Diesen Urlaub wird Christine Kruse nie vergessen. Sie ist damals 27 Jahre alt, in Kirgisistan unterwegs und genießt die freie Zeit, die Natur, geht wandern. Dann passiert es: Sie fällt einfach um, hat einen epileptischen Anfall. „Ich war bewusstlos im Irgendwo“, erinnert sich die heute 35-Jährige. Nach der Rückkehr geht sie zum Arzt. Die Anfangs-Diagnose: ein langsam wachsender, gutartiger Tumor im Kopf.Damals hatte sie große Angst vor weiteren Eingriffen. Ihre erste Reaktion war daher, den Verlauf erst einmal zu beobachten. Ihre Hoffnung: Vielleicht wächst der Tumor ja so langsam, dass er sie Jahrzehnte in Ruhe lässt. Aber die Wirklichkeit holt sie ein. Der Tumor wird bösartig und schnell größer, er muss unbedingt raus. Sonst müsse sie sterben, habe der Arzt in klaren, knappen Worten gesagt.Plötzlich war da nur noch Angst, Panik. „Ich war 28 Jahre alt, ich wollte nicht sterben“, sagt Kruse. Sie habe weinend im Krankenhausflur gestanden. Eine Pflegefachkraft habe sie aufgebaut mit den Worten: „Du kannst es schaffen, andere haben es auch geschafft.“ Für Christine Kruse war dieser Satz eine Aufforderung, zu kämpfen. Sie wollte eine von denen sein, wie sie sagt, die überleben.Etwa 16 000 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 39 Jahren erkranken bundesweit jährlich an Krebs. Die Diagnose torpediert alle Leichtigkeit, alle Unbeschwertheit. Vor allem die Gedanken, keine Zukunft mehr zu haben, machen den Tag bleischwer. „Man fühlt sich so hilflos“, sagt Kruse. Die 35-Jährige war in der schwersten Zeit ihres Lebens nicht allein. Ihre Familie und Freunde waren immer für sie da. Und sie hatte das JuKK.„Jung. Krebs. Kontakt“ ist ein Netzwerk für junge Erwachsene mit Krebs, das unter anderem von der Bayerischen Krebsgesellschaft unterstützt wird. 2015 sei es von einer Betroffenen gegründet worden, weil Selbsthilfeangebote für junge Erwachsene gefehlt hätten, erklärt Kruse. „Junge Menschen, die so plötzlich an Krebs erkranken, haben andere Bedürfnisse, die in der klassischen Ausrichtung der Onkologie – die sich überwiegend an deutlich ältere Patientinnen und Patienten richtet – eben nicht abgedeckt werden.“ Sie wollten mit Gleichaltrigen reden, sich mit jungen Menschen austauschen, denen es genauso geht. Themen wie Ausbildung, Karriere und Familienplanung spielten dabei eine große Rolle.Mastektomie mit 26:„Ich will leben“Vor sechs Jahren starb ihre Mutter an Brustkrebs. Heute ist Hannah 26 Jahre alt und wird sich beide Brüste entfernen lassen. Eine Geschichte über Abschied, Weiblichkeit und die stille Entscheidung, weiterleben zu wollen.Einmal im Monat trifft man sich in der Gruppe. Kruse kommt das erste Mal 2019 dazu. „Ich war nicht mehr allein mit dem, was in mir passiert. Wir alle saßen in einem Boot. Das hat sehr gutgetan.“ Mittlerweile gibt es zwei weitere JuKK-Gruppen, in Ingolstadt und Augsburg. Seit 2021 leitet Christine Kruse ehrenamtlich die Netzwerkgruppe in München.Jeden zweiten Mittwoch im Monat treffen sich nun Betroffene, meist in der Nymphenburger Straße 21a. Mal wird zusammen gekocht, mal macht man gemeinsam Yoga, geht wandern, zum Bowling oder bespricht, welche Sozialleistungen einem Krebspatienten zustehen. Man feiert miteinander das Leben, aber man ist auch miteinander traurig, wenn Ängste lähmen. Oder ein lieb gewordener Freund nicht mehr kommt, weil er es nicht geschafft hat. Auch miteinander zu schweigen, verbindet. Schenkt sogar Kraft.Familie, die Freunde – sie wollen ihren Liebsten natürlich helfen, „aber nachvollziehen, was in einem vorgeht, kann letztlich keiner“, sagt Vinzenz Peukert. „Kein Arzt, auch kein Psychologe“, nur Menschen, die in derselben Situation seien. Seit es das Netzwerk gibt, ist der heute 41-Jährige dabei. Er hat Schilddrüsenkrebs, hat Metastasen und wurde unzählige Male operiert. Das JuKK ist für ihn ein „helfendes Universum“. Hier müsse man sich nicht erklären, keine Therapien beschreiben. Hier spreche man eine gemeinsame Sprache. Vor allem aber lebe man hier wieder auf. Die Krankheit verliert in den Stunden der Gemeinsamkeit, bei schönen Unternehmungen, die Wucht.Segeln nach der Krebstherapie:„Sorgen und Probleme bleiben an Land“Philipp Seifert wird mit 25 von einem Tag auf den anderen todkrank: Lymphdrüsenkrebs. Warum er nun Segeltörns für junge Menschen nach der Krebstherapie anbietet.Konzentrationsschwierigkeiten, eine geringere Belastbarkeit – Christine Kruse spürt die Folgen ihrer Krebserkrankung immer wieder. „Ich brauche einfach sehr viele Pausen“, sagt sie. Aber durch JuKK und ihre Arbeit im Netzwerk sei ihr eigener Krebs nicht mehr ständig im Alltag präsent. Sie habe gelernt, ihre Psyche zu stärken, ihren Körper zu verstehen und besser auf sich zu hören. „Und das Beste an meinem Krebs ist es, dass ich anderen meine Hilfe anbieten kann“, freut sich die Gruppenleiterin.Ein großes Anliegen ist dem Netzwerk, die Öffentlichkeit für junge Erwachsene mit Krebs zu sensibilisieren. Das JuKK ist auf Veranstaltungen wie Krebsinfotagen dabei, auf Social Media aktiv und es werden Vorträge gehalten. Wichtig ist auch der Austausch mit Ärztinnen und Ärzten sowie mit Institutionen.Eine junge Mutter ist seit 2023 in der Gruppe. Sie möchte ihren Namen nicht gern nennen. Mit 33 Jahren entfernte man ihr ein Melanom, da war sie gerade schwanger. Nach der Geburt erfuhr sie, dass der Schwarze Hautkrebs bereits gestreut hatte. „Ich war jung, gerade Mutter geworden und war krank“, erinnert sich die heute 39-Jährige. Sie habe nur gedacht, wie unfair das alles sei. Weil ihr doch noch so viel vom Leben fehle. „Leckt mich alle am Arsch“, dachte sie und stürzte in ein depressives Loch.Im JuKK kommt sie zur Ruhe. Weiß um das Schicksal der anderen. Fühlt sich sicher. „Keiner hat mich so verstanden wie ihr“, sagt sie zu Christine und Vinzenz – stellvertretend für die ganze Mittwochsgruppe. Jetzt ist die 39-Jährige zum zweiten Mal schwanger.Auch Vinzenz ist im Moment stabil. Christine Kruse geht es gut. Ihre Magnetresonanztomografie (MRT) ist unauffällig, acht Jahre nach ihrer Diagnose. Ohne das JuKK würde es ihnen nicht so gut gehen wie jetzt. Darin sind sich alle drei einig.JuKK: Netzwerk für „Junge Krebsbetroffene zwischen 18 und 40 Jahren“, Kontakt über Webseite www.jukk.de oder über die E-Mail kontakt@jukk.de