GastkommentarDie Medien stecken in einer lebensbedrohlichen Krise. Wer rettet sie? Ein Weckruf von Roger SchawinskiWegen einbrechender Werbeeinnahmen drohen der Medienbranche irreversible Schäden. Nun braucht es staatliche Subventionen – und ein Umdenken bei Stiftungen und Mäzenen.Roger Schawinski18.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenRegionale und lokale Medien sind auf Unterstützung angewiesen, sonst droht eine Verflachung des Angebots. Eine Kioskfrau in Zürich 1936.Photopress-Archiv / KeystoneDie Analyse ist banal. Seit 2010 haben die Schweizer Medien rund 80 Prozent ihrer Werbeeinnahmen verloren. Dies vor allem an amerikanische Portale wie Google und Facebook. Parallel dazu sackten die Auflagen der bezahlten Presse ab.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.KeystoneEine radikale Prognose des Ringier-CEO Marc Walder erhielt kürzlich sehr viel Aufmerksamkeit. Neben der SRG, so sagte Walder, würden nur drei private Medien dank ihrer starken Internetpräsenz überleben: NZZ, «20 Minuten» und natürlich der hauseigene «Blick». Die lokalen Medien würden allesamt verschwinden, da sie keine überlebensfähige Online-Position aufgebaut haben. Sie sind laut Walder bald weg, von Tamedia bis CH Media, mitsamt allen Heftli aus seinem Ringier-Verlag.Einnahmen stagnieren auf tiefem NiveauSo heftig wird es wohl nicht ablaufen. Aber als Erstes werden die Medien verschwinden, die nur einen Einkommensstrom haben: die sklerotische Werbung. So musste die mit Abstand grösste und während langer Zeit kommerziell erfolgreichste Schweizer Zeitung – das Gratisblatt «20 Minuten» – ihre Printausgabe einstellen.Vor kurzem geriet auch Christoph Blochers Portefeuille mit 23 Gratiszeitungen und einer Gesamtauflage von 700 000 Exemplaren in Schwierigkeiten. Weshalb sich Blocher entschied, sein Medienimperium an die Nau-Gruppe zu verkaufen. Andere Gratiszeitungen wie die «Obersee-Nachrichten», die «Luzerner Rundschau» und einige kleinere Gratisblätter sind bereits ganz verschwunden.Im Newsroom von «20 Minuten» wird das reichweitenstärkste Nachrichtenportal der Schweiz bespielt.Gaëtan Bally / KeystoneDie meisten Online-Portale operieren ohne Paywall. Eine solche Massnahme ermöglicht zwar zusätzliche Einnahmen, reduziert jedoch die Reichweite. Das ist vor allem für neue Angebote fatal, wie Markus Somm mit seinem Portal «Nebelspalter» erfahren musste. Auch die nur zögerlich eingeführte Paywall beim «Blick» brachte keine befriedigenden Resultate. Zudem stagnieren die Online-Werbeeinnahmen vielerorts auf tiefem Niveau.Hoffnungen auf Online sind zerplatztBruno Hug, der während vieler Jahre die Gratiszeitung «Obersee-Nachrichten» geführt hat und zurzeit ein Online-Angebot mit 25 Portalen betreibt, hat es in der NZZ kürzlich anschaulich erklärt: Die Online-Werbung bringt im Vergleich zu den alten Print-Zeiten bloss fünf Prozent der früheren Erlöse. Die Hoffnungen auf eine Rettung durch Online sind weitgehend zerplatzt. Alle Medien stehen unter massivem Druck. Und jene, die nur eine Einkommensquelle haben, sind am stärksten bedroht.Dies betrifft auch die privaten Radio- und Fernsehsender, die systembedingt allein auf Werbeeinnahmen angewiesen sind. Im Jahr 2000 konnte Radio 24 rund 8 Millionen Franken ins Programm und ins Marketing investieren – und erzielte darüber hinaus einen ebenso hohen Gewinn. Heute erreicht kein Radio solche Werte auch nur ansatzweise. Radio 1, das ich 2008 gegründet habe, nimmt derzeit für die nur punktuell reduzierten Programmleistungen jährlich 2,4 Millionen Franken ein – Tendenz eher fallend.In der Schweiz werden nur Sender in Randregionen mit staatlichen Subventionen gestützt. Das hat historische Gründe. Bei der Einführung dieses Konzepts ging man davon aus, die Sender in den grossen Agglomerationen könnten sich allein mit Werbeeinnahmen finanzieren, was lange funktioniert hat.Doch in den letzten zwanzig Jahren hat sich diese Ausgangslage zusehends verschlechtert, ohne dass dies zu einer Änderung der staatlichen Unterstützung geführt hat. Diese verharrt weiterhin auf der alten, völlig überholten Ausgangslage. Ein Radiosterben ist bisher ausgeblieben, aber die sinkenden Einnahmen haben zu einer starken Konzentration innerhalb der Branche geführt. CH Media dominiert heute mit einem Portefeuille von zwölf regionalen und nationalen Radios, die alle aus der Zentrale in Zürich Oerlikon gesteuert werden. Das gilt auch für die elf hauseigenen Fernsehsender. Ringier kontrolliert sieben Radiosender.Verflachung des journalistischen AngebotsTrotz den damit erzielten Synergieeffekten wurde das Programmangebot überall weiter ausgedünnt. Recherchen und lange Wortsendungen sind nicht mehr vorhanden, Gleiches gilt für journalistische Eigenleistungen. Das Geld für Reporter fehlt weitherum. Ein Sender wie Radio 1 hatte beim Start vor achtzehn Jahren zehn Nachrichtenredaktoren. So viele arbeiten heute auch bei CH Media. Doch diese liefern ihre stündlichen Nachrichten an nicht weniger als 16 Radiostationen! Die Folge ist eine Verflachung des journalistischen Angebots – vor allem im regionalen und lokalen Bereich.Ein qualitativ hochstehendes, lokal verankertes und unabhängiges Privatradio, das regelmässig auch Service-public-Aufgaben erfüllt, ist also allein mit Werbeeinnahmen nicht mehr finanzierbar. Das schaffen nur noch aufgeblasene Dudelfunks, vorzugsweise als Teil eines grossen Senderverbunds.Ein zweiter Einkommensstrom ist deshalb dringend notwendig. Doch vom Bund ist wenig zu erwarten. Dort gilt der Grundsatz: Einmal Subvention, immer Subvention. Davon profitieren seit Jahrzehnten allein die SRG, die Bergradios und die Zeitungen, deren Zustellungskosten subventioniert werden. Eine Anpassung an diese völlig veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse ist politisch nicht in Sicht. Im Jahr 2020 wurde vom Stimmbürger ein umfassendes Medienpaket klar abgelehnt, von dem vor allem die grossen Verleger profitiert hätten. Neue Vorschläge, vor allem für die angeblich so trendigen Online-Angebote, blieben bisher im parlamentarischen Prozess stecken.Hilfe muss also von anderswo kommen, etwa von Kantonen, Städten und Gemeinden. Diese unterstützen das Kulturangebot, ebenso den Sozial- und Sportbereich. Sie übernehmen Informationsaufgaben, mit denen sie die Bevölkerung in möglichst vielen Lebensbereichen beraten. Eine Unterstützung von regionalen und lokalen Medien findet hingegen nicht oder nur am Rande statt – auch weil es lange nicht notwendig war. Doch heute ist das anders.Mäzene unterstützen vor allem ExtrempositionenDer Kanton Freiburg fördert gefährdete regionale Medien mit rund 3,75 Millionen Franken. Der Kanton Waadt vergibt direkte Förderbeiträge für Medienprojekte. Gleiches tut der Kanton Genf. Die Westschweiz ist also aktiver als die Deutschschweiz, weshalb es hier eines Paradigmenwechsels bedarf. Unabhängige journalistische Medien, die klar definierte lokale und regionale Service-public-Leistungen erbringen, sollen gefördert werden, bevor sie von der Bildfläche verschwinden.Dazu braucht es weitere Ansätze. Die Schweiz ist ein Land der Stiftungen. Es gibt mehr als 13 000 gemeinnützige Stiftungen mit einem Gesamtvermögen von 140 Milliarden Franken. Viele dieser Stiftungen übernehmen Risiken, die vom Markt nicht getragen werden können oder vom Staat gemieden werden. Dabei wird meist zwischen Non-Profit- und Profit-Projekten unterschieden. Doch diese klassische Unterscheidung verliert in der Medienkrise an Bedeutung.Heute kämpfen auch profitorientierte Medien um das nackte Überleben. Es ist deshalb notwendig, dass möglichst viele Stiftungen ihren Stiftungszweck auf diese neuen Bedürfnisse erweitern. Gelder von Stiftungen können einen Teil des so unerlässlichen zweiten Einkommensstroms bei professionell geführten lokalen Medien bilden, die für eine gelebte Demokratie unerlässlich sind.Gleiches gilt für Mäzene. Einige von ihnen unterstützen bis anhin Medien, die ideologische Extrempositionen einnehmen. Wichtig wäre es jedoch, dass auch journalistisch seriöse und unabhängige Mainstream-Medien mit regionalen Informationsinhalten alimentiert werden, deren journalistische Freiheiten damit aber nicht eingeschränkt werden sollen. Diese Aufgabe können ebenfalls private Sponsoren übernehmen, wie das im angelsächsischen Raum schon länger geschieht.Verluste von Radio 1 bleiben bis heute bestehenZum Schluss eine persönliche Bemerkung: Seit achtzehn Jahren versuche ich mit Radio 1 gegen den rasanten Strukturwandel anzukämpfen. Als einziges subventionsloses Privatradio liefern wir lange Wortsendungen, Hintergründe und aktuelle Interviews. Als Geschäftsführer habe ich noch nie ein Salär bezogen, und die Anfangsverluste im hohen einstelligen Millionenbereich blieben bis heute bestehen. Dies ist für mich dank den Erfolgen der Vergangenheit kein Problem. Aber irgendwann muss ich meinen potenziellen Nachfolgern einen Betrieb mit einer gesunden wirtschaftlichen Basis übergeben können.Deshalb möchte ich für die Rettung der gebeutelten regionalen Medienlandschaft kämpfen, so wie ich mich vor kurzem für die Erhaltung von UKW eingesetzt habe. Und ich hoffe für diese noch viel gewichtigere Aufgabe auf Mitstreiter, weil der unmittelbar bevorstehende «tipping point» eines zentralen Teils unserer Medienlandschaft nicht eintreten darf. Der Schaden für unser Land wäre schlicht zu gross.Roger Schawinski ist Gründer und Geschäftsführer des Privatsenders Radio 1.Passend zum Artikel