Eine frische Stimme für die Wunderwelt des Liedes – der Bariton Konstantin KrimmelEr nimmt das Erbe von Vorbildern wie Hermann Prey und Dietrich Fischer-Dieskau selbstbewusst an und gehört bereits selbst zu den führenden Liedsängern unserer Zeit. Das unterstreicht Konstantin Krimmel nun auch an den Jubiläumskonzerten der Schubertiade.Marianne Zelger-Vogt18.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer Sänger Konstantin Krimmel, 2025.PDOb ein Ereignis historische Bedeutung erlangen wird, erweist sich in der Regel erst im Nachhinein. Als der gefeierte Bariton Hermann Prey im Mai 1976 zur ersten Schubertiade ins vorarlbergische Hohenems einlud, kündigte er Grosses an: ein Schubert-Festival in einem «festlichen Rahmen weitab vom Festspielbetrieb», bei dem nach einer zweijährigen Einführungszeit ab 1978, 150 Jahre nach dem Tod Franz Schuberts, dessen Gesamtwerk in chronologischer Reihenfolge zur Aufführung gelangen sollte. Ein kühnes Vorhaben, zu dem die NZZ in ihrer Berichterstattung damals kritisch anmerkte, man werde hoffentlich in Hohenems «klug genug sein, das chronologische Prinzip nicht um jeden Preis» durchzusetzen. Es zeigte sich denn auch bald, dass eine Aufführung von Schuberts riesigem Gesamtwerk finanziell nicht zu realisieren war, was den Rücktritt Preys zur Folge hatte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seither hat sich die Schubertiade entscheidend weiterentwickelt, sie gehört heute zu den führenden Festivals im Liedgesang und in der Kammermusik, auch weil man sich längst von der Fixierung auf Schubert gelöst hat. Die Konstante in dieser nunmehr 50-jährigen Geschichte ist der Intendant Gerd Nachbauer, der schon bei der Gründung 1976 als Geschäftsführer wirkte und das Festival als wohl weltweit dienstältester Intendant seit 1980 leitet. Nachbauer ist ein Musikmanager mit untrüglichem Spürsinn für junge Talente und verlässlicher Treue gegenüber bewährten Kräften.Zum Auftakt der Jubiläumssaison hat er sich etwas Besonderes ausgedacht: eine genaue Rekonstruktion des Programms der allerersten Schubertiade vom Mai 1976 in Hohenems. Ein Rückblick also, der nachvollziehbar macht, wie sich das Festival während dieses halben Jahrhunderts verändert hat, und zugleich eine Reverenz an ein Ereignis, von dem man heute sagen kann, dass es für die Musikwelt tatsächlich von historischer Bedeutung war.Natürlichkeit im KunstliedDas sängerische Pensum, das sich Hermann Prey seinerzeit zumutete, war jetzt mit drei Konzertauftritten zum grössten Teil dem 33 Jahre alten deutschen Bariton Konstantin Krimmel anvertraut. Krimmel hat sich trotz seiner noch jungen Karriere bereits als einer der bedeutendsten und engagiertesten Liedinterpreten der jüngeren Generation profiliert. Zusammen mit seinem Fachkollegen Andrè Schuen zählt er zu den gefragtesten Schubertiade-Künstlern.Konstantin Krimmel und sein Klavierbegleiter Ammiel Bushakevitz an der Schubertiade Hohenems 2026.SchubertiadeVor dem Eröffnungskonzert im Markus-Sittikus-Saal erzählt Krimmel von seiner engen Beziehung zum Lied. Das Mobiliar im Künstlerzimmer ist, passend zu Schubert, biedermeierlich, das Klavier ein Produkt der altehrwürdigen Wiener Firma Ehrbar. Doch ein Camper, der direkt hinter dem Künstlereingang steht, ist ein Erzeugnis unserer Zeit: Es ist das mobile Zuhause von Krimmel, der ungern von Hotelzimmer zu Hotelzimmer umzieht.Krimmel hat zuerst in einem Knabenchor in seiner Heimatstadt Ulm gesungen und die «Wunderwelt des Liedes», wie er sagt, erst während des Studiums in Stuttgart entdeckt, dann aber intensiv. 2018 gewann er den Helmut-Deutsch-Wettbewerb, zwei Jahre später debütierte er bei der Schubertiade in Hohenems und noch im selben Jahr in der Londoner Wigmore Hall, einem anderen Leuchtturm des Liedgesangs. Hermann Prey hat er nicht mehr live gehört, aber durch die Erzählungen Gerd Nachbauers gewissermassen aus der Nahsicht kennengelernt. Hat er sich von Preys Einspielungen inspirieren lassen? «Zu Beginn meiner Laufbahn habe ich öfter Aufnahmen von anderen Sängern angehört, aber ich wusste bald: Ich will meinen eigenen Weg finden, ich habe meine eigene Methode, wie ich die Lieder lerne und die Texte interpretiere.»Ausgangspunkt ist dabei der Liedtext. «Manchmal würde ich gerne nochmals zur Schule gehen, ich würde dann viel besser aufpassen, wenn Gedichte behandelt werden», meint er schmunzelnd. Er lerne die Texte stets auswendig, wobei die Verknüpfung mit dem Notentext das Memorieren leichter mache. Nur wenn er den Text sicher beherrsche und keine Noten vor sich habe, könne er dem Publikum die in den Liedern vermittelten Geschichten frei und unmittelbar erzählen.Im Fall des aus grösstenteils selten aufgeführten Werken komponierten ersten Jubiläumsprogramms muss das ein enormes Lernpensum bedeutet haben. Doch davon ist am Konzert nichts zu spüren. Die Spannweite seiner warmen, wandlungsfähigen Stimme zum Leisen wie zum Dramatischen hin voll ausschöpfend, verleiht Krimmel den von Sehnsucht, Weltschmerz und Tod handelnden Liedern eine Intensität, die das Publikum zwei Stunden lang in Bann hält. Selbst die extremsten Gefühlsäusserungen bleiben frei von Pathos und Sentimentalität.Welten kreierenNatürlichkeit sei sein Ideal als Interpret, hatte Krimmel bei unserem Gespräch erklärt. Die Baritonlage seiner Stimme komme dem entgegen. «Sie ist der Sprechstimme am nächsten, begünstigt eine deutliche Diktion, während es schwierig ist, in höchsten Lagen Vokale klar zu artikulieren.» Als ein sängerisches Vorbild nennt Krimmel überraschenderweise den Schlager- und Operettensänger Peter Alexander. «Er hatte diese Natürlichkeit des Singens, es klang bei ihm alles mühe- und schwerelos. So soll es sein, die Hörer dürfen von den technischen Schwierigkeiten des Gesangs nichts mitbekommen.»Krimmel hat neben dem Liedgesang ein zweites künstlerisches Standbein, die Oper. Seit 2021 ist er Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper München und wird dort vor allem in Mozart-Opern gefeiert, als Papageno, Figaro, Don Giovanni. Das Wirken in einem Team, das Spiel in Bühnenbildern und Kostümen mache ihm im Idealfall viel Spass. Doch ganz eigene Welten könne er nur im Lied kreieren. Allein mit einem Begleiter – beim Eröffnungskonzert in Hohenems war es der brillante Ammiel Bushakevitz – auf leerer Bühne zu stehen, nicht wie in der Oper eine Person unter anderen darzustellen, sondern in einem einzigen Lied verschiedenen Charakteren Sprache, Ausdruck, Gefühl zu verleihen: Das bedeute für ihn künstlerische Erfüllung.Weitere Schubertiade-Konzerte mit Konstantin Krimmel am 21. und 23. Juni und am 22. August in Schwarzenberg.Passend zum Artikel
Jubiläum der Schubertiade: Wie der junge Bariton Konstantin Krimmel zum Bannerträger des Liedes wurde
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