Man musste Nikolaj Jacobsen keine Boshaftigkeit unterstellen, beim Blick auf die Aufstellung seiner dänischen Nationalmannschaft für den zweiten Vergleich gegen das deutsche Team. Im ersten dieser beiden Testspiele zwischen der derzeit weltbesten Auswahl an Profihandballern – die Dänen sind Welt-, Europameister und Olympiasieger –, und dem potenziell ersten Herausforderer hatte es für die Auswahl des Deutschen Handballbunds (DHB) in Kopenhagen eine 28:36-Niederlage gesetzt. Und nun, im Rückspiel vor knapp 20 000 Fans in der ausverkauften Kölner Lanxess-Arena, also mit dem Heimvorteil auf deutscher Seite, schickte der dänische Nationaltrainer eine B-Auswahl aufs Feld.Mit derlei Begrifflichkeiten muss man angesichts von Breite und Qualität im dänischen Kader vorsichtig sein. Aber in Welthandballer Mathias Gidsel (zehn Tore im ersten Spiel), Kapitän und Abwehrchef Magnus Saugstrup, Linkshänder Mads Hoxer oder Spielgestalter Thomas Arnoldsen schonte Jacobsen mehrere seiner strapazierten Schlüsselspieler. So gab er Akteuren aus der zweiten Reihe die Gelegenheit, auf hohem Niveau Spielpraxis zu sammeln – was er in Turnieren fast nie macht. Zudem saß Torhüter Emil Nielsen fast die gesamte Spielzeit auf der Bank, Jacobsen beorderte ihn erst in der Schlussphase aufs Feld, und prompt bewies Nielsen, dass er der derzeit wohl weltbeste Torsteher ist: Zum Einstand fing er zwei Rückraumwürfe von Renars Uscins weg, seine Paraden sicherten den Dänen auch in Spiel zwei den Sieg. Der fiel mit 31:29 zwar knapper aus, war angesichts der Umstände für die Deutschen aber genauso ernüchternd.Handball:Wann endet diese schlimme Serie?Neun Niederlagen in zehn Jahren: Seit einer kleinen Ewigkeit haben die deutschen Handballer nicht mehr gegen Dänemark gewonnen – das soll sich nun ändern.Eigentlich sollten die Testspiele gegen Dänemark Aufschluss darüber geben, wie nah das DHB-Team der Referenzgröße im Welthandball gekommen ist. Im kommenden Januar ist Deutschland schließlich Gastgeber der Weltmeisterschaft, dort soll der große Coup gelingen – Gold bei der WM im eigenen Land ist der große Traum. Doch das Fazit von Bundestrainer Alfred Gislason fiel am Mikrofon des übertragenden Senders ProSieben ernüchternd aus: In den vergangenen zwei Jahren habe man den Abstand auf die Dänen zwar verringern können. Eine 13-Tore-Klatsche wie im Olympia-Finale 2024 in Paris hat es seitdem nicht mehr gegeben. Jedoch: „Dass wir nah an Dänemark dran sind, kann ich nicht sagen.“ Das elfte Spiel in Serie hat das deutsche Team nun gegen diese Übermannschaft verloren, der letzte Sieg datiert aus dem April 2016.In Kopenhagen kämpfte sich Gislasons Mannschaft nach einer schwachen ersten Halbzeit und einem 13:21-Rückstand auf drei Tore (23:26) heran, doch dann lief auch dieser Vergleich nach dem altbekannten Muster ab: Das deutsche Team vergab beste Wurfmöglichkeiten oder leistete sich Ballverluste nach technischen Fehlern, die vom Seriensieger umgehend und sehr verlässlich bestraft wurden. Eine Schwächephase ist gegen diesen Gegner kaum zu verkraften; ist Dänemark in der Schlussphase erst einmal vier, fünf Tore einteilt, ist es unmöglich, dies noch aufzuholen.Juri Knorr klagt: „Es wäre vermessen, jetzt zu sagen, dass wir ein Titelkandidat sind“Gislason konnte immerhin für sich apostrophieren, dass auch er in Julian Köster auf einen Schlüsselspieler verzichten musste. Der verletzte Gummersbacher ist im deutschen Team weder im Angriff noch in der Abwehr zu ersetzen, was Gislason zu einem Angriff-Abwehr-Wechsel zwang – gegen ein Hochgeschwindigkeitsteam wie Dänemark ein Nachteil. Immerhin gab die knappe Niederlage von Köln eine Idee davon, wie der roten Übermacht im Januar vielleicht doch beizukommen ist. Zum einen muss Köster unbedingt wieder mitwirken, zum anderen müssen die deutschen Torhüter auf Toplevel agieren, was Andreas Wolff und David Späth nur im zweiten Vergleich in Köln gelang. Auch Spielmacher Juri Knorr (mit acht Toren bester Schütze) muss seine Topform aufs Parkett zaubern; vor ihm haben die Dänen immer noch den größten Respekt, was nicht nur daran liegt, dass er in der heimischen Liga bei Aalborg beständig gute Leistungen liefert.Der Rückraum benötigt aber mehr Durchschlagskraft aus der zweiten Reihe, Miro Schluroff und Renars Uscins konnten hier ein paar Akzente setzen, Bundesliga-Torschützenkönig Marko Grgic hingegen konnte seine Wurfgewalt kaum einbringen. Am Kreis bewies Justus Fischer, dass er mit Kapitän Johannes Golla mittlerweile ein Weltklasse-Duo auf dieser Position bildet. Auch Nils Lichtlein entwickelt sich zu einem international geachteten Regisseur, hat zudem seine Torgefahr deutlich verbessert. Auf den Außenpositionen ist Tim Freihöfer auf der linken Seite die nächste sinnvolle Ergänzung aus dem U21-Weltmeisterteam. Auch das 7:6-Überzahlspiel, das nicht zum deutschen Standardrepertoire zählt, gelang gut: Unerwartet oft nahm Gislason den Torhüter zugunsten des siebten Feldspielers vom Parkett.An einem guten Tag sind die Möglichkeiten vorhanden, die Benchmark im Welthandball anzugreifen – aber es muss schon alles passen. Entsprechend selbstkritisch fielen die Kommentare aus. Natürlich zähle Deutschland bei der WM zu den Medaillenkandidaten, sagte Juri Knorr: „Aber es wäre vermessen, jetzt zu sagen, dass wir ein Titelkandidat sind, wenn wir gegen Dänemark auch gegen die vermeintliche B-Sechs verlieren.“ Nils Lichtlein beklagte die leichten Fehler und gab zu Protokoll, dass es für den Handball im Allgemeinen „wichtig ist, mal zu sehen, dass Dänemark fällt“. Justus Fischer monierte „die 0:3-Läufe in entscheidenden Phasen, das darf uns nicht passieren“.Gislason beklagte „dumme Fehler“ und eine „schlechte Wurfausbeute“, Kapitän Golla befand: „Mit dieser Menge an Fehlern sind wir nicht konkurrenzfähig mit Dänemark.“ Irgendwie klingen die Kommentare nach Spielen gegen den großen Favoriten immer gleich. Bei der EM im Januar hatte Nikolaj Jacobsen nach dem Finalsieg gegen Deutschland noch geunkt, dass fortan in jedem Großturnier mit Deutschland zu rechnen sei – was die Titelvergabe angeht. Aber auch, dass es ihm besondere Freude bereite, gerade diesen Vergleich zu gewinnen.