Eine fiktive Autobiografie, ein gefeiertes Memoir: was man von Don DeLillo und Lena Dunham über die Untiefen des Literaturbetriebs lernen kann.Daniel Haas18.05.2026, 13.07 Uhr4 LeseminutenLena Dunham beschrieb in den nuller Jahren die Verrenkungen der kreativ tätigen Mittelklasse. Bild: 2022.Weiss Eubanks / NBC via GettyEin Zufall des Literaturbetriebs hat das Zeug, etwas Entscheidendes nicht nur über die Gegenwartsliteratur, sondern auch über die Natur des Mediengeschäfts, wie es uns aus zahllosen Kanälen umbraust, selbst auszusagen. Wie Mitte April bekannt wurde, wird «Amazons», eine 1980 unter dem Pseudonym Cleo Birdwell veröffentlichte Romansatire von Don DeLillo, neu aufgelegt. Zeitgleich veröffentlichte Lena Dunham, die Schöpferin der HBO-Serie «Girls», ihre Autobiografie.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Es gibt nur wenige Interviews, auch Lesungen sind rar, und Gesprächsanfragen beantwortet der Autor grundsätzlich mit einer Visitenkarte. Aufdruck: «I don’t want to talk about it.»Lena Dunham ist 39, und man übertreibt nicht, wenn man sie als wichtigste Fernsehautorin ihrer Generation bezeichnet. Die von ihr geschriebene und produzierte Serie «Girls» (2012 bis 2017) handelte von vier jungen Frauen im New York der frühen nuller Jahre. Vor allem ging es um Dunham, die sich quasi selber spielte, eine junge Autorin, die mehr schlecht als recht ihre Karriere startet.Dank exzellenten Dialogen, viel Situationskomik und einem präzisen Blick für die habituellen Verrenkungen der kreativ tätigen Mittelklasse wurde Dunham zur Galionsfigur eines feministischen modernen Erzählfernsehens. Ihr jetzt erschienenes Memoir «Famesick» beschreibt die Krisen jener Zeit, in der Dunham zum Weltstar wurde. Das Medieninteresse ist überwältigend. Allein die «New York Times» hat bislang vier Texte zu Dunhams Buch veröffentlicht, von «People» bis «Vogue» sind grosse Interviews erschienen.Eine fiktive Autobiografie und eine, die auf der Realität basiert. Ein medienscheuer alter Schriftsteller und eine sich den Medien auf allen Kanälen ausliefernde junge Autorin – das sind die beiden Pole eines Literaturbetriebs, der seit Jahren eine Ressource bewirtschaftet, als sei sie der heilige Gral literarischen Gelingens: Authentizität.Medienscheu und Schriftsteller: Don DeLillo in Bologna, 2000.Leonardo Cendamo / Hulton / GettySpätestens seit der steilen Karriere von Karl Ove Knausgard und seiner Memoirenreihe «Mein Kampf» hat die Autobiografie, munitioniert mit fiktiven Elementen, Weltkonjunktur. Millionen Lesende kauften Knausgards Offenbarungsprosa, Tausende Seiten, auf denen der Autor sein Leben bis in die letzten Winkel ausleuchtet. Auch die beiden französischen Literaturstars Emmanuel Carrère und die Nobelpreisträgerin Annie Ernaux schreiben autobiografische beziehungsweise autofiktionale Prosa. Im Herbst wird Carrères jüngstes Werk, «Kolchose», auf Deutsch erscheinen, eine weitere skandalträchtige Inspektion seiner Familiengeschichte.Das immense Medieninteresse sowohl an Dunhams Buch als auch an DeLillos fiktiver Romanbiografie macht deutlich, wie intellektuell fragwürdig das Erfolgsgenre des Memoirs tatsächlich ist. Beide Texte sind als autobiografisch ausgewiesen, für Lesende das Versprechen, dass Wirklichkeit vermittelt wird. Und in beiden Fällen ist die Sache vertrackter, als auf den ersten Blick angenommen: Dunham erzählt von sich selbst als einer Autorin, die sich in der von ihr geschriebenen Serie selber spielte. Das Ich, dessen Geschichte in «Famesick» aufgefächert wird, ist also schon ein gebrochenes; es ist medial vermittelt und Teil einer Fiktion.In eigener SacheDeLillo schrieb mit den erfundenen Memoiren der Eishockey-Sportlerin Cleo Birdwell eine Parodie auf jene Memoirs, die heute den Buchmarkt fluten. Indem sein Buch so tut, als sei es eine auf Tatsachen basierende Autobiografie, führt es das Genre ad absurdum. Für DeLillo ist die Idee, dass Schreibende ihr Leben eins zu eins in einen Text übersetzen könnten, naiv. Für ihn (und viele andere Autoren und Autorinnen der sogenannten Postmoderne) ist eine Figur im Text eben genau das: eine literarische Chiffre, die innerhalb des Zeichensystems Literatur zur Sprache kommt.Die Stimme, die uns von dieser Figur berichtet, ist nicht der real existierende Autor, sondern ein Erzähler oder eine Erzählerin, das heisst wiederum eine Instanz im Text. Wer schreibt, so die Idee, bewegt sich im Reich der Zeichen, und es ist riskant, wenn nicht unredlich, von dieser Sphäre auf die aussersprachliche Realität zu schliessen.Dunhams Medienoffensive wirkt so gesehen wie der Versuch, einen literarischen Text in Gesprächen wieder einzuholen, man könnte auch sagen: einzuhegen. Ihre vielen Interviews wirken wie der nachgerade Kommentar zu einem Buch, das doch eigentlich schon alles sagen wollte; so wird das Interview zu einem weiteren Text über einen Text, der ausgelegt und erklärt, vermittelt und in seinen Bedeutungen aufgefächert werden muss. Genau dies aber ist die Arbeit des Exegeten: Er schlüsselt ein Werk auf, weil sich dessen Bedeutung nicht von selbst versteht. Selbstverständlich ist nur die Wirklichkeit (und die ist oft banal).DeLillo hat den leichteren Part in diesem Medienspiel. Die Rolle des wortkargen Genies ist aufmerksamkeitslogisch gesehen sehr ergiebig: In einer von Stars und Sternchen übervölkerten Sphäre erzeugt das beredte Schweigen mehr Aufsehen als das nächste Geplapper. Deshalb eben das Kärtchen mit knapp formulierter Weigerung, sich zu äussern: «Ich will nicht darüber reden.»Dunham hat einen anderen Weg gewählt: Statt eines Satzes auf einer Visitenkarte ein stetig anschwellender Textstrom – eine gigantische Auslegungsarbeit in eigener Sache. So wirken diese beiden Künstler an den äusseren Enden eines Literaturbetriebs, der sich einer Wirklichkeit bemächtigen will, die im Medium der Literatur gerade nicht zu haben ist.Lena Dunham: Famesick. A Memoir. Random House, New York 2026. 416 S., Fr. 28.90. Bisher nur auf Englisch erhältlich.Cleo Birdwell (Don DeLillo): Amazons. An Intimate Memoir by the First Woman Ever to Play in the National Hockey League. Viking Press, New York 2026. 400 S., Fr. 20.–.Passend zum Artikel
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