Die Umfragewerte für die AfD kennen seit Monaten nur eine Richtung: nach oben. Im Bund liegen die Rechten inzwischen bei allen Instituten vor der Union auf Platz eins. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wo jeweils im September gewählt wird, scheint die AfD der Konkurrenz sogar enteilt. Ein Durchmarsch der Rechtspopulisten, also eine absolute Mehrheit, wird damit wahrscheinlicher.Für Friedrich Merz (CDU), vor seiner Kanzlerschaft angetreten mit dem Versprechen, die AfD zu halbieren, werden die Umfragen zunehmend zur Belastung. „Das sind Umfragen, die mich natürlich auch besorgen“, sagte Merz zuletzt im ZDF. Die Strategie des Kanzlers, mit Reformen die AfD kleinzuregieren, geht bislang nicht auf.Der Politologe Marcel Lewandowsky, der sich an der Martin-Luther-Universität in Halle/Saale mit dem Erstarken des Populismus und der Krise der Parteien beschäftigt, hält den Plan von Merz für illusorisch. „Reformen abzuarbeiten, wird die AfD nicht systematisch schwächen“, sagt er im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Die Kommunikation des Kanzlers nennt er zudem „ungeschickt“.Der Wissenschaftler beobachtet, dass AfD-Wähler längst nicht mehr aus Protest die Rechten unterstützen. Vielmehr gebe es bei Anhängern der AfD eine hohe ideologische Überschneidung bei zwei Politikthemen: der Migrationspolitik und der Sorge um die Demokratie.Mit technischen Details und Förderprogrammen dringt man in einer verunsicherten Bevölkerung nicht durch.Marcel Lewandowsky, Politikwissenschaftler an der Martin-Luther-Universität in Halle/Saale„AfD-Wähler halten die Demokratie für beschädigt“, sagt Lewandowsky und meint damit etwa den Vorwurf, in Deutschland könne man sich nicht mehr frei äußern. AfD-Wähler würden sich zudem als Teil einer schweigenden Masse verstehen. Hinzu kämen nachweislich reale Probleme – etwa wirtschaftlicher Art.Union und SPD dürften der AfD in dieser Melange thematisch nicht hinterherlaufen, warnt der Politologe. Die Verschärfung der Migrationspolitik etwa habe nicht für mehr Zuspruch der Bundesregierung gesorgt. Auch in der Wirtschaftskrise müssten die Parteien der Mitte daher mit eigenen Ideen punkten. „Auf die wirtschaftlichen Herausforderungen sollten die demokratischen Parteien mit klaren Positionen polarisieren“, sagt Lewandowsky. „Mit technischen Details und Förderprogrammen dringt man in einer verunsicherten Bevölkerung nicht durch“, sagt der Wissenschaftler und kritisiert etwa das blasse Auftreten von Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU).Der Kanzler spricht wie ein Technokrat, und ihm als Millionär wird nicht abgenommen, dass er die Ängste und Sorgen der Menschen versteht.Louis Lewitan, PsychologeGerade für den Osten der Republik hat der Psychologe Louis Lewitan einen anderen Erklärungsansatz. „Wir haben eine unaufgeklärte DDR-Vergangenheit, die sich jetzt rächt“, sagt der gebürtige Franzose und Autor zahlreicher Fachbücher. Lewitan argumentiert, die „Wende“ 1989/90 habe den Menschen in Ostdeutschland das genommen, was das DDR-System ihnen zuvor gegeben hatte: Sicherheit.„Wir erleben immer mehr Menschen, die sich als Opfer des BRD-Kapitalismus verstehen und nicht als Opfer einer Diktatur“, sagt Lewitan. Diese Stimmung werde gezielt von den Rechten befeuert.„Das A in AfD steht für Angst“, sagt der 71-Jährige und warnt: „Angst schüren darf keine Alternative für Deutschland sein.“ Denn diese Angst löse in der Bevölkerung das Bedürfnis nach Halt aus. „Je größer die Ängste des Einzelnen sind, desto größer ist der Wunsch, in einer völkischen Masse aufzugehen“, sagt der Psychologe. Die Polarisierung verschärfe sich dadurch.Für Louis Lewitan ist daher klar, dass Merz und die Parteien der Mitte eine alternative Erzählung zur AfD benötigen. „Es braucht Eigenverantwortung des Einzelnen, aber auch eine starke Führung, die eine positive Dynamik freisetzen kann.“ Nur die berechtigte Hoffnung auf eine bessere Zukunft könne die Angstspirale der AfD durchbrechen. Doch ob Merz dafür der richtige Kanzler ist, daran zweifelt Lewitan zunehmend. „Der Kanzler spricht wie ein Technokrat, und ihm als Millionär wird nicht abgenommen, dass er die Ängste und Sorgen der Menschen versteht.“