Vielleicht ist die Wirklichkeit so etwas wie ein Buch: Petra Morsbachs Roman «Orion» erzählt davon, was Literatur alles kannAuch im Geraschel von Papier steckt der Sound des Daseins: Petra Morsbach treibt ihren Roman «Orion» in satirisches Pathos hinein, um die absurde Banalität des Lebens deutlich werden zu lassen.Paul Jandl19.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenFunkelnd vertrackt: Die Schriftstellerin Petra Morsbach beherrscht die Kunst, Milieus von innen zu zeichnen.Bogenberger AutorenfotosDeutschland, Deine Grossmütter! Fest verwurzelt in der Vergangenheit, ihre späte Blüte den Enkeln entgegenstreckend. Eine ganze Gegengeschichte zur offiziellen Historie könnte man schreiben, wenn man dieser familiären Institution mehr Beachtung schenkte. Immerhin: Petra Morsbach tut das in ihrem neuen Roman. Er heisst «Orion» und beginnt mit dem liebevoll satirischen Porträt einer episch formatierten Frau.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Grossmutter Auguste riecht nicht ganz frisch, aber seltsamerweise auch nach Niespulver. Sie sieht aus «wie ein verbeulter Würfel» und entpuppt sich bei einem längeren Besuch der kleinen Enkelin als literaturaffine Kassandra. In der Dunkelheit im Bett sitzend, erhebt sie Abend für Abend ihre Stimme und trällert traurigste Lieder. Von der klagenden Nachtigall, vom untergehenden Flandernland, von Mord und Blitz: «Es flammet die Stube wie lauter Licht: / Urahne, Grossmutter, Mutter und Kind / Vom Strahl miteinander getroffen sind; / Vier Leben endet ein Schlag, – / Und morgen ist’s Feiertag.»Hier hat die Abendstunde wenig Trost im Mund. Die Enkelin namens Nora Meyer trägt trotzdem kein Trauma davon. Allmählich schlägt der Schrecken in Begeisterung um. In Begeisterung darüber, was Literatur kann. Aufwühlen, ängstigen, mit den Gefahren des Lebens vertraut machen. Am Ende ist das eben auch ein Trost: gewappnet zu sein.«Orion» ist ein Roman über die Wirkmacht von Fiktion. Für den, der hören kann, wird aus papierenem Geraschel der Sound des Daseins. Und die spätere Frau Meyer wird feine Ohren haben. Sie liest Homer, die Geschwister Brontë, Lukian, Charles Dickens und Epikur, um das Gelesene für die eigene Alltagspraxis fruchtbar zu machen. Kein eheliches Gefecht, das sie nicht auch an die Schlachten der Aeneis erinnern könnte. Kein zartes Gefühl, das nicht schon in den Worten der Brontës beschrieben wäre.Chirurgische GenauigkeitDie Pointe von «Orion»: Lebens- und Lesebiografie sind so miteinander verschränkt, dass am Ende nur eines herauskommen kann. Eine Schriftstellerin. Weil der Roman ich-erzählt ist, darf man vermuten, dass es Petra Morsbachs Hauptfigur am Ende geschafft hat, die Seiten zu wechseln. Von der Schülerin der Fiktion zu ihrer Meisterin. In dieser Hinsicht ist «Orion» ein funkelnd vertracktes Kunstwerk.Nora Meyer wächst sich im Roman nach und nach zu einer nüchternen und lebenspraktischen Frau aus. Vom Land kommt sie nach München und studiert dort. Sie interessiert sich für die Arbeit im Bayerischen Hauptstaatsarchiv. Für den skrupulösen Umgang mit Dokumenten der Vergangenheit, der wiederum auch skrupulöse Menschen hervorbringt. Archivare. Dr. Theseus Dellendrücker ist so einer. Es kommt zu einem Flirt, aus dem sich vorerst aber nichts weiter ergibt.Nora wird Gymnasiallehrerin am Rand von München. Sie müht sich nach Kräften, bei den Schülern Interesse für das gedruckte Wort zu erwecken. Sie beobachtet Kollegen und sich selbst mit chirurgischer Genauigkeit. Diese Figur ist eine von den typischen Erzählinstanzen Petra Morsbachs.Die 1956 in Zürich geborene und in München lebende Schriftstellerin beherrscht wie kaum jemand sonst die Kunst, Milieus von innen zu zeichnen und ihre Sprache zu imitieren. Es gibt einen «Opernroman», die Romane «Gottesdiener», «Der Cembalospieler», «Dichterliebe» und «Justizpalast». Alle sind Ergebnisse von aufwendiger Recherche und spielerischer Ironie. Was immer gilt bei Petra Morsbach: Die wahre Grösse des Menschen zeigt sich daran, wie er mit seiner Nichtigkeit umgeht.Die starken ArmeIst «Orion» ein satirischer Lehrerroman? Das wäre zu kurz gegriffen. Hier beginnt das Milieu zu schillern, weil die beteiligten Pädagogen sich als sehr divers erweisen. Es sind Charaktere, die hier gezeichnet sind. Dass die Schüler den ihren erst formen müssen, macht sie nicht weniger charakteristisch. «Orion» ist voller Porträts, voller Skizzen von Menschen, die nur am Rande von Noras Leben vorkommen, aber doch für Augenblicke die ganze Beachtung verdienen. Vom Lesen ist im Roman nicht nur in schulischen Zusammenhängen die Rede, denn der fanatische Literaturfan Nora kann gar nicht anders, als in Freunden und Kollegen zu lesen, als wären sie Bücher.Und was für welche. René Zebe, Deutschlehrer, ist ein Breitcord-Achtundsechziger mit rötlichem Cäsarenhaar. Er übt mit seinen rhetorischen Fähigkeiten auf die Schülerinnen einen Reiz aus, den er offenbar auch im Schlechtesten auszureizen wusste. Es sind noch nicht die Zeiten, wo so etwas in der Schule zu grossen Skandalen geführt hätte. Dann gibt es noch Leonore Maria Clementine Elisabeth Baronin Tux zu Knoll (Biologie und Chemie). Sie ist feinsinnig und stolz und wird sich später einer Sekte anschliessen, die ihr das gesamte Baronessenvermögen raubt.Im Lehrkörper gibt es die Lauten und die Stillen, genauso wie unter den Schülern. Nora Meyer hat die Nuancen im Blick, aber sie durchschaut nicht, dass sie ausserhalb der Schule in eine Falle tappt. Mit dem Archivar Dr. Theseus Dellendrücker wird es doch noch ernst. Der alsbaldige eheliche Vollzug bringt einen Antihelden mit heroischem Namen hervor: Aeneas Dellendrücker. Etwas verschämt nennt man ihn nur Enni. Mit seinem mythischen Namensvetter verbindet ihn so gut wie nichts. Er ist ein Zauderer und Sternengucker. Deshalb auch der Buchtitel «Orion».Petra Morsbach treibt ihren Roman in satirisches Pathos hinein, um die absurde Banalität des Lebens deutlich werden zu lassen. Herr Dr. Theseus Dellendrücker ist kein athenischer König, sondern bestenfalls ein Herrscher über Archivalien. Auch mit Drücken ist bei ihm nicht viel los. Seine Frau Nora wird zum Opfer einer körperlichen Vernachlässigung und als solches geradewegs in die starken Arme eines Baumbewerters getrieben.«Ich fand, dass es schön war»Der Mann untersucht Gehölz auf seine Standfestigkeit und bepflanzt in einer durchaus freudianisch zu verstehenden Aktion den ehelichen Garten der Dellendrückers mit blühenden Gewächsen. Der gehörnte Ehemann weiss das Spriessen der Triebe nicht richtig zu deuten. Von seiner Frau wird er dann irgendwann abserviert, aber auch der Baumbewerter erweist sich schliesslich als nicht sturmfest.Der emphatische Begriff von Literatur, den Petra Morsbach ihrer Hauptfigur mitgegeben hat, führt zu zarten Verschiebungen der Realität. Die Überhöhung menschlicher Tiefpunkte führt zu einer rasanten Komik. Dabei ist vieles im Roman sehr ernst. Das Thema Schule zum Beispiel, bei dem die Grenzen pädagogischer Zuwendung immer stärker spürbar werden.Ein neues Selbstbewusstsein der Schüler stellt das Lehrpersonal vor ungekannte Herausforderungen und verursacht Identitätskrisen. Macht und Machtmissbrauch in öffentlichen Institutionen kommen zur Sprache. Ein Sujet, das Morsbach schon in den Essays ihres Buches «Der Elefant im Zimmer» aufgegriffen hat.Und dann ist da noch eine Macht ganz anderer Art: Nora Meyer leidet unter Niereninsuffizienz und ist Dialysepatientin. In der Reha-Klinik, die in der Schlussepisode von «Orion» im Mittelpunkt steht, begegnet die Ich-Erzählerin Schwerkranken und Todgeweihten. Ihre Verzweiflungs- und Selbstbeschwichtigungsmonologe über Gott und die Welt sind Höhepunkte des Romans und Ort eines Cameo-Auftritts der Schriftstellerin Petra Morsbach selbst.Kann es Zweifel darüber geben, dass sie sich in der Figur der Schriftstellerin und Reha-Patientin Gabriele verewigt hat, die von den Menschen mit messerscharfer Empathie spricht? Von wem, wenn nicht von ihr, hat Nora Meyer den finalen Wunsch, auch zu schreiben? «Es war, als dürfte ich alles noch mal erleben. Und ich fand, dass es schön war.» Was für ein schöner Roman «Orion» ist!Petra Morsbach: Orion. Roman. Penguin-Verlag, München 2026. 416 S., Fr. 37.90.Passend zum Artikel
Der Sound des Daseins: Petra Morsbach erzählt, wie Literatur das Leben formt
Auch im Geraschel von Papier steckt der Sound des Daseins: Petra Morsbach treibt ihren Roman «Orion» in satirisches Pathos hinein, um die absurde Banalität des Lebens deutlich werden zu lassen.








