzählt immer noch viel von Berlin. Der Stadt, in die er als junger Schwuler einst geflüchtet ist, weil er es in der Schweiz nicht mehr aushielt. Aber nicht alle mögen ihm noch zuhören. Er solle jetzt aufhören, «solchen Quatsch zu erzählen», hat ihm ein Kollege neulich gesagt. Andere werfen ihm vor, er rede wie ein Rechtsextremer. «Und das nur, weil ich finde, Schwule sollten händchenhaltend auf die Strasse gehen dürfen, ohne angepöbelt zu werden», sagt er. «Und weil ich nicht will, dass es hier so wird wie in Berlin.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der 58-Jährige spricht bedächtig, den Schnurrbart hat er auch an diesem Feiertag sorgfältig gezwirbelt. Vor seinem neuen Flagship-Store im Luzerner Zentrum sucht ein junges Paar Schutz vor einem Regenguss. Mit seinem Mann René, einem Berliner Coiffeurmeister und Visagisten, der im selben Geschäft arbeitet, will Durrer auch privat in die Schweiz ziehen. Die deutsche Hauptstadt, in der der Visagist einst ein tolerantes Paradies für bunte Vögel fand und eine erfolgreiche Make-up-Marke aufgebaut hat, ist den beiden zu gefährlich geworden. Zu viele Pöbeleien, zu viele Drohungen, zu viel Gewalt gegen Schwule, gegen Frauen und Juden.«Das wird heruntergespielt in den Medien»«Berlin ist fertig», sagt René Durrer-Lehmann. Kommentare wie «Schwuchtel», «Hurensohn» oder «ich stech dich ab» seien da schon fast Alltag. Einmal sei er im Innenhof von einem Mann bedroht worden. Die Polizei habe ihm geraten, das nächste Mal einfach im Haus zu bleiben, weil der Typ ein derart langes Vorstrafenregister habe. René ist in Westberlin aufgewachsen, er trägt zwei grosse Ohrringe und ein Tattoo am linken Arm. Während sein Mann zurückhaltend ist, wird er umso deutlicher. «Da krieg ich Pickel!», ruft er immer wieder aus.Imaginäre Pickel bekommt der 59-Jährige etwa, wenn er Schwule sieht, die an Gay-Paraden auf allen vieren herumlaufen, «mit Hundemasken und einem Plug-in im Hintern» – und so dem Ansehen der ganzen Szene schadeten. Oder wenn er und sein Schweizer Mann in die «rechte Ecke» gestellt werden, weil sie die Ursachen der schwulenfeindlichen Gewalt klar benennen.«Der Hass gegen Schwule geht heute überwiegend von Migranten aus vornehmlich muslimischen Ländern aus», sagt René Durrer, «so erlebe ich das jedenfalls.» Natürlich habe es in Berlin schon in den 1980er Jahren Pöbeleien gegeben, etwa von Rechtsextremen, da wolle er nichts beschönigen. Das sei aber kein Vergleich zu dem, was heute passiere, besonders seit der Migrationswelle von 2015. «Doch das wird überall heruntergespielt, vor allem in den öffentlichrechtlichen Medien.»Hass und Gewalt gehen laut SRF nur von Rechtsextremen ausMit den Medien haben die beiden Berlin-Flüchtlinge ihre eigenen Erfahrungen gesammelt. Bekannt geworden sind sie durch einen Auftritt in der siebten Staffel der SRF-Serie «Heimweh», die letztes Jahr ausgestrahlt wurde. Seither erhalten sie viel Aufmerksamkeit, in der Schweiz und in Deutschland, vom «Blick» bis zur Berliner «B. Z.». «Homophobie: Ein schwuler Schweizer kehrt aus Berlin nach Luzern zurück», so lauten die Schlagzeilen, «Berliner schwärmt von der Schweiz». In der «Welt» veröffentlichte das Paar einen Gastbeitrag: «Warum wir in die Schweiz auswandern».Vor wem die beiden genau flüchten, kommt in einigen Berichten klar zur Sprache, in vielen Berichten jedoch kaum oder gar nicht. So erfährt man bei SRF, Berlin sei für Beni Durrer «vom Paradies zur Bedrohung» geworden. Die Stadt habe sich «ziemlich verändert», gerade als schwuler Mann müsse er «aufpassen, wo er hingeht». Aus welchen Kulturkreisen die Aggressoren stammen, kann man in der «Heimweh»-Sendung bloss erahnen, als René Durrer mit migrantischem Macho-Akzent einen Mann imitiert, der ihn bedroht hat.«Die haben vieles herausgeschnitten», sagt René Durrer, dabei sei man während der Dreharbeiten mit dem SRF-Team von einem Ladenbesitzer aggressiv angepöbelt worden. Bezeichnenderweise veröffentlichte SRF wenige Monate nach der letzten «Heimweh»-Folge mit den Durrers einen Beitrag zum Thema «Hass und Gewalt» gegen die Berliner LGBTQ-Gemeinde. Darin ist von «Queer-Phobie am Limit» die Rede, von Schmierereien, Hundekotattacken und körperlichen Angriffen.Glaubt man dem Bericht, sind allein Rechtsextreme für die Schwulenfeindlichkeit in der Stadt verantwortlich. Die CDU-Politikerin Julia Klöckner wird als geistige Mittäterin angeklagt, weil sie den Bundestag nicht mit einer Regenbogenflagge schmücken wollte. Gewalt von Migranten, wie sie René und Beni Durrer erlebt haben, kommt in dem Beitrag nicht vor. Dafür zitiert SRF ausführlich den Berliner Queer-Beauftragten Alfonso Pantisano, der jegliche schwulenfeindliche Gewalt auf einen «rechtsextremen Plan» zurückführt.Polizeipräsidentin warnt vor bestimmten GegendenEs sind Sendungen, bei denen René Durrer seine Phantom-Pickel bekommt. «Die sollen mal abends im Fummel durch Neukölln spazieren», sagt er, «mal sehen, was dann passiert.» Beni Durrer schüttelt bloss den Kopf. Mit ihrer Feststellung, wonach Gewalt gegen Schwule vor allem von Migranten ausgehe, stehen die Durrers in der Berliner Szene nicht allein. Sie lässt sich durch amtliche Statistiken zwar nicht belegen. Vielmehr waren laut einem Bericht des deutschen Innenministeriums 2023 rund drei Viertel der Tatverdächtigen Deutsche. Ebenso überwiegen rechtsextreme Ideologien deutlich, sofern ein politisches Motiv überhaupt registriert wird.Vieles bleibt bei den Statistiken aber im Dunkeln, unter anderem weil Doppelbürger als Deutsche gezählt, Migrationshintergründe nicht erfasst und die meisten Übergriffe gar nicht erst angezeigt werden. Einige der schwersten Gewalttaten gegen Homosexuelle und Transmenschen gingen in Deutschland nachweislich von Islamisten oder Geflüchteten aus, darunter eine tödliche Messerattacke auf ein Paar in Dresden, die Tötung des Transmanns Malte C. und eine Schlägerattacke von Afghanen auf Teilnehmer des Christopher Street Day in Halle.Kürzlich sorgte der Fall eines schwulen Lehrers für Aufsehen, den Berliner Schüler mit Parolen wie «der Islam ist hier der Chef» mobbten. Der neuste Verfassungsschutzbericht des Landes Berlin nennt islamistische Strömungen zumindest als Treiber für Homophobie, zusammen mit Rechtsextremen. Auf Szeneportalen wird explizit vor stark muslimisch geprägten Quartieren wie Neukölln gewarnt, in denen es ebenso gefährlich sei, eine Kippa zu tragen wie «seine(n) Partner*in zu knutschen».Allein auf der Neuköllner Sonnenallee gab es in den letzten Jahren immer wieder Angriffe von Jugendgruppen. Die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik riet Juden und Queers 2024 explizit, in Gebieten mit vielen «arabischstämmigen Menschen» besonders vorsichtig zu sein – und erntete die üblichen Rassismusvorwürfe.Denn ähnlich wie im Fall der wachsenden Judenfeindschaft gibt es in Medien, bei staatlichen Stellen, an Universitäten und in linken Kreisen eine starke Tendenz zur Bagatellisierung aller Gewalt, die nicht mit rechtsextremen Umtrieben erklärt werden kann. Aktivistische Wissenschafter haben gar den Begriff «Homonationalismus» kreiert, um Homosexuelle zu diskreditieren, die eigene Gewalterfahrungen nicht nur dann thematisieren, wenn sie in ein politisch korrektes Weltbild passen.Diese Realitätsverweigerung ist selbst in der linksaktivistischen LGBTQAI-Bewegung zu beobachten. Teile dieser Bewegung wie die «Queers for Palestine» sympathisieren gar mit der Hamas, die Homosexuelle mit ähnlichem Hass verfolgt wie Juden.Seine Eltern warfen ihn aus dem Haus – weil er Männer liebtNicht nur deshalb haben René und Beni Durrer zunehmend ein Problem mit dieser Szene. «Es gibt nichts Intoleranteres», sagt René. Das zeige schon die Tatsache, dass es gefühlt 72 verschiedene Pride-Flaggen gebe, «weil die eine ‹Schwuppe› nicht mit der anderen kann». Viele dieser Aktivisten seien schlicht ein «linker Mob».Von der deutschen Politik erwarten Beni und René Durrer nichts mehr. Obwohl mittlerweile selbst linke Schwule wie Kevin Kühnert öffentlich einräumen, sie würden vorwiegend aus «muslimisch gelesenen Männergruppen» angepöbelt. «Die machen ja eh nichts», sagt René Durrer. Neulich sei ein SPD-Politiker zu ihnen ins Geschäft in Berlin gekommen und habe versichert, er sehe das Problem und könne ihre Kritik nachfühlen. Als sie ihn gefragt hätten, warum er dann nichts getan habe, habe er das Gespräch beendet.Bei allem Frust betonen beide, sie seien immer noch Anhänger von Multikulti und schon gar keine Rassisten. Bloss habe es die Politik in Deutschland verpasst, den Zuwanderern klar zu sagen, an welche Regeln sie sich halten müssten. Einen gesellschaftlichen Backlash beobachten die beiden nicht nur im Umgang mit der deutschen Gay-Szene. Auch Frauen müssten in Berlin zunehmend Angst vor Übergriffen haben, auf der Strasse oder in Badeanstalten.«Ich bin überrascht, wie viele Frauen hier in Luzern einen Minirock tragen», sagt Beni Durrer, «in Deutschland sieht man das immer seltener.» Das Klima gegenüber Homosexuellen sei ebenfalls viel offener. Dabei hat Durrer seine Heimat früher ganz anders erlebt. Die Eltern, katholisch und konservativ, schmissen ihn mit 16 raus, als sie erfuhren, dass er auf Männer steht. In Bern, wo er einen Job als Barkeeper fand, hatte er manchmal Affären mit Familienvätern, die ihre Neigungen heimlich auslebten. «Furchtbar», sagt er dazu, «so wollte ich nicht leben.»Dass er dreissig Jahre nach seiner Flucht nach Berlin an einem ähnlichen Punkt stehen würde, hätte Durrer kaum erwartet. Wie damals hat er sich entschieden, offen für sich einzustehen statt still zu leiden. Selbst wenn der Preis dafür hoch ist. Derzeit muss das Paar zwischen Berlin und Luzern pendeln, bis es in Luzern eine passende Wohnung gefunden hat. Die Zukunft des Berliner Geschäfts ist ungewiss, auch wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage in Deutschland. Viele Kunden haben sich wegen Aussagen in den Medien von den Durrers abgewandt. «Geschäftlich hat es mir geschadet, ganz klar», sagt Beni Durrer.Bereuen würden sie jedoch nichts. Ein jüdisches Paar, so erzählen sie, habe ihnen gedankt, «dass wir die Wahrheit sagen». Und ein muslimischer Mann habe angerufen und gefragt, ob sie denn alle Muslime schlimm fänden. Als sie ihm gesagt hätten, sie hätten nur etwas gegen jene, die andere nicht akzeptierten, habe er sich bedankt – und seine Hoffnung ausgedrückt, die Pöbler mögen in der Hölle schmoren.In Luzern sind die beiden noch kein einziges Mal angepöbelt worden. Nun hoffen sie, dass es so bleibt.Passend zum Artikel