Es war ein Ereignis, mit dem die litauischen Künstlerinnen Lina Lapelytė, Rugilė Barzdžiukaitė und Vaiva Grainytė die Kunstwelt vor sieben Jahren in Venedig in nachdenkliches Staunen versetzt hatten. Eine von lebensfrohen Farben leuchtende Strandszenerie, ein Wimmelbild der profanen Glückssuche: Badmintonspielende und Eis essende Kinder, Sehnsüchtige und Erschöpfte, mitten auf der ovalen, in Sand getauchten Bühne, die das Publikum aus halberhöhter Position, etwas voyeuristisch, in den Blick nehmen konnte.Zauberhaft verfremdet dadurch, dass die Strandbesucher Singende waren, von Liedern, die zwischen Oper und sanftem Popsong schwankten, repetitiv, eingänglich und von einer fast unerträglichen Leichtigkeit. Und bittersüß gebrochen dadurch, dass diese auf Englisch gesungenen Songs vom Klimawandel handelten und in einer lakonischen Weise die beschränkten, allzumenschlichen Regungen des Seelenlebens mit dem schwer zu greifenden Ausmaß der Klimabedrohung kurzschlossen. „O the sea never had so much color!”, wurde das Bild von Quallen besungen, die zwischen smaragdgrünen Plastiktüten und roten Trinkverschlüssen tanzen. Selten wurde der Widerspruch zwischen dem bürgerlichen Wunsch nach ästhetischer Entlastung und der Wirklichkeit so sanft auf den Punkt gebracht.Ein Geruch zwischen Sägewerk, Ikea und SaunaNach dem großen Erfolg dieser zeitgenössischen Oper mit dem Titel „Sun & Sea (Marina)“, die damals den Goldenen Löwen gewann, durfte man gespannt sein auf Lina Lapelytės erste große Soloarbeit in Deutschland, „We Make Years Out Of Hours“ in der Historischen Halle des Hamburger Bahnhofs. Auch weil sie der Venedig-Arbeit auf den ersten Blick in ihrer sachten Monumentalität und dem kreativen Umspielen der Genregrenzen von Performance, Installation und Klangkunst nahezukommen verspricht. Doch sobald man den Geruch irgendwo zwischen Sägewerk, Ikea und Sauna wahrnimmt, während man sich in einer hölzernen Landschaft aus Bauklötzen versucht zu orientieren, wittert man, dass sich mit dem neuen künstlerischen Ansatz so einiges verschoben hat.Lapelytė und die beiden Kuratoren Sam Bardouil und Till Fellrath haben – ermöglicht von einer großzügigen Finanzspritze von Chanel – 400.000 Holzklötze in die Halle schaffen lassen, um ein interaktives Projekt zu erschaffen, das mit Schlagwörtern wie Partizipation und Achtsamkeit beworben wird. Wehe dem, der bei Chanel an Luxus, Exklusivität und Zigarettenrauch denken muss.Zu ausgewählten Zeiten bauen zwölf Performer mitMan ist eingeladen, mit den Bauklötzen zu spielen, man kann sie stapeln, türmen, architektonische Gebilde bauen, solidere oder fragilere. Dazwischen gibt es, zu ausgewählten Zeiten in der Woche, zwölf Performer, die in uniformer Kleidung mitbauen und die Halle mal chorisch, mal polyphon, mal solistisch singend in einen akustischen Erfahrungsraum verwandeln. Eine Atmosphäre einer spirituellen Arbeitsgemeinschaft.Es ist eine sehr abstrakte, aber, sofern man sich der kuratorischen Anleitung kurz entzieht, durchaus assoziationsreiche Szenerie, die zwischen Naturzustand, Minecraft und Pixeln oszilliert und auf eine sinnlich-abstrakte Art Reflexionen übers Bauen, über Gemeinschaftsdynamiken, über Fragilität, auch über die Ruinen und den Schutt, die die Geschichte hervorbringt, zulässt. Durch den Standort in Berlin sind Assoziationen zu der komplexen Figur der Trümmerfrau, die gleichzeitig an Schuttbeseitigung und Wiederaufbau arbeitetet, nicht fern.Schlüsselmoment PartizipationJedoch wird alles, was in komplexere Gefilde führen könnte, schnell von Worthülsen im Begleitheft überfrachtet. Das Schlüsselmoment dieser Arbeit ist – zumindest wird es kuratorisch ausgiebig so kommuniziert – die Partizipation. Doch dieses Element dient nicht etwa dazu, Bedingungen, Ausschlüsse oder Machtverhältnisse sichtbar und reflexiv zu machen, sondern wird ausschließlich – und damit durchaus naiv – als gut, als authentisch oder als integrativ imaginiert.Liest man sich das Statement durch, dann geht es weniger um die ästhetischen Qualitäten oder um die auch widerspenstigen Assoziationsräume, wie die Welten der Zerstörung, die dieses Projekt eröffnet. Mit den Plattitüden von Partizipation, Fürsorge und Achtsamkeit wird eine sentimentale und idealisierte Vorstellung von einem Auftrag der Kunst als harmloses Mitmachspiel gepflegt, das ja nicht anecken darf. Lapelytės Kunst sei „unaufdringlich“, „egalitär“ und als „Verweigerung jeglicher Monumentalität, die einen Machtanspruch erkennen ließe“ zu verstehen.Was in Venedig noch gelangEs wird wegharmonisiert, was „Sun & Sea“ ausgezeichnet hatte: die Eröffnung einer künstlerischen Reflexionsebene, die Widersprüche erfahrbar macht, statt eine Lebensform vorzugeben und ihre Kraft in Ambivalenzen findet, statt naiv zu werden. Der Zuschauer in Venedig, einer Stadt die wortwörtlich im Übertourismus zu versinken droht, durfte sich auf die sanfteste Art ertappt fühlen. Der menschliche Wunsch nach Partizipation, ob im internationalen Kunstfeld oder auf überfüllten Stränden, wurde hier scharfsinnig mit der Unmöglichkeit der Unschuld verstrickt.Der Durchbruch des moralischen Phantasmas von egalitärer Partizipation als Allheilmittel hingegen entzieht sich nicht einer gewissen Komik, stellt man sich vor, wie geladene Chanel-Gäste Bauklötze rücken und in kindliche-naive Begeisterung versinken, um dann schnell zur nächsten Party zu verschwinden. Sie könnten verpassen, wie Kinder und alte Damen gar nicht ausschließlich gute Wesen sind, sondern sich auch mal kurz der Zerstörungslust hingeben und schelmisch ein Klotz-Gebilde zusammenkrachen lassen. Doch ist eine abstrakte Sentimentalität von Gemeinschaft – wahrscheinlich auch für die Geldgeber – unverfänglicher als die Lust und das Abarbeiten an realen Widersprüchen.Vielleicht ist die Ausstellung im Hamburger Bahnhof in diesem Sinn Symptom für eine Moralisierung des Kunstfelds, die zwischen rigiden Ausschlüssen und Harmoniedruck schwankt, aber gerade darin echte lebendige Erfahrungen von Widersprüchen, die Kunst eigentlich erfahrbar machen kann, verfehlt.In Venedig trafen die drei Litauerinnen einen Ton einer politisch engagierten Kunst, die sich dem Didaktischen entzog und sich vielmehr durch eine subtile und poetische Form der kritischen Bewusstwerdung auszeichnete. Wie bittersüß, erhellend, schamauslösend und voller Trauer und vergänglicher Schönheit zugleich hatte „Sun & Sea“ auf einen nachhaltig wirken können, indem es einem das Drama des modernen Menschen in einer Sanftheit näherbrachte; wie viel eindimensionaler eine Arbeit, die versucht, den Widerspruch auszulagern ins Außen einer abstrakten „zerfallenden Welt“, um für das Selbstbild einen einfachen und bruchlosen Begriff des Guten nähren zu können.Lina Lapelytė – We Make Years Out of Hours. Im Hamburger Bahnhof, Berlin; bis 10. Januar 2027. Der Katalog kostet 12 Euro.
Ausstellung Lina Lapelytė im Hamburger Bahnhof
400.000 Bauklötze, finanziert von Chanel: Die litauische Biennale-Gewinnerin Lina Lapelytė verwandelt in Berlin das „Museum für Gegenwart - Hamburger Bahnhof“ in den edelsten Großspielplatz Deutschlands. Aber ist das Kunst?











