«Hast du Fieber?», herrschte ich ihn an. Meine Erfahrungen als Aushilfslehrer ohne Diplom vor einer Sekundarschulklasse Aufgrund ungewöhnlicher Umstände verschlug es unseren Autor als Aushilfslehrer ohne pädagogische Ausbildung vor eine Problemklasse. Er meisterte die Aufgabe erstaunlich gut – dank gesundem Menschenverstand, Wohlwollen und seiner langen Zeit im Militär.Beni Iten (Text), Johan Keslassy (Illustration)17.05.2026, 05.30 Uhr12 LeseminutenEs ist Donnerstagnachmittag, zehn Minuten vor Schulschluss. Am Ende der Englischstunde müssen die Sekundarschüler das Klassenzimmer aufräumen. Das verläuft harzig. Niemand hilft freiwillig einem Mitschüler. Ich bitte Mohammed, einen schlaksigen Türken, einen Besen in die Hand zu nehmen. Das bringt ihn an die Grenzen seiner Frustrationstoleranz. Er beginnt zu maulen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Das nächste Mal sage ich es jemand anderem», antworte ich ruhig, aber bestimmt. «Nimm den Besen: Wenn du nicht trödelst, bist du in einer Minute fertig.»Widerwillig beginnt er zu kehren. Ein Mitschüler, der zwischen zwei Bankreihen einen Schritt rückwärts macht, touchiert ihn leicht an der Schulter.«Alter, geh weg, du Hurensohn!», schreit Mohammed durchs Zimmer.Ich verfüge über null Tage Ausbildung als Lehrer und habe darum auch nie eine Instruktion erhalten, wie man in solchen Situationen verfahren soll. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass der Steuerzahler mich nicht bezahlt, damit ich im Schulzimmer Wörter wie «Hurensohn» ignoriere. Und ich habe auch keine Lust darauf. Ich fixiere Mohammed eine Sekunde lang mit meinem Blick. Dann tue ich etwas, das, wie ich später erfahren werde, gegen alles verstösst, was im pädagogischen Kanon von heute heilig ist.«Du bist so gross!»Aber beginnen wir von vorne. Ich bin Ende 30, verheiratet und habe drei Kinder im Vorschulalter. Nach einem BWL-Studium machte ich Controlling in verschiedenen grösseren Firmen, zuletzt bei einer Handelskette. Die machte dann wieder einmal eine Restrukturierung, und ich war draussen.Ich fand drei Monate nichts Neues und landete so letzten Frühling auf dem RAV. Keine besonders tolle Erfahrung. Während meines ersten Bewerbungskurses lernte ich über einen Kontakt eine Juristin kennen, die gerade die Quereinsteigerausbildung zur Sekundarlehrerin machte. Sie erzählte mir, wie akut der Lehrermangel im Kanton Zürich sei.Die Idee, als Lehrer zu arbeiten, reizte mich. Meine Frau meinte, dass das passen könnte – umso mehr, als ich eine «soziale Ader» habe.Warum also nicht? Auf der Website des Volksschulamtes gibt es Stellenanzeigen en masse.Ich entdecke ein Vikariat an der Sek eines Nachbardorfs: für fünf Wochen zehn Wochenlektionen, und zwar für die Fächer «Räume, Zeiten, Gesellschaften» (Geschichte und Geografie), «Bewegung und Sport» (Turnen) und Englisch.Zwei Stunden nachdem ich mein CV abgeschickt habe, erhalte ich einen Anruf von Sarah, der Schulleiterin. Ob ich noch heute vorbeikommen könne? Ich kann.Am späten Nachmittag stehe ich in Sarahs Schulleiterbüro. Mein CV hängt an einem Whiteboard. Sarah ist etwa 45, rothaarig, Business-Attire. Schön, dass ich Interesse hätte, meint sie. Sie bittet mich, eine Schlüsselquittung zu unterschreiben. Auf mein CV kommt sie nicht zu sprechen, und auch einen Strafregisterauszug verlangt sie nicht. Dafür schaut sie zu mir hinauf, lächelt und stellt mit sonderbarer Befriedigung fest: «Du bist so gross! Wie gross bist du, Beni?»Ich bin 1 Meter 93 gross und darüber hinaus ziemlich gut in Form. Aus meinem CV kann man zudem herauslesen, dass ich relativ viel Zeit im Militär verbracht habe. Genau so jemanden will Sarah, denn sie ist ein Profi. Aber das weiss ich alles noch nicht.Sarah übergibt mich an Jay. Jay heisst eigentlich Jasmin, lässt sich aber Jay nennen. Sie ist 26 und hat vor einem Jahr die Lehrerausbildung an der Pädagogischen Hochschule (PH) Zürich abgeschlossen. Nun ist sie teilkrankgeschrieben. Es sind ihre Lektionen, die ich übernehmen werde, und sie muss mich nun instruieren.«Ich glaube nicht ans Strafen»Jay sieht aus wie die Karikatur einer Queerfeministin: Piercings, pink gefärbte Haare, schwarzer Lippenstift, der Laptopdeckel voll mit Frauenstreikstickern in Genderdeutsch.Jay wiederholt immer wieder, wie toll es sei, Lehrerin zu sein. Schnell wird mir klar: Sie erzählt das nicht mir, sondern sich selbst. Denn zwischen den Liebeserklärungen an den Beruf lädt sie Horrorerlebnisse mit querulantischen und respektlosen Schülern bei mir ab, die ihr ganz offensichtlich zu schaffen machen.Ich will wissen, wie sie jene bestraft, die sich grob danebenbenehmen. Sie glaube nicht ans Strafen, antwortet sie. Ihr Ansatz sei mehr so der positive über Loben und Ermutigung.Ich frage mich, ob das ihre persönliche Idee ist oder ob man solchen Stuss an der PH lernt. Und ich denke, dass sie keine drei Jahre als Lehrerin durchhalten wird. Aber ich sage mir auch, dass ich erst einmal zu unterrichten beginnen sollte, bevor ich zu (ver-)urteilen anfange.Sie glaube nicht ans Strafen, antwortet sie. Ihr Ansatz sei mehr so der positive über Loben und Ermutigung.Gibt es auch in «meiner» Klasse solche Disziplinarprobleme? Eigentlich nicht, meint Jay. Einer habe ein unbehandeltes ADHS, der steige manchmal während der Stunde auf Tische und mache Tierlaute. Und Rico, ja, der sei schon ein wenig mühsam. Er brülle manchmal rum, wenn es ihm langweilig sei, und störe halt öfters mal den Unterricht, diskutiere rum, befolge Anweisungen nicht. Aber eigentlich sei er ein Gescheiter.Für meine Grünhornohren klingt das unglaublich.Um die Unterrichtsplanung muss ich mir erst einmal keine Gedanken machen. In «Räume, Zeiten, Gesellschaften» (RZG) soll die Klasse noch zwei Doppelstunden ein Plakat zum Thema Gewerkschaften gestalten, und zwar in Gruppen. Im Englisch habe die Klasse «überhaupt keine Lust». «Mach einfach mit dem Lehrmittel weiter. Wenn sie nicht arbeiten, schau halt einen Film mit ihnen, oder mach ein Spiel.» Im Sport habe ich zwanzig Jungs, «die wollen eh nur Fussball spielen».Das klingt alles mehr nach Hort als nach Schule und vor allem nicht nach dem teuersten Bildungssystem der Welt. Aber mir soll’s recht sein. Schwieriger ist die Frage, wie ich vor die Klasse treten soll. Ich beschliesse, mich so zu geben, wie die Lehrer waren, die ich in bester Erinnerung habe: wohlwollend, engagiert – und streng.«gewerckschafter waren Ehrenmänner»Meine erste Lektion ist eine Doppelstunde RZG. Der Auftrag ist simpel: Gemäss Jays Instruktion muss ich die Schüler, die 90 Minuten an ihren Plakaten arbeiten werden, «begleiten». Will heissen: herumgehen, eventuelle Fragen beantworten und «bei der Recherche unterstützen».Ich schliesse das Schulzimmer auf, schreibe meinen Namen an die Wandtafel und warte. Langsam tauchen die Schüler auf. Niemand kommt mich begrüssen oder erkundigt sich nach dem Namen an der Tafel. Eine Minderheit sagt «Grüezi». Als es klingelt, sind etwa zwei Drittel der Klasse im Zimmer. Die andern schlendern nach und nach herein, schwatzend. Nach drei Minuten schliesse ich wortlos die Türe, stehe vor die Tafel und sage: «Guten Nachmittag zusammen. Mein Name ist Herr Iten. Ich werde ab sofort in gewissen Fächern Frau Messmer vertreten. Es gibt bei mir genau eine Regel: Ihr werdet euch anständig verhalten, und zwar ausnahmslos.»Als es klingelt, sind etwa zwei Drittel der Klasse im Zimmer. Die andern schlendern nach und nach herein, schwatzend.Betretene Blicke, aber keine Fragen oder Opposition. Offenbar kann sich jeder und jede eine Vorstellung davon machen, was mit «anständig verhalten» gemeint ist. Umso besser.Ich gehe von Gruppe zu Gruppe, schaue mir die einzelnen Plakate an. Eine Mädchengruppe hat in den letzten beiden Doppelstunden ein ausgestaltetes Plakat hinbekommen, das nach Sekundarschule aussieht. Die anderen Plakate sind praktisch leer, gestalterisch auf Kindergartenniveau und schwindelerregend halbanalphabetisch.«Die Gewerkchaften wollten dass die löhne mehr fair verteilt sind»«Es gab auch eine christlichen Gewerkschaft»«Gewerkschaften Kämpfen für die rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter.»«gewerckschafter waren Ehrenmänner»Ich gebe mein Bestes, um meine Überraschung zu verbergen. Mein Schulhaus arbeitet mit sogenannten niveaudurchmischten Klassen. Sek-, Real- und Oberschüler (heute heissen sie A-, B- und C-Schüler) werden zusammen unterrichtet. In meiner Klasse sind gut zwei Drittel A-Schüler, der Rest ist B. Immerhin 15 von 19 Schülern reden zu Hause Deutsch. In einem Jahr sollten die eine KV-, Informatik- oder Polymechanikerlehrstelle im Sack haben.Echt jetzt?«Ich ficke deine Kinder!»Der Vorfall mit Mohammed findet in meiner zweiten Schulwoche statt. In der Sekunde, in der ich ihn wortlos anstarre, kommt mir nichts in den Sinn, was dagegenspricht, genau so zu reagieren, wie ich finde, dass es eine derartige Wortwahl gebietet. «Hast du Fieber?», herrsche ich ihn in einer Lautstärke an, die nur knapp unter dem Level Kaserne liegt. «Das hast du das erste, das letzte und das einzige Mal gesagt! Das nächste Mal kannst du was erleben!»Ich sehe, dass er protestieren will, aber ich unterbreche ihn sofort. «Ich will nichts mehr von dir hören! Nimm den Besen und wisch dein Zeug, verstanden?»Nicht nur Mohammed, sondern die ganze Klasse räumt in bemerkenswert sachlicher Stimmung auf, und es wird das einzige Mal bleiben, dass ich in dieser Klasse das H-Wort höre.Gemessen an der Wirkung war meine Reaktion also ein Erfolg. Gemessen an den geltenden pädagogischen «Best Practices» hingegen reagierte ich, wie ich noch erfahren werde, völlig falsch. Im grossen Ganzen gibt es in Bezug auf Autorität heute nämlich zwei Camps in der Pädagogik. Das eine lehnt Autorität per se ab und redet nicht mehr von Lehrern, sondern von «Lerncoachs» und «Lernbegleitern». Das andere Camp ist das der sogenannten «Neuen Autorität». Dieses Camp hält Autorität als solche zwar nicht für überholt, erachtet das Zeigen von Emotionen aber als deplatziert. Zum Ideallehrer der «Neuen Autorität» gehört, dass er immer ruhig bleibt.Nachdem ich die Klasse entlassen habe, gehe ich ins – sehr stilvoll möblierte und üppig ausgestattete – Lehrerzimmer. Es ist leer. Als ich mich mit einem Espresso auf ein Sofa niederlasse, kommt Veronika herein. Veronika ist etwa gleich alt wie Sarah und Fachlehrerin für Natur und Technik.«Kommst du zurecht?», fragt sie mich, ehrlich interessiert.«Ja, danke. Nur hat grad einer ‹Hurensohn› gesagt vorhin – unglaublich.»«Hat er es zu dir gesagt?»«Natürlich nicht», lache ich.Dann erst realisiere ich, dass sie wohl nicht umsonst gefragt hat. Ob es denn vorkomme, dass ein Schüler so etwas zu einem Lehrer sage, erkundige ich mich.Sie nimmt ihren Tee und setzt sich ebenfalls.Sie arbeite seit gut zwei Jahren an dieser Schule. Ich sei der elfte oder zwölfte Vikar für diese Klasse in neun Monaten. Einer sei gegangen, nachdem ihm Schüler ins Gesicht gefurzt hätten. Im Januar habe ein Drittklässler einer Französischlehrerin «Ich ficke deine Kinder!» gesagt, als sie ihn wegen einer Sachbeschädigung zur Rede gestellt habe. Der habe dann für zwei Wochen einen Schulverweis bekommen. Der Lehrerin gehe es nicht mehr so gut.Ebenfalls in dieser Klasse habe ein Schüler einen anderen spitalreif geschlagen. Die Polizei habe den gleich im Unterricht geholt, richtig ruppig, das sei super gewesen. Der sei dann in die Sek im Nachbarort umgeschult worden. Und Jay habe die Mehrheit ihrer Stunden ja auch schon wieder abgegeben, obwohl sie erst seit dem Sommer hier sei.Schon vor Corona sei es mühsam gewesen, aber seither sei es einfach nur noch bedenklich und werde immer schlimmer. Es komme natürlich auch auf die Schulleitungen an, aber die meisten schauten einfach nur zu. Jeder dieser «Siechä» kriege hundert Chancen, bis etwas passiere. Aber allgemein sei es an dieser Schule okay, an ihrem letzten Arbeitsort sei es schlimmer gewesen.Ich sage, was ich denke: «Für solche Ausfälligkeiten sollte man einem Schüler eine runterhauen können.»Veronika nimmt einen Schluck Tee. «Ja, vielleicht nicht grad eine runterhauen . . .», entgegnet sie. Aber ihr Protest ist matt, pro forma.«Mit diesem Scheiss kannst du nicht unterrichten»In den ersten drei Wochen verläuft der Unterricht eher harzig. Die Klasse begehrt zwar nicht auf, aber ich merke, dass sie nicht gerne zu mir kommt. Und wenn ich mit dem Geschichtslehrmittel in der Hand ihnen irgendetwas zu vermitteln versuche, dann sehe ich: Die meisten wissen nicht, was ich will. Sie hängen ab. Als mich die Schulleitung in der fünften Woche fragt, ob ich noch zwei Monate weitermachen wolle, sage ich dennoch mit Freude zu. Denn inzwischen sind zwei entscheidende Dinge passiert.Zum einen habe ich das Geschichtslehrmittel längst in den Schrank verstaut. Noch in der dritten Woche klage ich nämlich einmal an einem voll besetzten Mittagstisch, dass es mir schwerfalle, «Gesellschaften im Wandel» sinnvoll zu verwenden. Ich erhoffe mir Tipps, ernte aber bloss mitleidige Blicke. Dass dieses Lehrmittel unbrauchbar ist, ist offenbar Konsens. Werner – knapp sechzig, weisser Schnauz, Kurzarmhemd, Vollblutreallehrer – schaut von seiner Tupperware auf und drückt es wie folgt aus: «Mit diesem Scheissdreck musst du auch nicht meinen unterrichten zu können.» Ich frage in die Runde, wie es denn mit den übrigen Lehrmitteln aussehe. Das einzige Lehrmittel, das einen bedingungslosen Tauglichkeitsstempel erhält, ist das für Mathematik. Auch ich werde es noch schätzen lernen.Den Rest der Mittagspause verbringe ich in Werners Klassenzimmer. Er erklärt mir mit dem Feuer eines Menschen, dem daran liegt, jeden Tag sein Bestes zu geben, sein eigenes Geschichtsmaterial. Es basiert auf Frontalunterricht und der Schauspielkunst des Lehrers. Das Ziel ist, die Geschichte anhand von Bildern und Erzählungen zum Leben zu erwecken.Ich versuche seine Methode. Ich bereite mich gründlich (und viel aufwendiger, als eigentlich verlangt wäre) vor, halte fünfzehn-, zwanzigminütige Vorträge, gestikuliere mit Stimme und Körper. Wie viel die Schüler lernen, kann ich nicht abschätzen. Aber sie geniessen die Zeit des Zuhörens sichtlich, und sie haben immer eine Menge Fragen. Und die Beziehung zu mir verbessert sich. Kinder und Jugendliche – das wird einem jeder Lehrer bestätigen – sind Meister darin, zu spüren, wer wie viel Energie in seinen Unterricht steckt. Und je mehr man hineinsteckt, desto grösser ist die Wertschätzung, die man zurückbekommt.«Achtung, Grenadier!»Noch wichtiger dafür, dass die Schüler und ich einander schon nach wenigen Wochen ein wenig ans Herz gewachsen sind, ist aber ein Moment im Turnunterricht. In der dritten Woche heisse ich sie zu Beginn der Stunde ein wenig gedankenabwesend: «Kommt einmal ins Daher!»Natürlich weiss niemand, was das ist. Ich erkläre, dass es ein Ausdruck aus dem Militär sei, und werde mit grossen Augen gefragt, ob ich in der Armee gewesen sei. Ja, sage ich und werde damit augenblicklich zum Exotikum. Einer will wissen, wo ich dann gewesen sei. Bei den Grenadieren, antworte ich.Am nächsten Tag bildet sich vor dem Unterrichtsbeginn eine Traube Jungs um mein Pult. Die Grenadiere, das seien ja Special Forces, meint einer, er habe das im Internet nachgeschaut. Sie haben Fragen über Fragen. Mit welchen Waffen darf man schiessen? Lernt man da auch Nahkampf? Ist es hart?Ich frage, wen es interessiere. Die meisten Jungs strecken auf und sogar zwei Mädchen. Also streiche ich die erste Viertelstunde der Lektion und gebe Auskunft. Nicht über Sturmgewehrtypen, sondern über den Dienst, das Dienen, über die Erfüllung, die man spürt, wenn man eine schwierige Aufgabe meistert. Und ich lasse durchblicken, dass ich es für ein Privileg hielte, in der Schweiz zu leben, dass ich grundsätzlich ein sehr positives Verhältnis zu meinem Land hätte und der Meinung sei, dass die Schweiz für die meisten Leute immer noch unglaublich viele Möglichkeiten biete – dass man hier etwas machen und etwas werden könne, wenn man denn wolle.Ab dieser Stunde ist der Unterricht merklich anders. Die Schüler erlauben sich immer noch viel weniger als bei anderen Lehrern, aber es ist nun weniger aus Angst oder aus ablehnender Passivität als aus positiver Anerkennung meiner Autorität. Wenn ich über den Pausenplatz gehe, machen sich einige einen Spass daraus, «Achtung, Grenadier!» zu rufen. Sie provozieren damit, aber ich spüre, dass es keine feindselige Provokation ist, im Gegenteil. Sie suchen die Bindung. Manchmal lache ich, manchmal winke ich, manchmal rufe ich: «Hiiiiiier!»Die Schulleitung und die meisten Lehrerinnen und Lehrer mögen mich. Meine Autorität ist ein Asset für den ganzen Trakt. Wenn ich die Treppe hochkomme, wird es gleich ein wenig leiser und gesitteter. Bei der Klasse, die ich unterrichte, nehmen Regelverstösse ab, und auch das Verhalten der Schüler untereinander wird ein wenig zivilisierter. Warum das so ist, darüber sind sich die erfahrenen Lehrer einig: «Du nimmst sie ernst, du bereitest dich vor, du hast eine klare Linie, und du hast einen Plan für sie. Genau darauf kommt es an.»Nach drei Monaten ist Schluss. Jays Teilkrankschreibung endet. In der letzten Schulstunde lasse ich die Klasse anonym Feedback zu mir und zu meinem Unterricht geben. Viele lobende Worte erhalte ich unter anderem von Mohammed (ich kenne seine Schrift mittlerweile). Als ich einen Tag später mein Notebook und meinen Schlüssel zurückbringe, kommt Kevin über den Pausenplatz zu mir. Er ist das grösste Sorgenkind der Klasse. Der Vater in Südamerika, die Mutter mit wechselnden Partnern lebend, Alkohol ein grösseres Thema. Er selbst hat schon einen schriftlichen Verweis kassiert. Manchmal ist er bereits morgens sichtlich bekifft.Nun sagt er, er finde es so schade, dass ich ginge, und eigentlich habe er mir noch ein Geschenk geben wollen. Ich weiss einen Moment gar nicht, was ich sagen soll. «Du musst mir kein Geschenk geben», antworte ich dann väterlich. «Das grösste Geschenk für mich ist, wenn du dein Zeug machst und eine gute Lehrstelle findest.»Bei diesem Erfahrungsbericht handelt es sich um die gekürzte Version eines Textes, der in der jüngsten Ausgabe des Magazins «Schweizer Monat» erschienen ist. Der Autor hat den Artikel unter einem Pseudonym verfasst und verschiedene Angaben leicht verändert, um weder Schulort noch Personen erkennbar werden zu lassen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel