GastkommentarDirk SiepmannÜbernimmt die KI den Fremdsprachenunterricht? Ja, aber es eröffnet auch MöglichkeitenEine andere Sprache zu lernen, dürfte einfacher werden. Damit rückt ein altes, hehres Ziel der Bildungspolitik in Griffweite.20.05.2026, 05.20 Uhr3 LeseminutenIn der Fremde die Welt neu sehen lernen: Das ist zentraler Bestandteil des Fremdsprachenunterrichts. Marktplatz in Marrakesch, Januar 2026Amr Abdallah Dalsh / ReutersWir schreiben das Jahr 2028. Der 15-jährige Joshua bereitet seinen Französischunterricht vor, indem er die VR-Brille aufsetzt. Schon findet er sich nicht mehr in seinem Zimmer, sondern an der französischen Atlantikküste wieder, wo er an einem Surfkurs in der Zielsprache teilnimmt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Er hört diese in adaptierter Sprechgeschwindigkeit, trainiert seine Aussprache mithilfe eines auf seine eigene Stimme abgestimmten Voice-Cloning-Verfahrens und erhält dazu unmittelbares Feedback des Avatars Alphonse. Der Unterricht folgt keinem Lehrbuch, keinem starren Stundenplan, sondern seinem Interesse, seinem Lerntempo, seiner momentanen Aufmerksamkeit.Die Geduld der KIWas wie ein blosses Gedankenspiel anmuten mag, ist tatsächlich eine realistische Fortschreibung dessen, was die neuesten KI-Systeme bald vorhalten werden, nämlich die vollständige Integration aller sechs Modalitäten (Text, Bild, Video, Audio, 3-D, Robotik), verbunden mit einem hohen Grad an Interaktivität und der Schaffung von Weltmodellen, die sich an die Wünsche des Nutzers flexibel anpassen. Solche Szenarien zwingen dazu, eine Frage zu stellen, die lange ausgeblendet wurde: Wozu überhaupt noch schulischer Fremdsprachenunterricht im Zeitalter der KI?Unübersehbar wird, dass künstliche Intelligenz inzwischen zentrale Aufgaben des Fremdsprachenlernens nicht nur unterstützt. In vielen Bereichen kann sie diese bald effizienter übernehmen als herkömmlicher Unterricht. Wortschatzaufbau, Aussprachetraining, grammatische Routinen, Textproduktion und Rückmeldungen zur pragmatischen Angemessenheit lassen sich individualisiert, geduldig und ohne soziale Hemmschwellen gestalten. Der in diesem Zusammenhang häufig vorgebrachte Hinweis auf Fehler oder Halluzinationen der KI greift insofern zu kurz, als er die Frage nach den jeweiligen Fehlerkosten und nach der tatsächlichen Überlegenheit des herkömmlichen Unterrichts ausser acht lässt.Sprache wurde im Sinne der OECD und des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens seit geraumer Zeit primär als funktionales Instrument verstanden. Mit dem Aufkommen der KI verliert jedoch die Annahme an Plausibilität, dass Sprachkenntnisse an sich knapp und daher auf dem Arbeitsmarkt ein klarer Vorteil, ein «employability skill», seien. Damit wird der Fremdsprachenunterricht selbst allerdings keineswegs obsolet. Stattdessen wird er frei von der Reduktion auf sprachliche Performanz. Die eigentliche Zäsur liegt folglich weniger in der Technik als in der Erosion eines von jeher fragilen bildungspolitischen Begründungsmodells.Sprachen lernen heisst, sich Welten zu eröffnenWenn Sprache nicht mehr primär als funktionales Mittel der Verständigung benötigt wird, sondern ihre routinierte Beherrschung technisch delegierbar ist, dann kann ihre Verortung in der Schule nur noch über ihren Beitrag zur Welt- und Selbsterschliessung begründet werden. An dieser Stelle drängt sich eine bildungstheoretische Referenz geradezu auf, die lange als unzeitgemäss galt, deren Tragfähigkeit unter den Bedingungen der KI jedoch neu sichtbar wird: der humboldtsche Bildungsbegriff.Um Missverständnisse zu vermeiden: Eine Rückkehr zu Humboldt bedeutet unter den Bedingungen der KI keinesfalls eine Abkehr von Technologie. Im Gegenteil: Indem die KI grosse Teile des routinemässigen Kompetenzerwerbs übernimmt, schafft sie jene besondere Art von zeitlichen und kognitiven Spielräumen, in denen das kreative, flexible und kritische Denken überhaupt erst entstehen kann. Humboldt ist unter diesen Bedingungen nicht das Gegenmodell zum KI-Zeitalter. Sein Bildungsideal bleibt auch unter den Vorzeichen einer maschinellen Intelligenz das Ziel.Indem die KI die Spracherwerbsphase beschleunigt, rückt sie jene Ziele in greifbare Nähe, die bislang für Durchschnittsschüler unerreichbar blieben: Jenseits der funktionalen Kompetenz winkt nun auch ihnen die tiefgehende Teilhabe an einer anderen Sprachwelt.Sprachunterricht als kulturelle BildungDer Fremdsprachenunterricht kehrt damit – gleichsam gegen den Strich der letzten Jahrzehnte – in den Kanon der zweckfreien Fächer zurück, in eine Reihe mit Philosophie, alten Sprachen, Musik und Kunst. Er wird wieder stärker zu dem, was er historisch einmal war: ein Ort philologischer und kultureller Bildung, nicht blosser Qualifikation. Diese Rückbesinnung ist zugleich eine Aufwertung. Sie entlastet den Fremdsprachenunterricht von einem Rechtfertigungsdruck, dem er längst nicht mehr standhalten kann, und eröffnet neue Spielräume.Zukünftiger Unterricht für Anfänger und leicht Fortgeschrittene wird durch den Wechsel zwischen KI-gestütztem Kompetenzerwerb und gemeinsamer Arbeit an lebensweltnahen Aufgaben gekennzeichnet sein. Der fortgeschrittene Unterricht wiederum kann sich stärker am Modell des bilingualen Sachfachunterrichts orientieren. Auch die reflexive Durchdringung des Gegenstands Sprache gewinnt neuen Raum.Der Fremdsprachenunterricht steht damit exemplarisch für die kommende Krise des gesamten Bildungssystems. Entweder verharrt Bildung im Modus des Kompetenztrainings, der rasanten technisch-ökonomischen Entwicklungsdynamik vergeblich hinterherhechelnd. Oder sie wird wieder Bildung im humboldtschen Sinne der bewussten Verknüpfung des Ichs mit der Welt.Die Befreiung des Fremdsprachenunterrichts von Zwecken ist unter den Bedingungen der KI kein Rückzug, sondern der Weg nach vorn.Dirk Siepmann ist Professor für Fachdidaktik des Englischen an der Universität Osnabrück.Passend zum Artikel