Handysucht, zunehmende psychische Probleme, Stress: Warum Jugendliche Zuflucht in einem altmodischen Handwerk suchen – und selbst Zürcher Psychiatrien darauf setzen.19.05.2026, 05.01 Uhr7 LeseminutenWenn Simone Ryan strickt, schauen ihr 50 000 Menschen zu. Sie strickt Kleider, Schals, Pullover – und ihre Instagram-Follower verfolgen jede Masche gebannt. Ryan, 33 Jahre alt, aus Zürich, wurde als @Rust_Knitwear zu einer der bekanntesten Strickerinnen der Schweiz. Wenn sie strickt, muss sie kaum mehr auf ihre Wolle schauen. Fast schon nebenher hebt sie millimeterdicken, weichen Faden mit einem leisen Klacken von der einen auf die andere Nadel. Ganz ohne Anleitung strickt sie so gemusterte Pullover, fein strukturierte Westen, elegante Kleider. Ryan sagt: «Das Stricken beruhigt mich einfach ungemein.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch andere analoge Hobbys erleben gerade einen Boom. Die Vinyl-Läden sind voll, bei «silent reading raves» versammeln sich Dutzende in Cafés, Pärken oder Trams zum gemeinsamen Lesen. Vor allem aber boomt das Handwerk: Häkeln, Töpfern, Stricken. Es gibt Stricknachmittage («Crafternoons»), passende Fanartikel, zum Beispiel Stofftaschen mit Sprüchen wie «Drop Stitches Not Bombs» – lasst Maschen fallen, keine Bomben. Und natürlich hat sich in den sozialen Netzwerken eine eigene Subkultur entwickelt: die Anleitung zum Wollpullover im Vollpatentmuster, geteilt auf Knitstagram.Es ist, als wäre die Gen Z auf dem Dachboden ihrer Grosseltern nach Hobbys suchen gegangen – und hätte das biederste mitgenommen.NervösDie Strickfluencerin Simone Ryan hat schon gestrickt, als es noch nicht cool war. Als Kind strickte sie Schals, als junge Erwachsene Pullover, Cardigans, Kleider. Das Stricken, sagt sie, sei für sie wie ein Anker.Die Strickfluencerin Simone Ryan im selbstgestrickten Kleid – natürlich.Während ihres Psychologiestudiums an der Universität Zürich strickt Ryan, um den Vorlesungen folgen zu können. Sie muss sich bewegen, um sich konzentrieren zu können. Sind ihre Hände beschäftigt, kann sie besser zuhören.Nach dem Studium strickt Ryan, um mit dem Stress des Alltags umgehen zu können. Eine Trennung gleich nach der Geburt des zweiten Kindes, Verantwortung für Sohn und Tochter, ein 70-Prozent-Pensum, ihr Instagram-Account.Irgendwann macht sich Ryan das Stricken zum Beruf: Erst verkauft sie eigene Muster. Schliesslich beginnt sie, bei einem Wollhändler zu arbeiten und seine sozialen Netzwerke zu betreuen.Doch davor ist Ryan mit ihrem Hobby jahrelang allein. Dann kommt die Corona-Pandemie. Und plötzlich ist Stricken Trend.Die Google-Anfragen zu «stricken» schnellen in die Höhe, kleine Wollläden sind ausverkauft. «The Economist», die BBC, die «New York Times» berichten über den Trend. Michelle Obama oder Meryl Streep erzählen von ihren Strickprojekten. Der Turmspringer Tom Daley strickt am Rande des olympischen Beckens. Er sagt: «Stricken ist meine Superkraft. Es hilft mir, allem zu entkommen.»Die Generation Z gilt als psychisch labile Generation. Die Jugendpsychiatrien im Kanton Zürich sind seit Jahren aus- bis überlastet. Laut einer Studie von Sotomo, für die 2800 Jugendliche befragt wurden, suchten 2025 41 Prozent der 18- bis 35-Jährigen die Hilfe von Therapeutinnen und Therapeuten. Im Vergleich dazu: Bei Seniorinnen und Senioren waren es 9 Prozent, bei der Generation dazwischen 22.Obwohl Fachleute noch darüber streiten, woran das liegt, ist klar: Vielen Jungen geht es schlecht. Und manche scheinen zu versuchen, sich den Kummer von der Seele zu stricken.Tatsächlich sind Oma-Hobbys gut für die psychische Gesundheit. In Bezug auf das Stricken zeigt das etwa eine Studie im «Journal of Occupational Science». Es ist kein Zufall, dass es in Psychiatrien nicht nur Mal- und Töpfertherapien gibt, sondern auch Strickgruppen.In der Region Zürich bieten mehrere psychiatrische Stationen Strickrunden an. Ein Beispiel ist das Sanatorium Kilchberg, eine private psychiatrische Klinik. Die Chefärztin Katja Cattapan sagt: «Die repetitiven Bewegungen beim Stricken können Stress reduzieren und den Blutdruck senken. Das entfaltet einen beruhigenden Effekt.» Der Vorteil der Technik sei, dass sie nicht auf Therapiestunden begrenzt sei: Die Patientinnen und Patienten könnten nach der Therapie weiter stricken, wenn sie das brauchen.Im Sanatorium Kilchberg entstünden deshalb sogar spontane Strickrunden der Patientinnen und Patienten, sagt die Chefärztin Cattapan. «Häufig helfen die Älteren, die schon länger stricken, dann den Jüngeren. Das berührt mich besonders.»Die Chefärztin Cattapan sagt, dass Stricken auch die Selbstwirksamkeit stärke. «Man sieht, was man durch seine eigene Anstrengung erreichen kann. Das ist psychologisch sehr vorteilhaft.» Anders gesagt: Stricken gibt einem ein Gefühl von: «Ich kann das – komme, was Wolle.» Das tut gut.Weniger Stress, mehr Gemütlichkeit: Viele Junge halten sich an Stricknadeln fest.Schöne Welt, wo bist du?Einmal pro Monat findet im Zürcher Kino Le Paris das «Strickkino» statt. Ein Abend, an dem während des Films die Lichter brennen, damit man alle Maschen sieht. Vor dem Film gibt’s Prosecco, im Kinofoyer kann man sich Stricksets kaufen.An einem Frühlingsabend läuft im Strickkino «Mein Freund Barry», ein Film über die Freundschaft zwischen einem kleinen Jungen und einem Welpen, der zum Lawinenhund ausgebildet wird. Es ist ein banaler Film mit Happy End, es scheint oft die Sonne, es spielt harmonisch Musik, die Szenen werden in warmes Licht getaucht.Der Psychologe Stephan Grünewald spricht in Anlehnung an die Gegend der friedliebenden Hobbits in J. R. R. Tolkiens «Herr der Ringe»-Trilogie von einem Rückzug in «Auenländer» als Bewältigungsstrategie: Man trifft sich in Gemeinschaften, in denen es um nichts geht, was belastet. Wo Krisen, Kriege, Katastrophen weit weg sind.So wie an diesem Abend im Strickkino, wo «links» und «rechts» nur Maschen meinen und keine Politik.Der Strickkurs-Teilnehmer Isidor strickt, um weniger am Handy zu sein.Der ProtestIst der Trend zu analogen, beschaulichen Oma-Hobbys auch der Ausdruck einer zunehmenden Apathie?Die Strickfluencerin Simone Ryan widerspricht. «Ich stricke bewusst auch in der Öffentlichkeit, um diesem Handwerk mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen», sagt sie. «Stricken wird oft kaum ernst genommen, weil vor allem Frauen es tun. Würde Stricken eher mit Männern in Verbindung gebracht, gälte es vermutlich eher als bewundernswerte Fertigkeit.»Tatsächlich hat das Stricken eine politische Geschichte. Während der Französischen Revolution strickten Frauen demonstrativ, während sie Hinrichtungen verfolgten – «la tricoteuse» ist deshalb noch immer Synonym für politische Radikale. Im Ersten Weltkrieg strickten alte Frauen Symbole in Strickarbeiten ein, um ihrem Geheimdienst Truppenbewegungen zu übermitteln. Während der 68er Proteste strickten junge Menschen, um gegen Massenkonsum und Geschlechterrollen zu protestieren.SüchtigNicole Bretscher hat aus der neuen Leidenschaft der Jugend ein Geschäft gemacht. Sie sitzt in ihrem Wollladen in Zürich regelmässig inmitten einer Runde Strickerinnen und Stricker, die an ihrem alten Holztisch zusammen Westen, Jacken, Blusen stricken. Bretscher ist 64 Jahre alt, trägt zwei schulterlange Zöpfe, ein rotes Haarband und einen Pulli, auf dem eine Figur aus «Peter Pan» prangt. Das Motto ihres Ladens im Zürcher Kreis 3 lautet: «Stricken ohne altmodisch», auf Instagram nennt sie sich «Rocket Gran».Die mittlerweile zweifache Grossmutter strickt bereits seit vierzig Jahren. Angefangen hat sie, als sie Mutter wurde. «Zu dieser Zeit fühlte es sich an, als wäre die Arbeit einfach endlos, als würde nie etwas fertig. Das Stricken gab mir das Gefühl, immerhin etwas im Leben abschliessen zu können.»An diesem Dienstagabend will Bretscher sechs Anfängerinnen und Anfängern das Stricken beibringen. Das Ziel: nach zwei Kursabenden einen «Sophie scarf» gestrickt zu haben, einen kleinen dreieckigen Schal, der während der Pandemie von einer dänischen Designerin entworfen wurde. Das Muster ging damals viral.Bretscher hält vor ihren Teilnehmern zwei Stricknadeln in die Höhe. «Inesteche, umeschloo, durezie, und abeloo – erinnert ihr euch?» Vor ihr: sechs Kursteilnehmende, von Beruf Lehrerin oder Softwareentwickler. Sie kämpfen mit den Nadeln, die Hände verkrampft, die Lippen aufeinandergepresst.Ein Kursteilnehmer namens Isidor, Anfang 30, Informatiker, sagt: Er sei hier, weil er weniger Zeit am Smartphone verbringen wolle. «Ich verschwende viel zu viel Zeit am Handy. Es tut mir einfach nicht gut.»Auf die Idee mit dem Stricken brachte ihn ein Video mit dem Titel: «10 Arten, wie du mit dem Doomscrollen aufhörst». Doomscrollen – so nennt sich das, wenn man stundenlang, wie in einem Sog, auf Instagram oder Tiktok weiterwischt, bis man sich deswegen nur noch elend fühlt.Die «Rocket Gran» Nicole Bretscher strickt, «damit sich immerhin etwas im Leben fertig anfühlt.»Es ist mittlerweile erwiesen, dass soziale Netzwerke wie Instagram oder Tiktok süchtig machen können, dass die Aufmerksamkeitsspanne sinkt, wenn man zu viel scrollt. Sozialwissenschaftliche Experimente mit insgesamt 1200 Teilnehmenden haben gezeigt, dass depressive Symptome seltener werden, wenn Menschen nur eine Woche nicht auf Instagram scrollen.Doch davon sind viele unter 30-Jährige weit entfernt. Laut einer repräsentativen Studie der Universität Zürich sind 20- bis 29-Jährige 8,4 Stunden pro Tag online. Selbst die unter 20-Jährigen verbringen durchschnittlich bereits über 6 Stunden täglich im Internet. Die Zahlen steigen.Dabei wollen die Jungen gar nicht so viel online sein: 82 Prozent der 20- bis 29-Jährigen sagen in genannter Studie aus, dass sie weniger Zeit im Internet würden verschwenden wollen.Doch es ist schwer, sich vom Handy zu lösen. Das Design mancher Social-Media-Apps wurde Glücksspielautomaten nachempfunden. Viele Apps sind so gestaltet, dass sie direkt das Belohnungszentrum des Hirns ansprechen: Beispielsweise ein Like löst einen Dopamin-Kick aus. Das kann süchtig machen. Deshalb gibt es mittlerweile Käfige, in denen man das Handy einschliessen kann, und Apps, die den Bildschirm nach einer Weile blockieren. Oder Ablenkung – wie Stricken oder Töpfern.Im Strickkurs von Nicole Bretscher sind die Teilnehmenden so konzentriert, dass während zweier Stunden kaum ein Wort fällt, kein Mobiltelefon aus der Tasche kommt. Isidor, der Informatiker, sagt: «Beim Stricken hören endlich meine Gedanken auf zu kreisen. Und ich schaffe es, nicht mehr am Handy zu sein.»Die EntfremdungZwei Wochen später, die sechs Teilnehmenden treffen sich wieder in Bretschers buntem, wollegefülltem Laden. Sie legen ihre Schals nebeneinander und vergleichen: Isidor strickt bereits seinen zweiten Schal, Susanna kämpft noch immer mit ihrem ersten. Sie hat die Maschen falsch gezählt. Jetzt ist der Schal nur halb so gross, wie er sein sollte. «Ist doch nicht so schlimm», tröstet eine Teilnehmerin sie. «Wenn der Schal nicht perfekt ist, sieht man, dass er von Hand gemacht wurde.»Für die Strickinstruktorin Nicole Bretscher ist auch das etwas, was das Handwerk ihren Kundinnen und Kunden gibt: ein Gefühl von Einzigartigkeit, Individualität.In einer Zeit, in der alles sofort verfügbar und vieles unfassbar billig ist, scheint diese Einzigartigkeit plötzlich wieder einen Wert zu erhalten. Serien, Filme, Möbel, Kleider werden sich immer ähnlicher. Um sich trotzdem ein Gefühl von Individualität zu geben, strickt die Gen Z Pullis. Töpfert Vasen. Häkelt Taschen.Es gibt dafür keinen wirtschaftlichen Grund. Die Materialien, um all diese Dinge selber zu machen, sind weitaus teurer, als einfach einen Pulli, eine Vase, eine Tasche fertig online zu bestellen.Finanziell lohnt sich das Stricken nur, wenn man schafft, was die Wollhändlerin Bretscher und die Influencerin Ryan geschafft haben: sich das Stricken zum Beruf zu machen – und sich damit den Lebensunterhalt zu verdienen.Doch den meisten geht es gar nicht darum. Sondern ganz simpel: um eine Pause. Eine Pause von einer schnellen Welt, mit einem langsamen Hobby.Linke Masche, rechte Masche, linke Masche, rechte Masche, bis der Stress nachlässt.Passend zum Artikel