PfadnavigationHomePanoramaZDF-Doku„Das System macht Missbrauch einfach“ – ZDF-Reporterin zieht bitteres Fazit nach Bürgergeld-DokuStand: 15:03 UhrLesedauer: 5 MinutenSarah Tacke vom ZDF im Gespräch mit einem Bürgergeld-Empfänger, der anonym bleiben willQuelle: Sebastian Wagner/ZDF45.000 Euro schwarz verdienen, während das Jobcenter trotzdem zahlt: Eine ZDF-Reportage legt offen, wie Bürgergeld-Missbrauch funktioniert. Kritiker werfen dem Sender und Reporterin Sarah Tacke nun Populismus vor.Angesichts des Milliardenlochs im Bundeshaushalt gerät das Bürgergeld immer stärker unter Druck. Kritiker werfen dem System vor, Missbrauch zu erleichtern und zu wenig Anreize zur Arbeitsaufnahme zu setzen. Der Vorwurf: Zu viele Menschen lebten dauerhaft auf Kosten der Allgemeinheit, ohne sich ernsthaft um Arbeit zu bemühen. Genau diese Kritik hat nun auch eine ZDF-Reportage von Journalistin Sarah Tacke aufgegriffen. Ihre Sendung wird auch Tage nach ihrer Ausstrahlung noch viel diskutiert, denn sie zeichnet streckenweise das Bild eines Systems, in dem Missbrauch offenbar als offenes Geheimnis gilt. In „System Bürgergeld – Leben ohne Leistung“ präsentiert die Leiterin der ZDF-Redaktion Recht und Justiz für ihre Dokureihe „Am Puls“ Fälle von Leistungsempfängern, die das System ausnutzen.So berichtet ein anonymer Bürgergeld-Bezieher offen, er habe sich bewusst „76 Wochen krankschreiben lassen“, obwohl er „nicht krank“ gewesen sei. Warum er immer wieder Jobs aufgegeben habe? „Die Lustlosigkeit. Kein Bock mehr“, sagt er. Wie schwer sei es, einen Arzt zu finden, der das mitmache, fragt die Reporterin. Er glaube, er sei ein „guter Schauspieler auf kleiner Bühne“ gewesen, erklärt der Mann. Und gibt dann noch zu Protokoll: „Ich glaube, das hätte in keinem anderen Land der Welt so funktioniert.“ Dann schiebt er noch zynisch nach: „Kompliment an den deutschen Staat“.Bürgergeld als „Lebensalternative“?Noch drastischer wirkt der Fall eines Handwerkers, der nach eigenen Angaben neben dem Bürgergeld bis zu 45.000 Euro schwarz verdient. „Die Miete ist bezahlt, die Heizung ist bezahlt“, sagt der Mann. „Jeden Euro, den ich dann schwarz verdiene, das ist dann Taschengeld.“ Anderthalb Jahre lang habe er Termine beim Jobcenter kommentarlos versäumt – „und das Geld kam trotzdem“.Scharf fällt dann auch die Kritik eines langjährigen Jobcenter-Mitarbeiters aus Bremen aus: Fred Göcken spricht in der Doku von einem „offenen Geheimnis“ innerhalb der Behörden, bezüglich der arbeitsunwilligen Empfänger. „30, 40 Prozent machen keine wahren Angaben“, behauptet er. Viele Menschen hätten die Motivation, „im System drinne zu bleiben“. Das Bürgergeld werde so für manche zur „Lebensalternative“. Die Dokumentation zeigt auch positive GegenbeispieleDer Kampf gegen solche Praktiken wirkt allerdings schwierig. Die Reportage zeigt zwar Mitarbeiter des Berliner Jobcenters Tempelhof-Schöneberg, die Hausbesuche bei den Leistungsbeziehern vornehmen. Dort stoßen sie – in Begleitung der Reporterin – auch auf Menschen, die seit Jahren keine Termine wahrgenommen haben, aber dennoch Leistung beziehen. Gegen Missbrauch wolle man vorgehen, heißt es dann. Allerdings seien darunter auch Fälle von psychisch erkrankten oder süchtigen Menschen, die tatsächlich auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Lesen Sie auchGleichzeitig zeigt Sarah Tacke auch positive Beispiele. Wie etwa das eines jungen Mannes namens Leon, der im thüringischen Nordhausen lebt. Weil es dort eine Arbeitspflicht für Bürgergeldempfänger gibt, muss er Schneeschippen (die Doku wurde während mehrerer Monate erstellt). Leon findet das auf Nachfrage hin auch richtig und lobt sogar, dass er durch die Initiative nicht nur zu Hause säße. Und dann ist da noch der Fall der Syrerin Miryam Suleiman, die nach Jahren im Bürgergeld inzwischen in einem Friseursalon arbeitet. Unterstützt wurde sie durch ein kommunales Förderprojekt für Alleinerziehende, aber auch durch das lokale Jobcenter. Lesen Sie auchFerner weist die ZDF-Journalistin in der Sendung korrekterweise auch darauf hin, dass der Schaden, der dem deutschen Steuerzahler durch Steuerbetrug und Skandale wie Cum-Ex entsteht, um ein Vielfaches höher liege als der, der durch womöglich betrügerische Bürgergeldempfänger verursacht wird. Zur Einordnung: Für das Jahr 2026 sind im Bundeshaushalt rund 51 Milliarden Euro für das Bürgergeld reserviert. Studien wie etwa von der Hans-Böckler-Stiftung beziffern den gesellschaftlichen Verlust durch Steuerhinterzieher gleichzeitig auf bis zu 100 Milliarden Euro. Bedient das ZDF plötzlich rechtspopulistische Narrative?Im Internet wird die knapp 45 Minuten lange Sendung seit Tagen kontrovers diskutiert. Auf dem Netzwerk Bluesky etwa, das sich bewusst als linksliberale Alternative zu X positioniert, erntet das ZDF einen regelrechten „Shitstorm“. Einer der Vorwürfe: Das ZDF bediene mit dem Klischee des „arbeitsscheuen“ Bürgergeldempfängers rechtspopulistische Narrative. Mehr noch: Autorin Sarah Tacke sei auf dem besten Weg, „die Julia Ruhs des ZDF zu werden“, ätzen einige Nutzer. (Journalistin Julia Ruhs wurden bei ihrer Arbeit für das Format „Klar“ einseitige Zuspitzungen vorgeworfen, WELT hatte berichtet.)Andere Bluesky-Nutzer empfanden die ZDF-Sendung als negatives Framing und die einzelnen Fallbeispiele als tendenziös. Ein Bürgergeldempfänger, der bei der Vor-Ort-Recherche „von der Nachbarin selten gesehen“ wurde, werde im Beitrag quasi unter Betrugsverdacht gestellt: „Das heißt, hier wird ’ne Wohnung bezahlt, die gar nicht genutzt wird?“, so protokolliert ein Nutzer etwa die Nachfrage der ZDF-Reporterin.Andere Schreiber werfen dem ZDF eine populistische Zuspitzung von Sachfragen vor. Die im Format aufgeworfene Frage, warum es „5 Millionen Bürgergeldempfänger & gleichzeitig 1 Million offene Stellen“ geben könne, sei dumm und spalterisch, heißt es. Schließlich seien in den aktuell fünf Millionen Empfängern auch 1,5 Millionen Kinder erfasst, die ja noch gar nicht arbeiten könnten, sowie Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen oder schlicht und einfach fehlenden Qualifikationen, rechnet ein X-Accountnutzer vor. Neue Grundsicherung sei kein „echter Systemwechsel“Gleichzeitig kursieren bei X auch immer wieder Videoschnipsel aus der Sendung mit den oben erwähnten Protagonisten. Das ZDF wird in einzelnen Kommentaren dann auch gelobt für seinen als „ehrlich“ und „ausgewogen“ empfundenen Blick auf Sozialbetrug. Andere Nutzer nennen die gezeigten Missbrauchsfälle „interessant“. Medien wie „Focus“ oder auch „Bild“ dokumentierten in einzelnen Artikeln zudem extreme Fälle wie den erwähnten, langjährigen „Bürgergeld-Schmarotzer“.Sarah Tacke selbst zieht am Ende ihrer Reportage folgendes Fazit: „Das System macht Missbrauch einfach.“ Deshalb müsse der Sozialstaat strenger kontrollieren – um nur „für die da zu sein, die ihn wirklich brauchen“. Auch auf X meldete sich die ZDF-Redakteurin angesichts der erhitzten Debatte noch einmal zu Wort: „Klar ist: Die allermeisten beziehen Bürgergeld zu Recht. Aber ein System muss Missbrauch verhindern – sonst verliert der Sozialstaat Akzeptanz. Und die neue Grundsicherung (ab dem 1. Juli 2026 heißt das Bürgergeld offiziell ‚Grundsicherungsgeld‘, d. Red.) bringt zwar härtere Sanktionen, ein echter Systemwechsel ist sie aber nicht“, schreibt Sarah Tacke. Zuvor hatte sie auch publik gemacht, dass Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) – die mit der Aussage, dass niemand in die deutschen Sozialsysteme einwandere, für Diskussionen gesorgt hatte – für die ZDF-Doku nicht interviewt werden wollte.krott
ZDF-Doku: „Das System macht Missbrauch einfach“ – ZDF-Reporterin zieht bitteres Fazit nach Bürgergeld-Doku - WELT
45.000 Euro schwarz verdienen, während das Jobcenter trotzdem zahlt: Eine ZDF-Reportage legt offen, wie Bürgergeld-Missbrauch funktioniert. Kritiker werfen dem Sender und Reporterin Sarah Tacke nun Populismus vor.






